Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Uns doch Wurst!

Deutschland entdeckt sein Herz für die Fleischarbeiter. Warum erst jetzt?

  • Von Roberto de Lapuente
  • Lesedauer: 4 Min.

Erst wenn es zu spät ist, nimmt man Notiz von einem Missstand. Dass diese alte Binsenweisheit stimmt, erlebt man dieser Tage nachdrücklich. Im Zusammenhang mit dem Los der Fleischarbeiter nämlich. Dass die es nicht leicht haben, ahnte man ja immer irgendwie. Der interessierte Beobachter tat freilich mehr als nur zu ahnen – er wusste es. Das Wissen half ihm aber nichts, es ging ja munter so weiter. Schließlich musste der deutsche Ausschnitt der Welt mit billigem Fleisch versorgt wird. Bis Corona kam.

Der Fleischarbeiter war halt ein Kollateralschaden. Ein Systemopfer. Systemrelevant durchaus, denn nur wer billig satt gemacht wird, rebelliert nicht. Ludwig XVI. weiß ein Lied mit seinem abgeschlagenen Haupt davon zu singen. Die Versorgungslage war seinerzeit der Revolutionsgrund schlechthin. Insofern spielt der am toten Tier Tätige eine mehr als wichtige Rolle.

Wie die aussah, hat der Metzgermeister Franz Josef Voll in seinem Buch »Schweinebande« berichtet. In seiner langen Laufbahn hat er auch in einer Schlachterei als Zerleger am Fließband gearbeitet. Eine sehr schöne Zeit war das offenbar nicht. Er berichtete darüber, dass die Arbeit monoton war. Man machte immer dieselben Handgriffe und setzte dieselben Schnitte. Zudem war es heiß und stickig – und die Tiere litten zuweilen, weil die Mitarbeiter aufgrund dieser Monotonie zu Fehlern neigten. Da wurde dann schnell mal ein noch lebendes Rind verbrüht. Wie hält man das aus? Wie so oft durch die freundliche Mithilfe alkoholischer Alltagsbegleitung.

Auch Voll hat in dieser Zeit getrunken. Anders ging es nichts. Das war in den Siebzigern oder Achtzigern, damals verdiente man in so einem Zerlegebetrieb noch ganz gut. Seine Nachfolger von heute machen denselben stinkigen, unhygienischen und nervenaufreibenden Job für weit weniger Geld. Der Alkohol ist jedoch geblieben. Während Franz Josef Voll nach der Arbeit noch nach Hause fuhr, drängen sich die heutigen Zerleger in enge Behelfsunterkünfte – auch hier hilft Alkohol. Für Voll ging das auf Dauer nicht gut, sein Privatleben geriet in Gefahr. Der Job strahlte mit all seinen Missständen bis in sein Familienleben hinein.

Der gelernte Metzgermeister wollte es mal besser machen als jene Veterinäre, die ihm beim Zerlegen begegneten. Eigentlich sollten sie die Tiere untersuchen und für Hygiene sorgen. Voll erlebte aber, dass mancher von ihnen für einen kleinen Obolus vom anliefernden Bauern über Krankheitssymptome bei Rindern hinwegsah. Im Bratwurstbrät – der Rohmasse für die Wurst – merkt es am Ende ohnehin keiner mehr.

Also trieb es Franz Josef Voll ins Ordnungsamt, in die Lebensmittelbehörde. In der Schulung zum Lebensmittelkontrolleur war er mit seiner Ausbildung ein richtiger Fachmann im Vergleich zu seinen Kollegen. Einige von denen hatten noch nie etwas mit Lebensmitteln angestellt. Aber da der Job ohnehin wenig Fachwissen voraussetzte, spielte das keine ausschlaggebende Rolle. Wichtig war, dass man wusste, wie ein Schlachtbetrieb ausgestattet sein musste. Waren genug Steckdosen da? Wurde nach Vorgaben gefliest?

Was am Ende im Fleischkutter ist – der Fleischzerkleinerungsmaschine – konnte selbst der erfahrenste Profi nicht nach Augenschein deuten. Insofern war die fachliche Voraussetzung auch fast gleichgültig. In seiner langjährigen Laufbahn als Kontrolleur stieß es mehrfach an Grenzen. Seine Dienststellenleiter fehlte der Mut gegen regionale Fleischbarone vorzugehen. Schließlich wurden sie auch von der Lokalpolitik geschützt. Sie schaffen Arbeitsplätze und füllen die Stadtkassen. Gegen solche Segensbringer geht man nicht vor, man duldet ihre Unregelmäßigkeiten.

Aber selbst ein mutiger Dienststellenleiter war keine Garantie für ein hartes Vorgehen, denn jedes Gesundheitsamt arbeitet in den eigenen Stadtgrenzen. Was darüber hinaus geschieht, ist nicht mehr steuerbar. Die Behörden, so urteilte Voll, müsse auf regionaler Ebene gegen Konzerne kämpfen, die global agieren und ausweichen könnten. Nur eine Überbehörde könnte das besser steuern.

Volls Abrechnung ist 2017 erschienen. Erst jetzt aber scheint die halbe Republik überrascht. So also geht es wirklich zu hinter den Kulissen unserer schönen billigen Warenwelt. Das konnte ja keiner wissen. Aber ein Geheimnis war es nicht. Es war bloß einfacher, darüber hinwegzugehen und es zu verdrängen. Wegen der nächsten Grillparty, die nur ein Erfolg wird, wenn möglichst viele Würstchen auf dem Weber-Grill liegen. Günstige Bratwürste, versteht sich. Der Grill war doch schon teuer genug – den muss man sich vom Mund absparen.

Ohne Corona wäre die Verdrängung der Tatsachen jetzt ja wesentlich leichter. Sie wären uns doch Wurst. Es ist wohl kein Zufall, dass man das umgangssprachlich so sagt …

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln