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Von Mädchen und ihren Zimmern

Schriftsteller erzählen von privaten Odysseen zu Liedern der großen Stars: Die »Musikbibliothek« von Kiepenheuer & Witsch

Ein Popsong ist erst dann fertig, wenn er gelebt wird. Was das heißt, macht die »Musikbibliothek« von Kiepenheuer & Witsch sichtbar. Drei neue Bände sind dieses Jahr erschienen: »Beatles«, »Leonard Cohen« und »Madonna«. Diese Bücher erzählen nicht die üblichen Göttersagen aus dem Star-Olymp, sondern die autobiografischen Odysseen von Fans. Lady Bitch Ray berichtet, wie Madonna ihren eigenen emanzipatorischen Lebensentwurf auf den Weg gebracht hat. Klaus Modick erzählt, wie die Songs von Leonard Cohen das Mysterium der Liebe zugänglich machen. Und Frank Goosen zeigt, wie die Beatles seinen Blick auf das Leben und alles andere geprägt haben.

Goosen ist ja ein Meister der zugespitzten autobiografischen Pointe. Wie immer, wenn man ein Buch von ihm liest (»Liegen lernen«, »Kein Wunder«), hat man das Gefühl, dass man mit einem alten Kumpel beim Bier in der Kneipe sitzt und sich über gemeinsame Erinnerungen beömmelt. In seinem Band über die Beatles spielt er diese Stärke voll aus. Es ist eine Komödie. Wir sind dabei, wenn er in den späten 70ern zu den schon längst aufgelösten Beatles findet. Wir folgen seinen Gedankengängen, wenn er mit ihren Songs über all die Michaelas und Andreas nachdenkt. Wir begleiten ihn sogar auf eine Pilgerfahrt nach Liverpool.

Klaus Modick dagegen liefert eine kunstvoll konstruierte Romanze. Sein Held Lukas hat als Jugendlicher beim nächtlichen Radiohören eine schicksalhafte Begegnung mit Leonard Cohens Song »Suzanne«. Obwohl er den Interpreten des Songs nicht kennt, begleitet ihn dessen Echo durch sein Leben. Erst Jahre später, nach seiner ersten Liebesnacht, legt seine Bettgenossin genau diese Platte auf. Jetzt kennt er den Interpreten. Und ein bisschen die Liebe.

Den Angelpunkt dieser Geschichte bildet ein Cohen-Konzert in Hamburg. Cohen tanzt dabei mit Fans auf der Bühne. Und Lukas ist dabei. Im zweiten Teil des Buches reist Lukas nach Griechenland, um sich ohne Cohen selber zu finden. Aber er findet am Ende, natürlich, die Liebe.

Lady Bitch Ray haut dem Leser die Geschichte ihrer Selfmade-Emanzipation um die Ohren. In ihrer ziemlich einzigartigen Stilmix aus Rap-Slang, Kurdisch und sprachwissenschaftlichem Fachjargon breitet sie nicht nur ihre Alphabitch-Selbstbehauptungs-Anekdoten aus, sondern zeigt auch, wie stark der Pop-Konsum ihr Leben und Werden beeinflusst hat. Madonna ist für Lady Bitch Ray zunächst ein T-Shirt, das eine »lesbische Schlampe« zeigt. Ein Lifestyle-Angebot, das die damals elfjährige Reyhan Sahin als verlockendes Rolemodel übernimmt. Später sind es die dicken Augenbrauen, die Madonna im Film »Who’s that Girl?« präsentiert. Es ist nicht so sehr Madonnas Musik, es ist die ikonische Madonna, die Bitch Ray prägt.

Pop ist ein Lebensstilangebot, das durch die Performance der Fans Gestalt annimmt. Lebensstilkonsum im Vollzug. Die Bücher der »KiWi-Musikbibliothek« archivieren diese Konsumgeschichte. Menschen, meint der Ethnologe Daniel Miller, seien Knotenpunkte in einem Netz aus Beziehungen. Dabei geht es nicht nur um die Beziehungen zwischen Menschen, sondern auch um die zu Orten und Dingen, die zu Erinnerungsmomenten verdichtet werden. Und genau diese Momente sind es, die uns dann erzählen, wer wir sind.

Das kommt in der »Musikbibliothek« schön zum Tragen. Es wird deutlich, wie sehr Konsum die Beziehungen mitbestimmt und miterzählt. Goosen beschreibt ausführlich seine Plattensammlung, seinen Plattenspieler, seine Freunde, den Bolzplatz, die Schule, die Mädchen und ihre Zimmer. Aus diesem Strudel aus Menschen, Dingen und Orten kondensiert er liebevoll Comedy-Momente. Etwa wie ihn seine Bob-Dylan-Platten in die Arme eines Mädchens führen. Modick berichtet detailliert über ein altes Radio. Bitch Ray erzählt fein säuberlich und detailverliebt von ihrer Markenkleidung.

Alle drei Autor*innen beherrschen die autofiktionale Anekdotenverdichtung. Am deutlichsten fiktionalisiert Klaus Modick, der die Geschichte seines Alter Ego Lukas als personaler Erzähler begleitet. Und obwohl Goosen und Bitch Ray den Authentizitätsmarker eines »Ich-Erzählers« benutzen, ist klar, dass sie zugunsten der erzählerischen Pointen Selbstfiktionalisierung betreiben. Aber auch das ist Pop, das fließende Spiel zwischen Persona und Person.

Vor allem bei Goosen hat man aber das Gefühl, dass man seine Anekdoten irgendwie schon kennt, nur besser. Und auch bei Lady Bitch Ray wird man das Gefühl nicht los, dass es sich bei großen Teilen ihres Madonna-Bandes um einen kleinen Bruder ihres Buches »Yalla, Feminismus!« handelt. Goosen und Bitch Ray bescheren einem also das eine oder andere Déjà-vu. Modicks Erzählung ist zwar originell, kommt aber oft etwas zu getragen und bedeutungsschwanger daher.

Frank Goosen: Über The Beatles. Kiepenheuer & Witsch, 192 S., geb., 12 €. Klaus Modick: Über Leonard Cohen. Kiepenheuer & Witsch, 144 S., geb., 10 €.

Lady Bitch Ray: Über Madonna. Kiepenheuer & Witsch, 144 S., geb., 10 €.

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