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Konkurrenzkampf am Kassenterminal

Der Zahlungsdienstleister Wirecard hofft auf ein gutes Zeugnis - andernfalls droht ein Skandal

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 3 Min.

Einst galt der Finanzdienstleister Wirecard als ein Hoffnungsträger der hiesigen Finanzwelt. Das 1999 gegründete Unternehmen ist eine der weltweit größten digitalen Plattformen im Finanzbereich. Als DAX-Mitglied gehört es zu den 30 wichtigsten börsennotierten Unternehmen Deutschlands. Doch die Erfolgsgeschichte entwickelte sich zu einer Geschichte voller Skandale.

Im Zentrum stand ein früherer »Topagent« des libyschen Geheimdiensts: Rami El Obeidi. Dieser soll vergangenes Jahr zwei britische Detekteien auf Hedgefonds angesetzt haben. Die Fonds wiederum sollen auf den Kursverfall bei Wirecard spekuliert haben, berichtete die britische Zeitung »Financial Times« (»FT«) Ende 2019. Obeidi, dem Artikel zufolge selber Aktionär von Wirecard, habe nach Beweisen gesucht, dass der Kurs der Aktie manipuliert worden sei.

Einer der Ausspionierten war demnach Nick X. Der war bereits im Juli in die Schlagzeilen geraten, nachdem Wirecard behauptet hatte, »unwiderlegbare Beweise« für eine Zusammenarbeit zwischen Mitarbeitern der »FT« und Spekulanten zu besitzen. Dazu muss man wissen, dass Medienberichte die Kraft haben, Aktienkurse abstürzen zu lassen. Spekulanten, die vor Erscheinen eines solchen Berichtes von dessen Inhalt wissen, könnten erfolgreich auf den Kursfall wetten. Solch Insiderwissen zu nutzen ist allerdings verboten.

Die Attacke auf die Zeitung kann als Retourkutsche des umstrittenen Wirecard-Bosses Markus Braun gelten. Die »FT« hatte zuvor unsaubere Abrechnungspraktiken dokumentiert und einem Manager in Singapur der Geldwäsche bezichtigt. Wirecard dementierte, klagte und beauftragte die Wirtschaftsprüfungsfirma KPMG. In ihrem Prüfbericht bemängelt KPMG im April fehlende Originaldokumente. Ein Freispruch sieht anders aus.

Anfang Juni eskalierte dann die Situation. Nach einer Razzia in der Firmenzentrale bei München wuchs vor allem der Druck auf Firmenchef Markus Braun. Auslöser der Durchsuchungsaktion war eine Anzeige der deutschen Finanzaufsicht Bafin wegen illegaler Marktmanipulation.

Zahlungsdienstleister bewegen sich auf einem Feld, das, seit Einführung der EC-Karte, Banken und Sparkassen vorbehalten war. Doch viele verschliefen die technische Entwicklung oder trennten sich von dem Geschäft, wie etwa die Deutsche Bank. So konnten sich Zahlungsdienstleister zwischen Verbraucher und Händler schieben und die Funktion eines Mittlers einnehmen. Dem Händler garantiert der Mittler, dass auch tatsächlich gezahlt wird. Dafür zahlt der Händler eine Risikoprämie, die um die 1,5 Prozent des Umsatzes liegt. Zahlungsdienstleister übernehmen zudem für Banken die technische Abwicklung von Kreditkarten. Da ihre Dienstleistungen aber stabile Erträge versprechen, bargeldloses Bezahlen durch Corona noch einmal gepuscht wurde, investieren Finanzinvestoren gerne in neue Plattformen. All das könnte die Attacken auf Wirecard und Braun erklären.

Braun trat 2002 in den Vorstand der Wirecard AG ein und machte aus einem fast gescheiterten Start-up ein erfolgreiches Unternehmen. Dass Wirecard als besonders innovativ gilt, wird ebenfalls ihm zugerechnet. Außerdem hält er mehr als sieben Prozent der Wirecard-Aktien. Der Aufstieg des Österreichers war allerdings von wilden Gerüchten und Schmuddelgeschichten gepflastert.

Mit dem Jahresabschluss für 2019 wollte Wirecard, sein ramponiertes Image an der Börse wieder verbessern. Doch dann wurde die Veröffentlichung wiederholt verschoben, vom 8. auf den 30. April und später auf den 4. Juni, was wohl einmalig in der deutschen Börsengeschichte ist. Nun soll der Bericht diesen Donnerstag tatsächlich erscheinen. Über die Zukunft von Wirecard und Braun wird das Zeugnis der Wirtschaftsprüfer von »EY« entscheiden. Wirecard geht davon aus, ein uneingeschränktes Testat für seinen Jahresabschluss zu erhalten. Andernfalls droht aus einer Agentengeschichte ein großer Wirtschaftsskandal zu werden.

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