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Stuttgart

Extrem vergoppelt

Der Vergleich von steinewerfenden Halbstarken mit mordenden Nazis ist vielleicht nicht der treffendste von allen. Angestellt hat ihn jedenfalls einer, der es schon mal besser wusste.

Von Thomas Blum

Man ist ja mittlerweile einiges gewohnt: Neonazis heißen ja bekanntlich heute nicht mehr Neonazis, sondern »Nationalkonservative«. Und nationalkonservative Politiker dürfen den Holocaust heute ungestraft einen »Vogelschiss« (A. Gauland, AfD) oder »üblen Unfug« (T. Goppel, CSU) nennen. Man nennt das Relativierung: Eine Sache wird mit Mitteln der Sprache verharmlost, um sie als unbedeutende Petitesse erscheinen zu lassen, obwohl sie das nicht ist. Das geht auch andersherum: also eine Vandalismus-Party sprachlich so aufblasen, dass der Eindruck entsteht, es habe ein Menschheitsverbrechen stattgefunden.

Es hat früher Zeiten gegeben, in denen der Publizist Henryk M. Broder derlei kritisiert hat. In den 80er Jahren hat er eine nicht ganz unwichtige Studie über die Allgegenwart des Antisemitismus in der deutschen Nachkriegsgesellschaft vorgelegt, in der er unter anderem zutreffend feststellte, dass es »Zeitgenossen« gibt, »die auch im Jahre 40 nach Auschwitz die NS-Konzentrationslager für Besserungsanstalten halten«, und andere, die ihre Tagesfreizeit damit zubringen, die Singularität der deutschen Verbrechen zu relativieren.

Heute hingegen lässt derselbe Mann sich in seiner Freizeit offenbar nicht nur gern mit nationalkonservativen Parteivorsitzenden, die sich nicht gern Neonazis nennen lassen, fotografieren, sondern nennt auch die Stuttgarter »Nacht der Schande« (»Bild«), in der es tatsächlich weder eine »verwüstete Innenstadt« (dpa) noch einen »Bürgerkrieg« (diverse Medien und Politiker) noch eingeschlagene Schädel gegeben hat, eine »kleine Kristallnacht« - vergleicht also eine Feierabendrandale von Halbstarken mit mordenden Nazis. The Times They Are a-Changin’.

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