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Kleine Tomate in großem Schatten

Neuköllner Gemeinschaftsgarten muss Eigentumsneubau weichen

Tomaten brauchen Sonne. Auch die von vielen Händen umsorgten Pflanzen im Neuköllner Gemeinschaftsgarten »Prachttomate«. Seit fast zehn Jahren wird auf dem Grundstück in der Bornsdorfer Straße 9 gemeinsam gejätet und gehackt - genauso wie diskutiert, gekocht und gegessen. Demnächst werden sich Tomaten- und Erdbeerpflanzen, Kräuter und Blumen allerdings im Schatten eines fünfgeschossigen Neubaus mit Eigentumswohnungen behaupten müssen. Die Gärtner*innen sind sauer: »Die Baugruppe hat sich uns gegenüber als eine Art Kollektiv hingestellt, als sie vor drei Jahren das Grundstück gekauft hat«, erzählt Olaf Müller, der schon seit der Gründung 2011 dabei ist. Man merkt ihm deutlich den Ärger an über die als scheinheilig wahrgenommene Selbstdarstellung der Neueigentümer des Nachbargrundstücks.

Es ist auch der Ärger derjenigen, die über viele Jahre dafür kämpfen, dass sich in einem Kiez Gemeinsinn und kollektive Nutzung entwickeln können, um dann erleben zu müssen, wie sie von einem Investitionsvorhaben einfach beiseitegeschoben werden. Aber es gibt einen Unterschied zwischen Menschen, die zusammen dem Mietenwahnsinn trotzen und Baugruppenmitgliedern: Auch wenn diese ebenfalls das Fehlen von günstigem und sicherem Wohnraum beklagen, verfügen sie in der Regel über die finanziellen Mittel, um sich die »Flucht ins eigene Betongoldglück« zu ermöglichen, wie es in einem »Prachttomate«-Flyer heißt.

Beworben wird der Fünfgeschosser, der demnächst vom Nachbargrundstück her aufragen wird, vom ausführenden Projektentwicklungsbüro Urbansky-Architekten als »neues atemberaubendes Zuhause für zwölf Familien im Szenekiez Neukölln«. Geworben wird auch mit der »Integration eines lokalen Gartenprojekts«. »Sich mit alternativer Kultur im Umfeld zu schmücken, ist bei vielen Immobilieninvestoren sehr beliebt«, meint Müller. Es sei den Neueigentümern allerdings nicht gelungen, sich damit bei den Gemeinschaftsgärtner*innen anzubiedern, ergänzt sein Gartengenosse Marten Wegner. »Wir haben immer wieder gesagt, dass wir daran kein Interesse haben.«

Anfangs sei der kommunalen Wohnungsbaugesellschaft Stadt und Land an der »Prachttomate« gelegen gewesen, erinnert sich Olaf Müller. Sie habe die ehemals vermüllte Brache sozial-ökologisch aufgewertet. Nun, da der Bezirk beim Wohnungsbau boomt und die Mietpreise in den letzten Jahren um fast 150 Prozent gestiegen sind, wird ein schmaler Gartenstreifen geopfert: Der »Prachttomate« wurde die Hälfte der Fläche gekündigt, das Grundstück der Bornsdorfer Straße 11 verkauft. Die Gärtner*innen befürchten, dass die städtebauliche Planung, die hier Wohnungsbau vorgesehen hat, irgendwann ihre endgültige Verdrängung bedeutet. Das wollen sie nicht hinnehmen. »Es gibt hier viele Bewohner*innen, für die die ›Prachttomate‹ nicht nur ein Ort des immer hipper gewordenen und viel studierten Urban Gardenings ist«, erklärt Wegner. »Wir sind ein Multi-Themen-Garten, machen Pizza im Lehmofen, Kitagruppen sind regelmäßig zu Besuch«, beschreibt er das Zusammenspiel von Garten und Kiez zwischen Hermann- und Karl-Marx-Straße.

»Es ist absurd, zu sagen, wir wären sozial weniger von Belang als ein Fußballplatz«, meint Wegner in Anlehnung an ein Gespräch mit Grünen-Stadtrat Jochen Biedermann im Zuge der Räumungsaufforderung vor zwei Jahren. Von der Bezirkspolitik erwarten die Gärtner*innen nicht viel Unterstützung. Sie können nicht verstehen, dass Projekte wie die »Prachttomate« zwar als erhaltenswert erachtet, aber letztlich nicht geschützt werden.

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