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Happy End mit Lufthansa-Chef Spohr?

Flugbegleiterorganisation stimmt massiven Gehaltskürzungen zu - das Vorgehen ist bei Gewerkschaften umstritten

  • Von Hans-Gerd Öfinger, Frankfurt
  • Lesedauer: 3 Min.
Protest für den Erhalt der Lufthansa-Tochter SunExpress
Protest für den Erhalt der Lufthansa-Tochter SunExpress

Als am Donnerstag mehrere hundert Lufthanseaten dem Aufruf der Flugbegleiterorganisation Ufo zur Kundgebung vor dem Lufthansa-Aviation-Center am Frankfurter Flughafen folgten, war die Luft schon raus. Ursprünglich sollte die Veranstaltung Druck auf die Aktionäre ausüben, bei der zeitgleich stattfindenden virtuellen Hauptversammlung, dem mit der Bundesregierung vereinbarten Rettungspaket zuzustimmen. Das Damoklesschwert eines Scheiterns schürte Ängste vor einer Insolvenz und Filetierung des Luftfahrtkonzerns.

Doch nachdem Großaktionär Heinz Hermann Thiele zuvor seine Zustimmung signalisiert hatte, war die Stimmung gelöst. So kommentierten die Gewerkschaften Ufo, Verdi und Vereinigung Cockpit freudig den Schwenk des Milliardärs.

Kritischere Zeitgenossen hingegen vermuten eine perfekte Dramaturgie mit klarer Rollenverteilung. So war Thiele in die Rolle des profitgierigen Kapitalisten geschlüpft, der mit seinem Nein zu staatlicher Beteiligung und seiner faktischen Sperrminorität das Rettungspaket auszubremsen drohte. Um ihn zu stoppen, klammerten sich Gewerkschaftsspitzen und Lufthanseaten verzweifelt an den vermeintlich um Ausgleich bemühten Konzernchef Carsten Spohr. Bei einer Kundgebung der relativ unbekannten Industriegewerkschaft Luftverkehr am Mittwoch vor dem Aviation-Center wurde Spohr von den Anwesenden stürmisch gefeiert, als er von der Chefetage des Glaspalastes gütig auf die Menge herabblickte. Dass eben dieser Spohr in zahlreichen Tarifkämpfen und als treibende Kraft der Filetierung des Konzerns sich immer wieder den Hass der Lufthanseaten zugezogen hatte, schien plötzlich vergessen zu sein.

Als Signal der Opferbereitschaft an die Aktionäre hatte Ufo am Mittwochabend als erste Gewerkschaft einen Tarifvertrag abgeschlossen, der dem Kabinenpersonal schmerzhafte Einschnitte zumutet. Der Preis für einen vierjährigen Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen für die rund 22 000 Mitarbeiter ist hoch: Nullrunden, unbezahlter Urlaub, weniger Flugstunden, Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnausgleich und Kürzungen bei der betrieblichen Altersversorgung. Wie freiwillig die unbezahlte Arbeitszeitverkürzung im Alltag ablaufen wird, muss sich zeigen. Jedenfalls freute sich Spohr nach dem Abschluss mit Ufo über eine Absenkung der Personalstückkosten um 17 Prozent für den Krisenzeitraum. »Mit diesem Paket stellen wir unsere Sozialpartnerschaft endlich sichtbar auf ein neues Fundament«, verlieh Ufo-Verhandlungsführer Nicoley Baublies dem Abschluss einen Hauch von Geschichtsträchtigkeit. Auch Lufthansa-Personalchef Michael Niggemann rühmte eine »wiedergewonnene und konstruktive Sozialpartnerschaft mit Ufo«. Damit dürfte die Flugbegleiterorganisation im Wettlauf der Gewerkschaften um die Zuneigung des Konzernvorstands derzeit die Nase vorn haben. Um Spohr nicht unnötig zu verärgern, wurde bei der Ufo-Kundgebung ein junges Verdi-Mitglied dazu gedrängt, ein Schild mit der Aufschrift »Thiele enteignen! Lufthansa und Co. verstaatlichen!« niederzulegen. In seiner Ansprache an die Aktionäre verkündete der Konzernboss das Ziel, den Piloten ähnliche Zugeständnisse abzuringen wie den Flugbegleitern. Ausdrücklich rügte Spohr die Unterhändler der Gewerkschaft Verdi, die vor allem das Bodenpersonal vertritt. Die Verhandlungen liefen bisher »schleppend und enttäuschend«, so Spohr. Ohne schnelle Fortschritte drohe der Personalüberhang am Boden in betriebsbedingte Kündigungen zu münden, so der oberste Lufthanseat. Eine Drohung, die dem Gewerkschaftshasser Heinz Hermann Thiele gefallen dürfte.

Dass statt eines Happy Ends letztlich doch viele Mitarbeiter auf der Strecke bleiben könnten, machten am Donnerstag vor dem Aviation-Center Flugbegleiter der vor der Abwicklung stehenden Lufthansa-Tochter SunExpress deutlich. »Plus 9 Mrd. Euro. Minus 1200 Jobs???« so ihre knappe Parole. Kritik wurde daran geübt, dass die Bundesregierung bei ihrer Milliardenspritze nicht den Erhalt aller Arbeitsplätze verlange. Demnächst verkauft wird auch die Catering-Tochter LSG Sky Chefs. »Es ist eine Frechheit, dass wir nun von der Familie ausgestoßen werden«, so LSG-Betriebsrat Paul Laslop am Donnerstag. »Sollte heute dem Paket zugestimmt werden, dann ist es die Aufgabe des Vorstands, zusammen mit den Gewerkschaften um jeden einzelnen Arbeitsplatz zu streiten, egal ob bei LSG, Germanwings, SunExpress oder der Technik.«

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