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Das Herz der Innenstadt in Schockstarre

Ausverkauf bei Galeria Karstadt Kaufhof trifft auch Chemnitz - obwohl das dortige Haus sogar Bahnanschluss hat

  • Von Hendrik Lasch
  • Lesedauer: 7 Min.

Alles muss raus. In der »Galeria Kaufhof« in Chemnitz sind Schnäppchenwochen. Oberbekleidung und Schuhe würden »bis zu 50 Prozent reduziert«, werben blaue Aufkleber in den Schaufenstern. Die im Preis gesenkten Hemden und Sandalen werden in einer Dekoration aus gemalten Kakadus und Kolibris präsentiert, die an exotische Weltgegenden denken lassen. Banderolen an den Glastüren säuseln verführerisch: »Entdecken sie unsere neuen Service-Welten!«

Lange gibt es sie nicht mehr zu entdecken, jedenfalls nicht in Chemnitz. Denn auch beim Handelsriesen Galeria Karstadt Kaufhof (GKK) ist derzeit Ausverkauf. 62 der bundesweit 172 Filialen sollen geschlossen werden, gab das Unternehmen vorige Woche bekannt. Auf der Streichliste stehen Häuser in allen Bundesländern außer Thüringen, wo es ohnehin nur eines gibt. In Sachsen sind es bisher drei. Dresden und Leipzig dürfen bleiben, Chemnitz nicht.

Ein Trauerspiel ist das zunächst für die Mitarbeiter. Bundesweit sind die Jobs von 6000 der 28 000 Beschäftigten gefährdet. In der Chemnitzer Galeria arbeiten rund 130, die meisten von ihnen Frauen, »manche seit mehr als 40 Jahren«, sagt Silke Arnold. Sie selbst habe 1990 im Chemnitzer Kaufhaus ihre Lehre begonnen und seither dort gearbeitet, sagt die 47-Jährige, die Vizechefin des Betriebsrats ist und daneben zum »Team Kassen« gehört: »Feste Abteilungen gibt es für uns nicht mehr.« Bevor sie bei einem kurzfristig anberaumten Pressetermin gemeinsam mit SPD-Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig solcherart Auskünfte geben kann, muss sie sich indes die Tränen verdrücken. »Ganz ehrlich«, sagt sie, »wir sind hier alle in Schockstarre.«

Das gilt freilich nicht nur für die Mitarbeiter, sondern für die ganze Stadt. Die Entscheidung zur Schließung sei »für uns nicht nachvollziehbar«, heißt es in einer Erklärung vom Montag, die neben Betriebsrat und der Gewerkschaft Verdi auch die Rathauschefin unterschrieben hat. Tags darauf sagt Ludwig, sie wisse zwar, dass »die wirtschaftliche Situation bei Kaufhof keine einfache ist«. Chemnitz wähnte sich aber auf der sicheren Seite - spätestens seit Ende 2019 der Mietvertrag für das Warenhaus um zehn Jahre verlängert wurde. Damals habe sie gedacht: »Glücklicherweise«, sagt Ludwig. Kein halbes Jahr später scheint die Laufzeit eines Vertrages keine Rolle mehr zu spielen.

Was eine Schließung für die Stadt bedeuten würde, lässt bereits ein kurzer Rundblick während des Termins vor dem Kaufhaus erahnen. Der fünfstöckige Bau ist das zweite Haus am Platze nach dem Rathaus schräg gegenüber. Pathetisch gesprochen: Er gehört zum Herz der Innenstadt. Anders als das Rathaus ist das Kaufhaus kein historisches Gebäude. Einst kaufte man in Chemnitz in zwei Häusern der Warenhausketten Tietz und Schocken ein, die in der Zeit, als aus Chemnitz Karl-Marx-Stadt wurde, Centrum-Warenhaus hießen. Sie erwiesen sich zuletzt aber als zu eng und verwinkelt für Bedürfnisse eines modernen Warenhauses. Das jetzige »Tietz« beherbergt eine Bibliothek und eine Volkshochschule; im einstigen Schocken-Warenhaus sitzt das sächsische Archäologiemuseum.

