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Schulzeit ist Lesezeit

Ob im digitalen oder analogen Klassenzimmer - Lesen geht immer

Von Mario Pschera

Schulzeit ist Lesezeit

Ein bisschen ist es wie der Blick in die Glaskugel, eine Prognose darüber zu treffen, wie der Start ins neue Schuljahr ablaufen wird. Egal, der Klassiker »Hurra, ich bin ein Schulkind« erscheint auch 2020 pünktlich in einer aktualisierten Auflage, mit viel Raum für die Beschreibung des Zuckertüteninhalts, für Fotos vom Einschulungstag, Grüße und Ratschläge von der ganzen puckligen Verwandtschaft.

Traute man früher nur den unreifen Knaben zu, sich mit geschnitzten Hieroglyphen und Männchen in Schulbänken zu verewigen, hat sich mittlerweile herumgesprochen, dass auch Mädchen nicht nur Möhren schnippeln können. Damit das kostbare Mobiliar nicht allzu sehr leidet und mehr Geld für die Reparatur der Waschbecken übrig bleibt, gibt es jetzt von Astrid Schulte »Meine Schnitzwerkstatt«. In drei Schwierigkeitsstufen werden darin Techniken, Materialien und Handhaltungen erklärt, damit auch Smartphonetipper-Eltern keine Angst um die Unversehrtheit ihrer Kinder haben müssen. Ausgestattet mit einer Ringbindung und einem Sicherheitsschnitzmesser, lässt sich mit diesen Anleitungen aus Holzabfällen und Ästen recht schnell eigenes Spielzeug herstellen. Über einen App-Code können zusätzliche Lernvideos im Internet abgerufen werden.

»Eine Wiese für alle« von Hans-Christian Schmidt und Andreas Német richtet sich zwar an junge Leser ab vier Jahren, passt aber noch ganz gut in die Zuckertüte. Was ist, wenn alle Schafe glücklich auf der Wiese stehen und ein Schaf im Meer zu ertrinken droht? Wegschauen oder nicht doch lieber eingreifen und retten? Da hilft es nicht, sich hinter den anderen zu verstecken, da muss geholfen werden. Hintergrund der Parabel ist das elende Schicksal der auf Lesbos und anderswo in Lagern gefangenen Flüchtlingskinder. Deswegen geht auch der komplette Erlös aus dem Verkauf dieses anrührend gemachten Buches an ostdeutsche Initiativen wie das »Kulturbüro Sachsen«, die Aufklärungsarbeit gegen »Fremden«feindlichkeit und nationalistischen Hass leisten.

Ältere Leser kennen vielleicht den Waliser Roald Dahl als gefeierten Verfasser unheimlicher Geschichten. Solche hat er auch für Kinder geschrieben, denn nicht nur Erwachsene haben ihren Spaß am wohligen Grusel. Pénélope Bagieu hat aus »Hexen hexen« eine ungemein spannungsreiche Bildgeschichte gemacht. Dabei hat die französische Zeichnerin die Grundidee ein wenig variiert. Nun kämpfen der elternlose Bruno und seine knorke, Zigarre rauchende Oma mit den lila Haaren gegen eine üble Vereinigung von Hexen, die sich als Kinderschutzbund tarnen, jedoch alle Kinder mithilfe eines Zaubertrankes vernichten wollen. Bruno schleicht sich in ihre Versammlung ein, wird aber erwischt und in eine Maus verwandelt. Kein Grund aufzugeben, zumal Bruno in der Maus mit den blauen Augen, einem verzauberten Mädchen, eine Mitstreiterin gegen die Hexen trifft. Mit ihr macht es gleich doppelt Spaß, den ehrenwerten Damen in rasanten Bildern ein Schnippchen zu schlagen. Ob das pädagogisch wertvoll ist? Unbedingt - denn wie sollen Kinder sonst lernen, dass die Welt nicht immer rosafarben ist und man sich durchbeißen muss? Ob mit oder ohne Mausezähne.

Schulausflug. »›Weiß denn wenigstens noch einer, wann unsere jetzige Warmzeit, das Holozän, einsetzte?‹ … Mit der monotonen Stimme eines Eiferers - immun gegen das Desinteresse seines Publikums - erläuterte der Lehrer nun die zahlreichen Segnungen des Holozäns, dass vor … Rhabarber, Rhabarber …« Erinnert Sie das an ihre eigene Schulzeit? Alice sitzt mit ihrer Klasse auf der Wiese vor dem Potsdamer Institut für Klimaforschung. Da jedoch sieht sie das weiße Kaninchen mit der goldenen Uhr in der Rocktasche, folgt ihm und fällt durch ein Erdloch in einen langen Tunnel, der im Innern des Instituts endet. Alice stürzt sich in die Abenteuer der mathematischen Gleichungen und Klimamodelle, begegnet dem Sonnenkönig, Lady Celsius und Prinz Karbon, den Schwestern Ultra Simplicia und Ultra Sophistica, einem schweinsartigen Kompromisstier namens EMIC (Earth System Model of Intermediate Complexity), einem kommunistischen Walross und gar der mathematisch-metaphorischen Katze Zeta. Das ist jetzt nicht etwa eine sophistische Spielerei nach dem Original des englischen Mathematikers Lewis Caroll, sondern handfeste, eingängige Wissenschaftsvermittlung. Was hat es mit Wetterschwankungen, Artensterben, pandemischen Seuchen und physikalisch-chemischen Kippwerten auf sich? Wer profitiert und wer verliert? Wissenschaft kann gefährlich werden, ihre Leugner sind es definitiv. Für Alice wird es ziemlich eng, als sie sich vor Gericht wiederfindet. Autorin Margret Boysen hat selbst jahrelang an dem Potsdamer Institut gearbeitet, ihre Alice-Adaption ist ein dialektischer Lebensbegleiter, den man gern fünf-, sechsmal lesen möchte, um all die Pointen und poetischen Zitate zu würdigen, für die kein Leser zu jung oder zu alt ist. Großartig!

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