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Bauern suchen Kontakt

In Berlin halten derzeit Landwirte aus ganz Deutschland eine »Mahnwoche« ab

  • Von Jana Frielinghaus
  • Lesedauer: 3 Min.

Um die 20 Männer und Frauen stehen am Mittwochmorgen auf dem Potsdamer Platz in Berlin-Mitte. Sie haben vier Traktoren, einen Lieferwagen mit einer Kuhskulptur obendrauf, Sonnenschirm, Gartenstühle und Campingtisch mitgebracht. Auf letzterem stehen Getreide- und Feldblumensträuße, Körbe mit Samen und anderen Mitgebseln, Flugblätter liegen davor.

Es ist Tag drei der »Berliner Mahnwoche«, zu der Landwirte aus Nordfriesland, Mecklenburg, Niedersachsen, aus der Eifel und anderen Ecken der Republik gekommen sind. Sie wollen mit Hauptstädtern, Politikern und Touristen ins Gespräch kommen. Die Flyer tragen das Logo der Anfang Oktober 2019 gegründeten Bewegung »Land schafft Verbindung« (LsV), die im Herbst zu großen Treckerdemos im ganzen Land mobilisiert hatte.

Kurz vor Beginn der Mahnwachenaktion aber hatten 500 Landwirte aus Schleswig-Holstein Schlagzeilen gemacht: Mit Traktoren »malten« sie ein Symbol. Durch Scheinwerfer und Rücklichter entstand in der Dämmerung das Bild eines Pfluges und eines roten Schwerts (siehe »nd« vom Dienstag). Das Problematische: Es handelte sich um das Symbol der Landvolkbewegung, die in Schleswig-Holstein Ende der 1920er Jahre auch Terroranschläge verübte. Teile der Bewegung gelten zudem als Unterstützer der NSDAP schon Jahre vor der Machtübertragung an Adolf Hitler 1933. Folgerichtig verurteilten Politiker aller Parteien die Aktion.

Initiator Jann Henning Dircks hält dennoch an der Verwendung des Symbols fest. Er beteuert, nichts mit rechtem Gedankengut und mit Gewalt zu tun zu haben und betont, dass die Forderungen der Landvolkbewegung angesichts der Not der Landwirte in der Weltwirtschaftskrise berechtigt gewesen seien. In einem Video vom Sonntag hält der schlaksige Norddeutsche eine Landvolkfahne in die Kamera und verkündet, er werde sie an seinem Traktor mit zur Mahnwoche nach Berlin nehmen.

An zwei Schleppern auf dem Potsdamer Platz sind die Fahnen zu sehen. An einem hängen zwei davon gekreuzt, vorn an der Maschine prangen die Sätze »Lieber stehend für etwas kämpfen als kniend leben« und »Wer den Wind sät, wird den Sturm ernten«. Plus drei Ausrufezeichen.

Es gibt auch andere Slogans und Schilder, außerdem Deutschlandfahnen. Keiner der Mahnwachenteilnehmer scheint die Landvolkfahnen problematisch zu finden. Sie argumentieren wie Dircks und finden, Politik und Medien wollten den Bauernprotest »in die rechte Ecke stellen«. »Aber wir lassen uns nicht spalten«, betonen Milchbauer Philipp Dreyer aus Niedersachsen und Sabine Rademacher, die nahe Hamburg Rinder züchtet.

Allerdings: Gespalten sind die Bauern letztlich schon. Während »LsV - Das Original« auf Facebook zur Mahnwoche mobilisiert hat und Videostatements von Teilnehmern postet, distanziert sich LsV Deutschland im Zusammenhang mit der Leuchtbildaktion der Norddeutschen davon.

Sabine Rademacher hofft trotzdem, mit ihren Anliegen zum Verbraucher oder gar zur Politik durchzudringen. Sie warnt vor dem EU-Mercosur-Abkommen, durch das noch mehr Importlebensmittel ins Land kämen, die etwa mit massivem Glyphosateinsatz erzeugt wurden. Hierzulande würden dagegen immer neue Umweltauflagen erlassen. Sie sei dafür, betont Rademacher, die sich vor genau einem Jahr von ihren 180 Milchkühen getrennt hat und seither nur noch Nachwuchs für andere Milchviehhalter großzieht und an die Kollegen verkauft. Aber mehr Umweltschutz müsse bezahlt werden.

Sie und Dreyer wollen mit Bürgern darüber sprechen, dass sie nur mit Zuverdienst der Partner und unentgeltlicher Hilfe der Eltern ihre Höfe halten können. »Ich habe 320 Arbeitsstunden im Monat«, sagt Dreyer, dessen Vater momentan zu Hause die Kühe versorgt. Rademacher erzählt, ihre Tochter würde ihren Hof gern übernehmen. Sie habe ihr davon abgeraten.

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