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Der Schweinekönig

Clemens Tönnies hat schon viele Krisen überstanden. Die Coronakrise könnte aber seinen Ruf ruinieren

  • Von Sebastian Weiermann
  • Lesedauer: 7 Min.
Clemens Tönnies
Clemens Tönnies

Als Anfang Mai mehr als hundert Mitarbeiter des Fleischkonzerns Westfleisch positiv auf das Coronavirus getestet wurden, da war Clemens Tönnies, Chef des Konkurrenten, der seinen Nachnamen trägt, noch der Lautsprecher der Branche. In einem Interview mit dem »Westfalen-Blatt« warnte Tönnies vor einem »Generalverdacht« gegen die Branche. Zusätzliche Hygienevorschriften des nordrhein-westfälischen Arbeitsministeriums bezeichnete er als »mit der heißen Nadel gestrickt«. Als die Zimmer der Schlachtarbeiter auf Einzelbelegung umgestellt werden sollten, um eine Virusausbreitung zu verhindern, kritisierte er das. Ehepartner, Pärchen und Geschwister sollte man nicht »zwangstrennen«. Damals war Clemens Tönnies noch oben auf. Sein Konzern war nicht von der Corona-Pandemie betroffen, und wie so oft hatte der Konzernchef zahlreiche Erklärungen, warum er es besser weiß und besser macht als die Konkurrenz und die Politik.

Das ist, seitdem in der vergangenen Woche Coronafälle am Tönnies-Stammsitz in Rheda-Wiedenbrück bekanntwurden, vorbei. Mittlerweile sind die fast 7000 Mitarbeiter dort getestet worden. Mehr als 1500 mit einem positiven Befund. Und noch etwas kommt hinzu: Tönnies zeigte sich wenig kooperativ. Als das Gesundheitsamt des Kreises Gütersloh am vergangenen Freitag die Adressen der Mitarbeiter haben wollte, sperrte sich Tönnies. Die Firma habe datenschutzrechtliche Bedenken, hieß es. Um die Mitarbeiteradressen weiterzugeben, müsse man erst die Zustimmung von den Subunternehmern einholen, bei denen die Menschen angestellt sind. Dem Kreis passte das nicht. Mit einer Ordnungsverfügung rückte er vergangenen Freitagabend in die Konzernverwaltung ein und suchte bis tief in die Nacht nach den Adressdaten. Am folgenden Samstag wurde der Leiter des Krisenstabes des Kreis Gütersloh, Thomas Kuhlbusch, sehr deutlich: »Das Vertrauen, das wir in die Firma Tönnies setzen, ist gleich null.«

Ebenso deutlich wurde der nordrhein-westfälische Arbeitsminister Karl-Josef Laumann. Der Christdemokrat war die Wut auf Tönnies und die Fleischindustrie bei einer Pressekonferenz am Sonntag anzumerken. Auf die Frage, ob er sich über den Corona-Ausbruch ärgere, antwortete Laumann: »Mich über die Bedingungen in der Fleischindustrie zu ärgern darüber bin ich lange hinweg.«

Laumann nutzte die Pressekonferenz für einen Rundumschlag. In Strukturen ohne Transparenz, wie es sie in der Fleischindustrie gibt, könne es kein Vertrauen geben. Mangelnde Arbeitszeiterfassung, Werkverträge, miese Unterbringungen, das alles passe nicht in eine »humane Arbeitswelt«. Auch in einem weiteren Punkt wurde Laumann deutlich und warf Fleischfabrikanten wie Tönnies indirekt Betrug vor: Bei Kontrollen des Arbeitsschutzes vergehe viel Zeit von der Ankunft der Kontrolleure bis zum Arbeitsplatz, »wo die Musik spielt«. Wegen der Hygienevorschriften dauere alles zwar etwas länger, das böte aber auch die Möglichkeit, um allerlei zu verschleiern. Laumann fordert nun, ebenso wie Bundesarbeitsminister Hubertus Heil, strengere Gesetze und ein Ende der Werksverträge in der Fleischindustrie. Der Sozialdemokrat Heil hat einen entsprechenden Gesetzentwurf angekündigt. Tönnies hingegen setzt darauf, dass sein Unternehmen und die Branche sich von alleine ändern könnten.

Ohne Konsequenzen aus Krisen herauskommen, das kann kaum jemand so gut wie Clemens Tönnies. Es ist nicht ganz ein Jahr her, da hielt er beim »Tag des Handwerks« in Paderborn eine Festrede und schockierte die Anwesenden mit rassistischen Äußerungen. Man müsse in Afrika Kraftwerke bauen, dann würden die Afrikaner aufhören, Bäume zu fällen - und sie hörten auch auf, »wenn’s dunkel ist, Kinder zu produzieren«. Tönnies, der Wurstkönig, wollte den Afrikanern Licht bringen, um die Überbevölkerung zu regeln. Eine Aussage wie aus der finstersten Kolonialzeit.

In der breiten Öffentlichkeit wurden seine Aussagen vor allem mit seiner Tätigkeit als Aufsichtsratsvorsitzender des Fußball-Bundesligisten Schalke 04 in Verbindung gebracht. Dass der Verein, der sich gerne als »Kumpel- und Malocherklub« gibt, eine ausgeprägte antirassistische Fanszene hat, wollte nicht zu Tönnies’ Festrede passen. Fanaktionen gegen den Boss folgten, der Ruf nach Konsequenzen wurde laut. Doch diese durfte sich Tönnies selbst aussuchen. Für drei Monate ließ er freiwillig seinen Aufsichtsratsposten ruhen und besuchte keine Spiele des Vereins. Das war’s.

