Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Im Dunkeln ist gut munkeln

An den Wochenenden werden Berliner Parks trotz Corona-Abstandsregeln immer häufiger zu Party-Hotspots.

  • Von Jérôme Lombard
  • Lesedauer: 4 Min.

Sie stehen dicht, sie lachen laut und sie hören Deutschrap. Grob geschätzt rund 200 Jugendliche zwischen 15 und 20 Jahren haben sich im Mauerpark in Prenzlauer Berg im Herzen der Grünanlage versammelt. Es ist eine laue Sommernacht an diesem Freitag um kurz nach 24 Uhr. Seit einem Tag sind in der Hauptstadt Sommerferien. Die Stimmung in der Gruppe ist ausgelassen, viele der jungen Leute scheinen sich zu kennen, für Bier und Wodka ist gesorgt. Im Park, der zu dieser späten Stunde auch abseits der jungen Feiernden noch ziemlich gut besucht ist, ist es finster. Dass keiner von den Jugendlichen einen Mund-Nasen-Schutz trägt, ist aber unschwer zu erkennen.

Der Corona-Mindestabstand spielt bei den feierwütigen Teenagern keine Rolle. »Hört mir doch mit diesem ganzen Gelaber über Corona auf«, sagt einer von ihnen, der sich Pavel nennt. »Es ist Sommer, wir sind jung, die Clubs sind dicht und wir sollen am besten alle Zuhause chillen«, schimpft der junge Mann, der nicht älter als 17 Jahre alt ist. Er sehe es nicht ein, warum er sich an die Corona-Beschränkungen der Regierung halten solle. Und überhaupt gebe es in Berlin doch kaum noch Neuinfektionen. »Ich hab‘ sowieso schon lange meine eigene Corona-Impfung entwickelt und die heißt Suff«, ruft Pavel angeheitert, ehe er zwischen seinen Kumpels in der dunklen Masse verschwindet.

Die spontane Open-Air-Party scheint jetzt auf ihrem Höhepunkt zu sein. Die Musik wird noch einen Tick lauter. Dass die Jugendlichen innerhalb der nächsten Stunde den Heimweg antreten werden, ist unwahrscheinlich. Polizisten, die die jungen Leute auf die geltenden Abstands- und Hygieneregeln hinweisen oder zumindest die Minderjährigen zum Nachhausegehen überreden könnten, sind nicht zu sehen. Eigentlich hatte Innensenator Andres Geisel (SPD) für dieses Wochenende strenge Polizeikontrollen in den Berliner Parks angekündigt, nachdem sich in mehreren Grünanlagen in den Wochen zuvor immer wieder größere Gruppen zu Feiern und Raves getroffen hatten. Auch zu Übergriffen durch Feiernde auf Polizeibeamte war an es Orten wie dem Mauerpark gekommen. Geisel hatte von einem »höchst unsozialen Verhalten« der jungen Partymacher gesprochen. Man befinde sich immer noch in einer Pandemie, die Zeit für sorgenfreie Feiern mit vielen Menschen sei noch weit entfernt.

»Seit die Nächte nicht mehr so kalt sind, kommen hier im Mauerpark regelmäßig große Menschenansammlungen zusammen und machen Party«, sagt Alejandra Díaz. Die 24-Jährige hat es sich zusammen mit ihrer Freundin und einer Flasche Rotwein auf der obersten Sitzreihe des Amphitheaters bequem gemacht. »Ich kann ja verstehen, dass die Leute wieder Lust auf Musik und Tanzen haben«, meint die gebürtige Spanierin, die in Berlin ganz in der Nähe des Mauerparks wohnt. Auch sie selbst würde gerne einmal die so berühmten Sommerpartynächte erleben. »Aber wir leben nun mal in einer weltweiten Pandemie mit einem Virus, der Menschen töten kann, solange es keine Impfung gibt.« Als Ärztin könne sie das sorglose Treiben der Jugendlichen nur verurteilen. »Ich finde das schon ganz schön respektlos von denen«, sagt die junge Frau.

Auch ihre Freundin Elisa Robles sieht die feierwütigen Jugendlichen vom Mauerpark kritisch. »Berlin ist für seine wilden Partys bekannt, die Menschen suchen Alternativen, das ist klar«, sagt sie. Ihrer Meinung nach sollte der Senat Wege finden, legal Open-Air-Feiern in Parks und anderen Freiflächen stattfinden zu lassen. »Dort könnte man das Ganze dann viel besser kontrollieren und auch die Hygieneregeln umsetzen«, meint die 23-Jährige aus Madrid. Auch sie wurde von Freunden gefragt, ob sie nicht zu klandestinen Elektro-Raves nach Brandenburg mitkommen wolle. »Daran habe ich aber kein Interesse.« Immerhin würden die Raver in den Weiten des Nachbarbundeslandes keine Anwohner belästigen. Eine Freundin von ihr, die am Görlitzer Park in Kreuzberg wohnt, könne schon seit Anfang Juni kaum noch eine Nacht durchschlafen. »Auch unter der Woche ist da immer Halligalli mit lauter Musik«, sagt Robles.

Eine andere Bekannte erzählt Ähnliches von der Neuköllner Hasenheide. Sie selbst setzt sich in warmen Nächten wie viele Berliner in diesen Tagen gerne in einen Stadtpark. Das nächste Mal möchte sich sie mit ihrer Freundin aber statt in den lauten Mauerpark lieber an den Landwehrkanal oder den Viktoriapark in Kreuzberg setzen. »Da gibt es nicht so viele Jugendliche, es ist entspannter.« Und tatsächlich, nur rund neun Kilometer weiter südwestlich ist es im Viktoriapark an diesem Freitag ziemlich ruhig. Hier haben es sich in der Nacht nur vereinzelt Paare oder kleine Gruppen gemütlich gemacht. Laute Musik hört hier niemand. Nur aus Richtung Gleisdreieckpark schallen Polizeisirenen.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln