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Schneiden oder nicht?

Eine Leitlinie fasst erstmals in dieser Form den Wissensstand zu Vor- und Nachteilen von Kaiserschnittgeburten zusammen

  • Von Ulrike von Leszczynski
  • Lesedauer: 4 Min.

Kaiserschnitt ja oder nein? In Deutschland will eine erste Leitlinie der medizinischen Fachgesellschaften Ärzten und werdenden Eltern Hilfe bei dieser Entscheidung bieten. Denn nur bei zehn Prozent der Geburten gilt die Operation als wirklich nötig. In Deutschland hat sich die Kaiserschnittrate laut Statistischem Bundesamt aber bei fast 30 Prozent eingependelt: Das waren 2018 rund 220 500 Schnitte in Bauchdecke und Gebärmutter von Frauen. Seit Anfang der 90er Jahre hat sich die Quote verdoppelt. Ist das sinnvoll?

Einen Grenzwert will die neue Leitlinie auch aufgrund fehlender Daten nicht vorgeben, betonen die Mitautoren der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG). Es dürfe aber als gesichert gelten, dass eine Sectio-Rate von über 15 Prozent keinen größeren Gesundheitsgewinn bringe, weder für Mutter noch für Kind. Deshalb sollten Kaiserschnitte medizinisch gut begründet sein.

Die Leitlinie mit vielen Studienergebnissen ist in der Langfassung ein Buch von mehr als 130 Seiten. Es fasst den Wissensstand zusammen, erhebt aber nicht den Anspruch, auf jede Frage eindeutige Antworten zu haben. Denn Vor- und Nachteile bei vaginaler Geburt und Kaiserschnitt sind kein Schwarz-Weiß-Puzzle. Manches ist nicht genügend erforscht.

Als unstrittig gilt laut Leitlinie, dass ein quer liegendes Baby, ein drohendes Reißen der Gebärmutter, eine falsche Position des Mutterkuchens oder dessen vorzeitige Ablösung Indikatoren für einen Kaiserschnitt sind. Bei allen anderen Schnittentbindungen - immerhin rund 90 Prozent - sei dagegen eine Abwägung der Risiken für Mutter und Kind geboten. Die Leitlinie setze sich auch mit Alternativen zum Kaiserschnitt auseinander, sagt Koordinator Frank Louwen vom Universitätsklinikum in Frankfurt am Main.

An sachlicher Information und Beratung scheint es manchmal zu fehlen. »Bisher wurde hauptsächlich nach ›Expertenmeinung‹ beraten und gehandelt, wobei häufig jeder sein eigener Experte ist«, erklärt Patricia Van de Vondel von der Frauenklinik im Kölner Krankenhaus Porz am Rhein. Ursachen für die hohe deutsche Sectio-Rate lägen auch an Fehlern im System: mangelnde Ausbildung, fragwürdige Organisation, Vergütung und fehlendes Personal.

Die Meinungen, was bei Kaiserschnitten zu viel ist, sind aber schon an der Uniklinik Leipzig gespalten. »Ich finde die Kaiserschnittrate in Deutschland vertretbar, weil niemand weiß, was die ›richtige‹ Kaiserschnittrate ist«, sagt Holger Stepan, Direktor der Klinik für Geburtsmedizin. Die Rate sei deutlich höher, als sie sein sollte, urteilt dagegen Ulrich Thome, Leiter der Neugeborenenabteilung. Für Frauen sei ein Kaiserschnitt eine schwere Verletzung. Es gebe sicher eine Reihe von Stellschrauben, um die hohe Quote zu senken.

Wie in Deutschland entbunden wird, hängt auch vom Wohnort ab. Die Raten unterscheiden sich zwischen den Bundesländern erheblich. Im Osten kommen nach einer Analyse des Science Media Centers deutlich weniger Kinder per Kaiserschnitt zur Welt. Die niedrigste Rate hatte zuletzt Sachsen mit 24 Prozent, die höchste das Saarland mit 40 Prozent. Ein Check des Centers auf Basis von Qualitätsberichten der Krankenhäuser für 2018 ergab, dass auf Bundesebene gut jede zehnte der insgesamt 686 Geburtskliniken weit über dem Toleranzbereich für Kaiserschnittraten liegt. Die Quoten schwankten demnach zwischen 10,4 und 66,7 Prozent. Auffällig: Die höchsten Raten produzierten oft kleinere Häuser, aber keine einzige Klinik mit über 1000 Geburten im Jahr. Van de Vondel vermisst in der Leitlinie deshalb eine Forderung nach mehr Zentralisierung.

Eine Geburt ohne Risiko gibt es nicht. Eine vaginale Entbindung bringt nach vielen Studien jedoch weniger Komplikationen für die Mutter mit sich. Das Risiko für das Kind gilt in absoluten Zahlen als sehr niedrig. Bei vaginaler Geburt ist aber laut Studien das Risiko für Inkontinenz und Beckenbodenprobleme für die Mutter höher als bei einer Sectio. Ein Kaiserschnitt dagegen kann ein erhöhtes Risiko für Unfruchtbarkeit und Komplikationen bei weiteren Schwangerschaften bergen. Zudem scheint der fehlende Kontakt des Kindes mit der mütterlichen Scheidenflora dessen spätere Gesundheit zu beeinträchtigen. Für viele Ärzte gilt es als ungewiss, wie sehr Kaiserschnitte mit gesundheitlichen Langzeitrisiken verbunden sind.

Im europäischen Vergleich liegt die Kaiserschnittrate in Deutschland im Mittelfeld. Alle skandinavischen Länder haben aber deutlich niedrigere Quoten. In Finnland lag sie laut Science Media Center 2018 bei 16,7 Prozent, bei einer der geringsten Sterberaten für Mütter und Babys weltweit. Finnische Krankenhäuser sind in kommunaler Hand, sie arbeiten nicht in erster Linie gewinnorientiert. Alle Kliniken mit weniger als 1000 Geburten im Jahr wurden, ausgenommen das dünn besiedelte Lappland, geschlossen.

Schätzungen zufolge wünschen sich zehn Prozent der Frauen in Deutschland ohne triftigen Grund eine Sectio - etwa aus Angst vor Wehen und Beckenbodenschäden, aus Sorge um das Baby und wegen besserer Planbarkeit. Überzeugungsarbeit für eine vaginale Geburt kostet Zeit, die in vielen Kliniken wohl kaum jemand hat. In vielen deutschen Kliniken fehlen zudem Hebammen. Kaiserschnitte sind für die Häuser besser zu planen, können zügiger abgewickelt werden und binden weniger Personal. Und sie werden als Operation besser vergütet als eine vaginale Geburt. dpa/nd

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