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Großdubrauer Porzellanbruch

Die Wirtschafts- und Währungsunion war der Anfang vom Ende eines Großbetriebs in der sächsischen Provinz

  • Von Hendrik Lasch
  • Lesedauer: 7 Min.
Museum »Margarethenhütte« Großdubrau
Museum »Margarethenhütte« Großdubrau

Am 2. Juli 1990 fuhren der Ingenieur Leonhard Jünger aus Bautzen und seine Frau in den Urlaub. Am Tag zuvor war die Wirtschafts- und Währungsunion zwischen DDR und Bundesrepublik in Kraft getreten. In einem Geschäft am Weg gaben die Jüngers ihre ersten D-Mark aus: für eine Flasche Sekt. Sie wollten den Urlaub feiern - und das neue Westgeld.

30 Jahre später steht Jünger in einem von Efeu umrankten Backsteinbau, der einmal Teil seines Betriebes war, aber jetzt nur noch Museum ist. Auch das hat mit dem 1. Juli 1990 zu tun. Der VEB Elektroporzellanwerk »Margarethenhütte« Großdubrau, in dem Jünger einst Technischer Direktor war, stellte Isolatoren her, die in Umspannwerken oder bei der Elektrifizierung von Eisenbahnstrecken verbaut wurden. Allein an der legendären Baikal-Amur-Magistrale im Fernen Osten der Sowjetunion waren es bis zu vier Millionen.

Mit der Währungsunion, sagt Jünger, »brachen die Märkte im Osten weg«. Die Lieferungen hätten in Devisen bezahlt werden müssen, an denen es den osteuropäischen Kunden mangelte. Es war einer der Sargnägel, die bewirkten, dass am 28. Mai 1991, dem Tag 331 der deutsch-deutschen Wirtschaftsunion, in Großdubrau das letzte Porzellan ausgeliefert wurde. Dann begann die Treuhand, der das Unternehmen seit 1. Juli 1990 unterstand, mit der Liquidierung.

Nach Sekt war in Großdubrau ab sofort keinem mehr zumute. 770 Beschäftigte hatte der Betrieb nördlich von Bautzen, der 137 Jahre zuvor gegründet worden war. Erst wurden sie in Kurzarbeit geschickt, im Juni 1991 gekündigt. »Es traf uns hart«, sagt Jünger, dessen Frau und Sohn ebenfalls im Betrieb gearbeitet hatten. 115 Mitarbeiter kamen in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) unter. Statt Isolatoren für den Weltmarkt produzierten sie nun zum Beispiel Putten und Säulenkapitelle, die wie Sandstein aussehen, aber aus Porzellan fabriziert werden sollten. Einen Markt gab es dafür nicht. Später wechselten bei Jünger Phasen der Arbeitslosigkeit mit Umschulungen ab: erst als Bauingenieur, dann als Immobilienfachwirt. Eine dauerhafte Anstellung ergab sich daraus nicht. Im Alter von 60 Jahren ging er in Rente.

Die Frage, warum ihr Betrieb den Bach herunter ging, treibt in Großdubrau noch immer viele um. Als sich vor zwei Jahren Sachsens damalige Integrationsministerin Petra Köpping (SPD) für die Anerkennung ostdeutscher Lebensleistungen und die Aufarbeitung von Ungerechtigkeiten in der Wendezeit einsetzte, kam sie an einem Julisonntag auch nach Großdubrau. Genau 26 Jahre zuvor hatten Mitarbeiter die Werkstore blockiert, um die Demontage von Maschinen zu verhindern; nun saßen gut 30 Menschen in einer Halle, die einst das Prüffeld beherbergte und erinnerten sich. Es ging um das Wirken der Treuhand und darum, wie in einer Nacht- und Nebelaktion der Tresor mit Rezepturen und Betriebsgeheimnissen abgeholt wurde. Die Debatte ließ ahnen, wie tief der Stachel noch immer sitzt. »Die Menschen hier wurden betrogen«, sagte einer in der Halle. Die »Frankfurter Rundschau« berichtete danach unter dem Titel »Alte Geschichten, böse Erinnerungen«.

