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»Ein Kampf ist nicht wichtiger als der andere«

Es bröckelt in Buenos Aires: Der Dokumentarfilm »Risse im Patriarchat« porträtiert den queeren Kampf

  • Von Isabella Caldart
  • Lesedauer: 4 Min.

Argentinien, vor allem die Hauptstadt Buenos Aires, gilt als LGBTIQ-Hotspot - nicht nur im Vergleich mit anderen lateinamerikanischen Ländern, sondern weltweit. Im aktuellen »Gay Travel Index« des schwulen Reiseanbieters Spartacus World, der unter anderem die Gesetzeslage bewertet und die Mordrate an queeren Personen einbezieht, belegt das Land Platz 5, noch vor Deutschland, Dänemark und Neuseeland. Als erstes südamerikanisches Land führte Argentinien 2010 die Ehe für alle ein; 2015 wurden erstmals offiziell drei Elternteile, ein lesbisches Paar und der Samenspender, anerkannt. Also alles in Butter in Argentinien?

Ganz so rosig, wie es klingt, ist der argentinische Alltag jedoch nicht. Und vor allem: Die Gesetzesänderungen durchzuboxen war ein langer Kampf. Die Dokumentation »Risse im Patriarchat« beleuchtet genau diese beiden Aspekte: den Weg zu mehr Gleichheit und die Probleme, mit denen die LGBTIQ-Szene in Argentinien mit Fokus auf die Hauptstadt Buenos Aires immer noch zu kämpfen hat. Gedreht wurde sie von Cagdas Celtikli von der Hochschule für Gestaltung Offenbach und Kai Münch, der Soziologie studiert und zwei Jahre in Buenos Aires gelebt hat.

Für den Dokumentarfilm haben Celtikli und Münch sieben Protagonist*innen der LGBTIQ- und feministischen Bewegung Argentiniens gefilmt, die alle vor allem eines betonen: die Notwendigkeit, Aktivismus intersektional zu verstehen. Zu den interviewten Personen gehören unter anderem Alba Rueda von Mujeres Trans Argentina, einer 2014 gegründeten Organisation für trans Frauen, Carlos Álvarez Nazareno von der Agrupación Xango, die sich für die Sichtbarkeit Schwarzer Personen in Argentinien einsetzt, und María Alicia Gutiérrez, Dozentin für Gender Studies an der Universität von Buenos Aires, die auf einer Demonstration für die Legalisierung von Abtreibung mit der Kamera begleitet wurde. Sie alle verhandeln die unterschiedlichen Formen des Aktivismus und die Bedeutung von Kunst und Kultur als Teil dieses Kampfes, um auf eine offenere Gesellschaft hinzuarbeiten - und betonen, dass der Kampf immer auch antikapitalistisch sein muss.

Bei all dem Ernst, der dem Streben zugrunde liegt, kann dieser Protest jedoch auch einfallsreich sein. Als etwa im wohlhabenden Viertel Recoleta in der argentinischen Hauptstadt zwei Frauen einer Bar verwiesen wurden, weil sie sich geküsst hatten, trafen sich daraufhin zahlreiche Aktivistinnen, um sich vor dem Eingang der Kneipe demonstrativ zu küssen. »Ich denke, diese Aktion hat eine unfaire, diskriminierende Tat in etwas Positives verwandelt«, beschreibt Constance Majdalani vom queeren Kulturzentrum Feliza die Szene.

»Grietas en el Patriarcado«, so der Originaltitel, lässt wichtige Figuren der LGBTIQ-Bewegung Argentiniens zu Wort kommen. Doch die Dokumentation bleibt dabei leider etwas statisch. Schnitte kennt der Film wenige, und in den sehr langen Interviewsequenzen wird die Kameraper-spektive nicht gewechselt. Auch die überschaubare Anzahl eingeblendeter Foto- und Videoaufnahmen gibt nur einen Teil der aktuellen Bewegung wieder, ohne beispielsweise Bilder der ersten Pride-Märsche Argentiniens zu zeigen. Neben den konkreten Gesetzgebungen, die zwar erwähnt werden, fehlt dennoch eine spezifisch argentinische Perspektive: Welche Auswirkungen hatte die Militärdiktatur von 1976 bis 1983? Welche politischen Veränderungen gab es unter der peronistischen Präsidentin Cristina Kirchner im Vergleich zum konservativen Staatschef Mauricio Macri, der sie 2015 ablöste?

Die Dokumentation liefert eine gute Basis, um die Bedeutung von Intersektionalität im Kampf gegen das Patriarchat zu begreifen und für den Diskurs zu schulen, und gibt zudem erste Einblicke, warum Argentinien trotz einiger Rückschläge und des nicht immer einfachen Alltags zu einem progressiven Land für queere Personen geworden ist.

»Risse im Patriarchat« lädt also ein, sich weiter zu informieren. Wer mit dem Thema jedoch schon vertrauter ist, dem könnten einige Facetten des argentinischen Aktivismus zu kurz kommen. Das mag aber auch weniger das Anliegen des Filmes sein - er ist eher ein Aufruf dafür, sich für eine Welt fern von Homo- und Transfeindlichkeit und Rassismus einzusetzen und dabei keine der sozialen Minderheiten aus dem Blick zu lassen. Oder, um es mit den Worten von María Alicia Gutiérrez zu sagen: »Diese Kämpfe betreffen die Gesellschaft als Ganzes. Ein Kampf ist nicht wichtiger als der andere. Ich glaube, dass jeder von uns diese Auseinandersetzung von dem Raum aus führen muss, in dem wir unser tägliches Leben führen.«

Premiere feiert die Dokumentation auf dem Filmfestival »Outfest Peru«, das seit 2004 in Lima organisiert wird. Der Film ist dort in bester Gesellschaft: Unter anderem werden auch die Dokumentation »Lemebel« über den schwulen chilenischen Schriftsteller Pedro Lemebel gezeigt, die bereits auf der diesjährigen Berlinale zu sehen war, und »El puto inolvidable«, der Film über Carlos Jáuregui, den argentinischen LGBTIQ-Aktivisten der ersten Stunde. Das Festival findet dieses Jahr - klar - online statt.

Die unermüdliche Arbeit der Protagonist*innen in »Risse im Patriarchat« und ihren Organisationen trägt in Argentinien übrigens bereits weitere Früchte: Seit März moderiert mit Diana Zurco erstmals eine trans Frau eine Nachrichtensendung des ältesten und wichtigsten staatlichen Fernsehsenders Televisión Pública - und das zur Primetime. Es ist ein weiterer Schritt auf dem langen Weg Argentiniens zu einer gerechteren Gesellschaft frei von Diskriminierung.

»Risse im Patriarchat« auf dem »Outfest Peru« am 3. und 5. Juli unter: www.outfestperu.com

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