Prekäre Beschäftigung

»Mit Ware umgehen, das macht etwas mit einem«

Jörg Rupp ist in Kurzarbeit und jobbt nun auch im Supermarkt.

Von Susanne Romanowski

Ein Karton pro Minute - mehr Zeit haben Jörg Rupp und seine Kolleg*innen nicht, um die Ware ins Regal zu räumen, egal, ob leichte Bandnudeln oder schwere Einmachgläser in den Kisten sind, egal, ob etwas runterfällt oder geputzt werden muss.

Früher war das die Lieblingsaufgabe des 54-jährigen Einzelhandelskaufmanns. Seit er 13 ist hat er in Supermärkten gearbeitet, war dann in der IT und in der Berufsvermittlung tätig und ist nun Standortleiter eines kleinen Unternehmens, das Obstkörbe an Büros liefert. Dort sind wegen Corona nun alle in Kurzarbeit. Damit das Geld reicht, räumt er an drei bis vier Abenden pro Woche Regale in einem Supermarkt ein, für den Mindestlohn von 9,35 Euro pro Stunde.

»Personalkosten waren im Lebensmitteleinzelhandel immer ein Riesenthema«, weiß der ehemalige Betriebsrat. Dass das Ausräumen der Ware irgendwann an Subunternehmen wie das, bei dem Jörg Rupp nun beschäftigt ist, ausgelagert wurde, sei absehbar gewesen. »Es gibt einen Unterbietungswettbewerb, und am Ende können es nur noch die machen, die so wenig wie möglich zahlen. Aktuell ist das der Mindestlohn, und selbst das ist nicht wenig genug.«

Er spricht aus Erfahrung: Als zwei Feiertage im April - Karfreitag und Ostermontag - auf Jörg Rupps übliche Arbeitstage fielen, bekam er keinen Lohn, obwohl er Anspruch darauf hatte. »Feiertage bezahlen wir nicht«, sagte sein Chef auf seine Beschwerde hin. Kurz darauf bekam er den Lohn dann doch, für den 1. Mai fehlte er aber wieder. Erneut war eine Beschwerde nötig. »Das zeigt, die zahlen das generell nicht. Das finde ich heftig.« Besonders schädlich sei das etwa für die ausländischen Kolleg*innen, die manchmal nicht wissen, dass sie an Feiertagen Anspruch auf Lohnfortzahlung haben.

»Sobald wir die finanziellen Einbußen verschmerzen können, kündige ich hier«, so Rupp. Zu hoch sei mittlerweile die körperliche Belastung: »Du bückst dich dauernd, du musst dich strecken. Ich hab das in meiner Jugend gemacht, das war überhaupt kein Problem. Aber heute, wenn die Schicht länger als drei, vier Stunden dauert, komme ich fast krumm nach Hause«, sagt er. Als zu Beginn der Pandemie die Regale leer gekauft wurden, war besonders viel zu tun. »Wir müssten eigentlich das gleiche Tarifgehalt wie die Verkäufer bekommen.«

Noch könne er auf das zusätzliche Geld aber nicht verzichten. Seine Ehefrau ist selbstständige Ergotherapeutin, »aber davon wird man auch nicht reich«. Das Darlehen für ihre Praxis und für das kleine Reihenhaus bei Karlsruhe ist noch nicht abbezahlt. Außerdem hat Rupp aus einer früheren und der jetzigen Ehe fünf Söhne, die teilweise noch Unterstützung brauchen.

Das Lohndumping im Einzelhandel entwertet für Jörg Rupp einen ganzen Berufsstand. Das beginne beim Outsourcing der Regalbestückung, werde aber auch dadurch sichtbar, dass es immer mehr Scannerkassen gibt, für die überhaupt kein Personal mehr nötig ist.

Das geht schnell für die Kundschaft und erspart den Läden hohe Kosten. Für Jörg Rupp geht dabei der Servicegedanke im Einzelhandel verloren: »Mit Ware umgehen, das macht schon etwas mit einem. Man kennt das Sortiment, man kennt die Preise, man kann besser helfen, wenn ein Kunde etwas sucht. Das findet jetzt alles nicht mehr statt.«

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