Leonhard Jünger weiß, dass es viel Groll gibt unter seinen Ex-Kollegen. Er selbst wirkt nicht verbittert. Dennoch treibt auch ihn die Frage um, »wer denn nun schuld gewesen ist« am Ende seines Betriebes, in dem man doch ab 1973 rund 135 Millionen Euro in neue Technik investiert hatte. Jünger ist überzeugt, dass der VEB Elektroporzellanwerk nicht marode war. Das hatte im März 1990 die Unternehmensberatung Kienbaum festgestellt, die ihn prüfte und gute Qualität, wenn auch zu hohe Kosten attestierte. Ein Reporter der Zeitschrift »Deutsche Keramische Gesellschaft« sprach gar von »Hightech aus dem Sorbenland«, als er im Mai 1990 Großdubrau besuchte. Er erfuhr vom Vertriebschef, dass dort pro Jahr 10 000 Tonnen Porzellan gefertigt würden. Bis zu 80 Prozent davon gingen »in die westlichen Länder«.

Dass derlei augenscheinlich florierende Betriebe in Ostdeutschland kaputt gingen, war in den frühen 1990er-Jahren keinesfalls eine Ausnahme. Manche wurden von Unternehmern aus dem Westen gekauft und abgewickelt, um unliebsame Konkurrenz auszuschalten. Andere fielen der oft kritisierten Privatisierungspolitik der Treuhand zum Opfer. Im Fall des VEB Elektroporzellan scheinen die Dinge freilich noch etwas anders zu liegen.

Leonhard Jünger, ehemaliger Technischer Direktor
Leonhard Jünger, ehemaliger Technischer Direktor

Der Betrieb hatte ab dem Jahr 1967 zum Kombinat Keramische Werke mit Sitz im thüringischen Hermsdorf gehört. Das betrieb unter anderem dort sowie in Sonneberg, ebenfalls in Thüringen, weitere Werke. Seit Juni 1990 firmierte das vormalige Kombinat als »Tridelta AG«. In der Chefetage ging man davon aus, dass es bei Elektroporzellan in der Europäischen Union enorme Überkapazitäten und damit nicht genug Nachfrage für drei produzierende Betriebe gebe. Am 5. Dezember 1990 gab der Vorstandschef daher in einer Belegschaftsversammlung in Großdubrau bekannt, dass »die ›Margarethenhütte‹ nie wieder Elektroporzellan herstellen« werde. Jünger zitiert den Satz mehrfach; er markierte das Ende für das Werk. Man habe in Thüringen entschieden, »die Sachsen zu schleifen«, sagt er: »Das war einer der Hauptgründe, noch vor der Treuhand.« Die Monteure, die in Großdubrau die moderneren Maschinen demontierten, kamen aus Hermsdorf. Dort ist die Isolatorenproduktion inzwischen zwar ebenfalls Geschichte. In Sonneberg aber läuft sie bis heute.

Die Frage ist, ob die unternehmerische Entscheidung der Tridelta AG zwangsläufig in der Liquidation enden musste - und damit im Verlust eines weiteren wichtigen Arbeitgebers in Ostsachsen. Bereits im April 1991 warnte der sorbische Schriftsteller Benedikt Dyrlich, damals SPD-Abgeordneter im sächsischen Landtag, vor einer fatalen Arbeitsmarktpolitik in der Oberlausitz, mit der »das Todesurteil für diese Landschaft gefällt« werde: »Welche Perspektive haben junge, dynamische Leute in Dörfern, wo nichts mehr existiert, wo keine Produktion mehr stattfindet? (...) Sie gehen in den Westen.«

Im März 1992 beriet dann sogar der Bundestag über Großdubrau. Am Ende eines langen Beratungstages, in dem es erst um die Einsetzung einer Enquetekommission »Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur« gegangen war und später um deutsche Entwicklungspolitik im südlichen Afrika, stand schließlich eine Große Anfrage von Bündnis 90/Die Grünen zur »Stilllegung des keramischen Standorts Großdubrau/Sachsen« auf der Tagesordnung. Den habe, kritisierte ihr Sprecher Werner Schulz, die Treuhandanstalt »im Laufe der vergangenen zwei Jahre nach und nach - und man hat den Eindruck: systematisch - verkommen lassen«. Er kritisierte den Fehler, »struktur- und regionalpolitische Vorgaben aus dem Auftrag der Treuhandanstalt heraushalten zu wollen«, und warnte schon damals, das »Vertrauen in die Integrität« der Treuhand sei »bei der ostdeutschen Bevölkerung nahe dem Nullpunkt«.

