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Plakate

Bissige Straßenkinder

Die Bildgattung der Krise: Plakate sind radikal demokratisch, ökologisch und ein Angriff auf den Unikatfetischismus des bürgerlichen Kunstmarkts

Von Georg Leisten

Um den Ruf des Plakats stand es lange Zeit nicht gut in der Kunstszene. Zu billig, zu unterkomplex, zu nah an Werbung und Agitation, lauteten gängige Vorurteile. Wer auf konzeptuellen Tiefgang setzte, machte bis vor Kurzem noch einen Riesenbogen um eine Bildgattung, die im landläufigen Sprachgebrauch zuallererst mit plakativen Botschaften in Verbindung gebracht wird. Doch das ändert sich gerade.

Von Hamburg bis Nürnberg, von Baden-Baden bis Wuppertal trotzten Kreative dem pandemisch bedingten Museum-Lockdown, indem sie den öffentlichen Raum zur Ausstellungsfläche machten. Auch in Berlin ging jetzt eine Plakataktion an den Start. Unter dem Titel »The Economy of Borders« haben 30 Künstlerinnen großformatige Poster an die Fassade des Rathauses Tiergarten gehängt. Es geht um Migration und ihre Konsequenzen wie die bedenklichen Zustände in Flüchtlingslagern, die sich mit dem weltweiten Corona-Ausbruch noch einmal verschärft haben.

Blickt man zurück auf die Kulturgeschichte des vergangenen Jahrhunderts, waren es fast immer Zeiten gesellschaftlicher Spannungen oder Umwälzungen, in denen Plakatkunst zu Hochtouren auflief. Ein El Lissitzky setzte mit seinem berühmten »Roten Keil« in der russischen Revolution ebenso Maßstäbe wie der geniale Dadaist John Heartfield mit seinen antifaschistischen Fotomontagen in den 30ern. Den Eindruck, dass das Genre in politischen Krisensituationen ein besonders hohes Potenzial besitzt, bestätigen auch die Künstlerinnen Joulia Strauss und Marina Naprushkina, die das Berliner Projekt kuratiert haben. »Das Plakat ist ein sehr direktes Mittel der gesellschaftlichen Kritik«, sagt Naprushkina.

In Athen, einer Hauptstadt der europäischen Krise, sei es schon seit den Aufständen 2008 zum vielleicht wichtigsten Kommunikationsmedium der aktivistischen Szene geworden, ergänzt Strauss: »Plakate verkörpern die radikale Demokratisierung der Kunst und die damit einhergehende Emanzipation.« Nicht zuletzt deshalb, weil Poster vergleichsweise kostengünstig und ortsunabhängig herzustellen sind.

Einige Teilnehmerinnen der Berliner Schau sitzen derzeit in Flüchtlingscamps fest. »Das Medium des Plakats«, so die beiden Künstlerkuratorinnen, »bot die Chance, eine internationale Ausstellung ohne CO2-Emissionen auf die Beine zu stellen und etwa Künstlerinnen aus Athen dazu einzuladen.« Dass der Präsentation von Postern im öffentlichen Raum weniger institutionelle Hürden entgegenstehen als bei Skulpturen, spielt auch unter Genderaspekten eine Rolle. »Aufträge für Kunst am Bau gehen meist an Männer«, beklagt Naprushkina.

Die Renaissance der Plakatkunst holt sogar ursprünglich digital verbreitete Kunstwerke wieder zurück in die analoge Materialität. So zu erleben im Umfeld der jüngsten Proteste in den USA. Nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd schuf der Illustrator Andres Guzman ein Porträt des Polizeiopfers und postete es auf Instagram. Ausgedruckt auf Papier oder Karton, fand sich das Werk auf unzähligen Demo-Plakaten wieder. Mit expliziter Einwilligung des Urhebers: »Ich wollte den Leuten einfach grafische Ressourcen zur Verfügung stellen, um Poster und T-Shirts herzustellen. Nach den Erfahrungen der Vergangenheit werden Grafiken immer im Gefolge ungerechtfertigter systemischer Angriffe auf die Öffentlichkeit benötigt«, zitiert die »Los Angeles Times« Guzman.

Dank seiner beliebigen Reproduzierbarkeit attackiert das Plakat auch bewusst jenen Unikatstatus, den der bürgerliche Kunstmarkt zum Fetisch erhoben hat. Klaus Staeck, westdeutscher Altmeister des papiernen Anschlags, ärgert die Galeristen seit einem halben Jahrhundert damit, dass er seine bissigen Politposter zum Einheitspreis von fünf Euro das Stück vertreibt. Signaturen, Nummerierungen und andere Strategien der künstlichen Verknappung lehnt der Heidelberger konsequent ab.

Einer der sich praktisch wie ästhetiktheoretisch bestens mit dem Genre auskennt, ist der Leipziger Künstler und Grafiker Jochen Fiedler. Der ehemalige Vorsitzende der Sektion Gebrauchsgrafik im Verband Bildender Künstler der DDR hat 2009 die Plattform plakat-sozial.de mitbegründet, um engagierte Posterkunst wieder stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken. Regelmäßig, das nächste Mal im Herbst, organisieren Fiedler und seine Mitstreiter internationale Plakatausstellungen im Deutschen Museum für Galvanotechnik in Leipzig.

Ihren natürlichen Bestimmungsort finden großformatige grafische Botschaften freilich nicht im Kunstkontext, sondern im urbanen Raum. »Plakate sind ›Straßenkinder‹«, sagt Fiedler scherzhaft. »Anders als in einem Museum finden Bild und Betrachter sich hier rein zufällig.« Aus der Präsentation im Stadtraum resultieren auch die gestalterischen Eigenschaften des Plakats: zugespitzte Inhalte, gute Lesbarkeit und eine auf Fernwirkung berechnete Bildkomposition.

Denn trotz der oft nur flüchtigen Rezeption im Vorübergehen, hebt Fiedler hervor, könnten Bildaushänge bleibende Spuren im Gedächtnis des Zufallsbetrachters hinterlassen. Auch über den aktuellen zeitlichen Anlass hinaus. Ein Klaus Staeck ist das beste Beispiel: Die 70er Jahre, Willy Brandt und die großen Zeiten der deutschen Sozialdemokraten sind längst Geschichte, aber Staecks ironischer Slogan »Deutsche Arbeiter, die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen!« entlarvt bis heute.

Die Aktion »The economy of borders« am Rathaus Berlin-Tiergarten läuft noch bis zum 10. Juli. www.plakat-sozial.de

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