Tönnies: Der Schweinekönig

Sein Schalke-Comeback wurde mit einem rührseligen Interview aus der PR-Abteilung begleitet, in dem er erklärte, wie hart die Zeit für ihn ohne Schalke gewesen sei und wie viel er gelernt habe. Auch das kann Clemens Tönnies: auf die Tränendrüse drücken und große Geschichten erzählen. Auf Schalke, da sei er nur aktiv, weil er es seinem großen Bruder, der mit ihm zusammen die Fleischfabrik gegründet hat, 1994 auf dem Sterbebett versprochen habe. Die Meisterschale an das Grab des Bruders tragen, das sei Tönnies’ großer Wunsch und Ansporn für sein Engagement beim Ruhrpottverein.

Unbedingt glücklich ist die Schalker Fanszene damit nicht. Tönnies ist der mächtige Mann im Klub, was viele kritisieren. Die »Ultras Gelsenkirchen« werfen dem Aufsichtsrat in einer aktuellen Stellungnahme vor, seinen Verpflichtungen nicht nachzukommen. Tönnies melde sich »gern medienwirksam zu Wort«, zu den aktuellen Finanzproblemen sage er aber nichts. Auch nicht zu einer Ausgliederung der Profifußballer aus dem Verein, die den Weg für Investoren öffnen würde, von den Fans aber kritisiert wird.

Dabei spielt sich Tönnies gerne als der große Schalke-Retter auf. Kredite an den Verein habe er vergeben und einen Sponsorenvertrag mit dem russischen Energiekonzern Gazprom eingefädelt. Denn Tönnies hat als Fleischfabrikant auch ein gut gehendes Russlandgeschäft und rühmt sich seiner Freundschaft zu Wladimir Putin. Dem russischen Präsidenten bringe er bei ihren Treffen Eisbein und andere Wurstwaren aus »eigener Herstellung« mit, rühmt sich der Fleischfabrikant.

Nun hilft auch die engste Freundschaft zu Putin nicht, wenn es zu Hause nicht läuft. Schon vor Corona gab es zahlreiche Probleme beim Milliardenkonzern Tönnies. Und immer wieder sorgte das Unternehmen für Schlagzeilen. Einer der bekanntesten Fälle ist dabei die sogenannte »Wurstlücke« - 2014 hatte das Bundeskartellamt über 300 Millionen Euro Strafen wegen illegaler Preisabsprachen gegen mehrere Fleischproduzenten verhängt. 128 Millionen fielen auf Unternehmen, die zu Tönnies gehörten. Statt die Strafen zu bezahlen, löste Tönnies die entsprechenden GmbHs auf. Dass er dies tat, um die Strafen zu umgehen, bestritt er später. Es habe sich um einen Unternehmensumbau gehandelt, der schon lange geplant gewesen sei.

Auch innerhalb der Familie Tönnies läuft nicht alles rund. Der Fleischkonzern, der im letzten Jahr 7 Milliarden Euro Umsatz gemacht hat, ist eine Gründung aus der Metzgerei von Tönnies Vater. Clemens Tönnies und sein Bruder Bernd stellten auf Wachstum um. Nach dem Tod des Bruders 1994 fiel die Hälfte des Betriebs an dessen Sohn Robert Tönnies. Doch Robert und Clemens haben komplett unterschiedliche Auffassungen darüber, wie der Fleischkonzern geführt werden soll. Seit 2015 standen sie sich mehrfach vor Gericht gegenüber, weil sich Robert Tönnies darüber beklagt, systematisch aus der Betriebsführung herausgehalten zu werden.

Das Magazin »Capital« hat im letzten Jahr eine Reportage über das »Tönnies-Drama« veröffentlicht. Neffe Robert wird darin als etwas naiv dargestellt. Clemens Tönnies sei ein Vaterersatz gewesen, Geschäftliches sei zwischen Tür und Angel besprochen und unterschrieben worden, hieß es. Irgendwann hat Robert Tönnies aber mehr Einfluss haben wollen. Das passte dem Älteren nicht, der findet, sein Neffe könne sich glücklich schätzen, 4 bis 5 Millionen Euro jährlich aus dem Konzern zu bekommen. Er solle sich weiter an seine Unternehmensstrategie halten, meint Clemens Tönnies paternalistisch, dann wäre der weitere Unternehmenserfolg gewiss.

Das aber möchte Robert Tönnies nicht. Schon vor Jahren kritisierte er die Russland-Verbindungen seines Onkels, forderte eine modernere Unternehmensstruktur und die Schaffung eines Aufsichtsrats. Auch jetzt, nach dem Corona-Ausbruch in Rheda-Wiedenbrück, hat sich Robert Tönnies zu Wort gemeldet. In einem Schreiben fordert er seinen Onkel zum Rücktritt auf, beschuldigt die Geschäftsführung, mit ihrem »unverantwortlichen Handeln« das Unternehmen und die Bevölkerung zu gefährden. Auch das System der Werkverträge und die »unzumutbaren Wohnverhältnisse, die mit einem hohen Ansteckungsrisiko verbunden sind«, kritisiert der junge Tönnies. Ob ein neuer Tönnies Grundlegendes in der Konzernführung ändern wird? Möglich. Aber dass Clemens Tönnies freiwillig in einer Krise zurücktritt und seinen Konzern in andere Hände gibt, das scheint ausgeschlossen.

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