Die Bundesregierung indes vermochte keine Fehlentwicklung zu erkennen. Das Großdubrauer Werk, sagte Finanzstaatssekretär Joachim Grünewald, sei »überdimensioniert, (...) falsch gemanagt und falsch organisiert«. Keines der Konzepte für einen Weiterbetrieb oder eine Übernahme sei betriebswirtschaftlich plausibel. Immerhin habe man sich bei der Treuhand, auch wenn das kostengünstiger gewesen wäre, gegen eine Gesamtvollstreckung und für eine Liquidation entschieden, die Chancen für »Fortführungsmaßnahmen« biete. Der Staatssekretär sprach von einem »zugegebenermaßen unschönen Beispiel« für die »örtlich tief gehenden Folgen des notwendigen Umstrukturierungsprozesses«. Es belege aber gleichwohl »die Richtigkeit und das Greifen der Instrumentarien, deren sich die Treuhandanstalt bedient«.

Eines der Konzepte, dem freilich nach Ansicht des Regierungsbeamten »jegliche betriebswirtschaftliche Basis« fehlte, hatten Ex-Mitarbeiter des VEB Elektroporzellan selbst erarbeitet. Sie hatten im Sommer 1991 einen Förderverein gegründet mit dem Ziel, »den Standort ›Margarethenhütte‹ zu erhalten und die vorhandenen Fähigkeiten der Menschen und die bekannten Technologien zu nutzen«. Man schrieb mögliche Investoren an, entwickelte Ideen für neue Produkte und schrieb Strategien für die Sanierung. Die Briefwechsel und die Protokolle der Sitzungen, zu denen man regelmäßig auch den Liquidator von der Treuhand einlud, füllen dicke Aktenordner. »Unser Blick«, sagt Leonhard Jünger, »ging immer nach vorn.«

Vielleicht ist das einer der Gründe dafür, dass Jünger heute nicht verbittert ist wie manch anderer seiner früheren Kollegen, sondern mit einer gewissen Gelassenheit in die Geschichte zurückschaut, auch wenn sie ihm und den anderen Elektroporzellanarbeitern hart mitgespielt und ihnen viel abverlangt hat. Der Förderverein hat die Margarethenhütte nicht retten können. Wenn Jünger heute aus einem Fenster im Museum schaut, sieht er zwar ein paar produzierende Betriebe am Werksstandort, daneben aber viele verfallene und verwahrloste Gebäude und Flächen.

Dennoch hält er den Sektkauf am 2. Juli 1990 auch im Nachhinein nicht für verfehlt: »Ich kann nicht klagen«, sagt Jünger. Denn immerhin gibt es dank seiner und der Arbeit seiner Mitstreiter das Museum, in dem in einer materialreichen Ausstellung die Geschichte des Werkes und damit auch die Lebensgeschichte seiner Beschäftigten festgehalten ist. Ein gutes Dutzend Broschüren zur Werks- und Regionalgeschichte ist entstanden; an zwei weiteren arbeitet der mittlerweile 81-Jährige. Und schließlich gibt es für Jünger auch die Kunst, um sich mit seiner und der Geschichte auseinanderzusetzen. Der Ingenieur, der einst Porzellanmaler werden wollte, malt zarte Aquarelle, von denen manche auch seinen früheren Betrieb darstellen. Im Treppenhaus des Museums hängt ein Bild, das den Platz der 1995 gesprengten Tunnelöfen darstellt. An ihrer Stelle wuchsen bald Bäume. Jünger gab ihm einen Titel, der zeigt, dass er eher mit feinem Spott als mit Zorn in die Vergangenheit schaut. Das Bild heißt: »Blühende Landschaften«.

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