Dass jetzige Kaufhaus wurde 2001 in Betrieb genommen. Er war Teil eines ehrgeizigen Plans zur Belebung der Chemnitzer Innenstadt. Diese wurde nach großflächigen Kriegszerstörungen im März 1945 zwar in den 1970er-Jahren nach Prämissen sozialistischer Stadtplanung wieder aufgebaut - mit einem fast 100 Meter hohen Hotelturm und der markanten Stadthalle als Mittelpunkt. Mit ihren teils als Aufmarschplätze konzipierten, überbreiten Straßen wirkte sie aber stets zugig und unwirtlich; flanieren ging dort kaum jemand.

Für die Neubaupläne gewann man internationale Stararchitekten. Das Kaufhaus entwarf der in Chicago lebende Helmut Jahn; für die benachbarte »Galerie Roter Turm« lieferte der Berliner Hans Kollhoff einen Fassadenentwurf, der an den Orient oder Dogenpaläste in Venedig denken ließ. Jahns Warenhaus, ein 60 Meter breiter und 100 Meter langer Kasten, ist von oben bis unten verglast; das auf Stahlträgern ruhende, ebenfalls transparente Dach ragt keilförmig bis weit über den Marktplatz. Die Werbegemeinschaft für die Chemnitzer Innenstadt preist die »visionäre Glasfassade« und nennt das Gebäude mit seinen immerhin 20 000 Quadratmetern Geschossfläche ein »architektonisches Highlight«.

Unvorstellbar, dass ein so dominantes Gebäude mitten im Stadtzentrum leer stünde. Ludwig will über die Vorstellung noch nicht einmal nachdenken. Auf die entsprechende Frage sagt sie, es gebe »eine kleine Chance« zum Erhalt des Kaufhauses; »erst danach reden wir weiter«. Klar ist: »Galeria Kaufhof« sei »für die Innenstadt enorm wichtig«. Es ist der zentrale Baustein in einer Strategie, mit der versucht wurde, Fehlentwicklungen der 1990er-Jahre zu korrigieren. Damals entstanden auch am Chemnitzer Stadtrand große, gesichtslose Einkaufszentren wie das »Chemnitz-Center« an der Autobahn A 4 nördlich der Stadt. Es hat mit 95 600 Quadratmetern fast fünfmal so viel Fläche wie das Kaufhaus im Stadtzentrum und ist das fünftgrößte Shoppingcenter Deutschlands. Während dort und in den weiteren Kaufparks nicht nur an Wochenenden die kostenlosen Parkplätze voll waren, verödete die Innenstadt.

In Chemnitz hat man versucht, das zu korrigieren - mit einigem Erfolg. Viele Kulturveranstaltungen und eine Kneipenmeile tragen dazu bei, dass Menschen in das Stadtzentrum kommen und auch ihre Einkäufe dort statt in der Peripherie erledigen. Zudem sind die Innenstadt und besonders die »Galeria Kaufhof« mit dem Nahverkehr bestens zu erreichen: Die zentrale Haltestelle für Busse und Straßenbahnen liegt gleich nebenan; dort halten auch Bahnen, die als Regionalzüge in das weitere Umland fahren - oder Einkaufslustige von dort praktisch direkt an Regale und Kleiderständer bringen. »Wo«, fragt Ludwig, »gibt es sonst noch ein so gut angebundenes Kaufhaus?!« Die Folge: Das Warenhaus ist gut besucht. Auch während des Termins mit Ludwig herrscht reges Kommen und Gehen, und sie glaube nicht, sagt die Oberbürgermeisterin, »dass die Leute nur schauen«.

Wie viele Kunden das Haus tatsächlich hat und wie viel Geld sie dort lassen, ist nicht bekannt; Karstadt-Kaufhof veröffentlicht die Zahlen nicht. Statistiken gibt es nur insgesamt für die knapp 247 000 Einwohner zählende Stadt und ihr südwestsächsisches Umland, in dem anderthalb Millionen Menschen leben. Sie zeigen, dass es der Handel in Chemnitz nicht leicht hat. Zwar sei die Kaufkraft binnen zehn Jahren um satte 33 Prozent gestiegen, heißt es in einer Analyse der Industrie- und Handelskammer (IHK): von rund 16 000 auf jetzt 21 461 Euro je Einwohner und Jahr. Die verfügbaren Einkommen seien in der Region, in der es viele gut bezahlte Jobs etwa in der Automobilindustrie gibt, sogar höher als in Leipzig und Dresden; die Mieten sind oft günstiger als in den beiden anderen sächsischen Metropolen. Die »einzelhandelsrelevante Kaufkraft«, also den Betrag, der für Einkäufe ausgegeben wird, beziffert das IHK-Papier auf etwa 6400 Euro, was gut 91 Prozent des bundesweiten Durchschnitts entspricht. In der IHK-Region insgesamt sind es gut 89 Prozent.

Gleichzeitig gibt es in Chemnitz eine extreme Konkurrenz um Kunden. Grund ist die Vielzahl an Läden, Centern und Passagen. Bundesweit kommen auf jeden Einwohner 1,5 Quadratmeter Ladenfläche, in Sachsen sind es 1,69, in Chemnitz allerdings stolze 2,25 Quadratmeter. Die IHK-Studie nennt das ein »deutliches Überangebot« und weist auf einen offenkundigen Konflikt hin: Die Verkaufsfläche liege 18 Prozentpunkte über dem bundesweiten Durchschnitt, die für den Einzelhandel relevante Kaufkraft aber deutlich darunter.

Betriebswirtschaftlich gesehen seien die Voraussetzungen für Händler in Chemnitz also »ungünstiger« als in Regionen, in denen das Verhältnis ausgewogener ist. Markanten Ausdruck findet das in einer Zahl, welche die »Flächenproduktivität« angibt: den jährlichen Umsatz je Quadratmeter Ladenfläche. Sie liegt in Chemnitz bei 2580 Euro. In einer Rangliste von 53 deutschen Städten und Regionen liegt die Stadt damit auf dem vorletzten Platz, gefolgt nur von der Region Weser-Ems.

Wie gut oder wie schlecht die Zahlen bei »Galeria Kaufhof« in Chemnitz sind, ist nicht bekannt. Ludwig betont, man habe ihr auf Nachfrage stets erklärt, dass die Umsätze »nicht so schlecht« seien, »und ich hatte keinen Grund, daran zu zweifeln«. Falls es überhaupt harte Zahlen waren, die bei der GKK-Konzernführung im Fall Chemnitz zum Senken des Daumens führten, so hofft man im Rathaus derzeit auf zweierlei. Zum einen habe der Eigentümer der Immobilie das Signal gegeben, er sei »eventuell bereit, noch einmal entgegenzukommen«, sagt Ludwig. Zum anderen appelliert sie mit Gewerkschaft und Betriebsrat an die Chemnitzer, nicht nur eine spontane Unterschriftensammlung zu unterstützen, an der sich binnen weniger Tage bereits Tausende beteiligt hätten. In der Erklärung zur drohenden Schließung des Kaufhauses wird auch dazu aufgerufen, »gerade jetzt dort einzukaufen«. Wie wichtig das Kaufhaus für die Stadt sei, sagt Betriebsrätin Silke Arnold, »das können wir vielleicht erst schätzen, wenn es nicht mehr da wäre«. Und dann? Für einen dritten Kulturtempel in einem ehemaligen Warenhaus wäre selbst in Chemnitz kaum Platz.

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