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Mann mit imposantem Schnauz

Im Mysterythriller »Suicide Tourist« bemerkt ein Selbstmörder, dass er doch nicht sterben will

  • Von Benjamin Moldenhauer
  • Lesedauer: 3 Min.

Der Gehirntumor ist inoperabel, weswegen Max beschließt, sich die Schmerzen und den Kontrollverlust zu ersparen. Sich selbst umzubringen, klappt nicht, aber als Max von einer Kundin - er macht in Lebensversicherungen - von einem Hotel erfährt, das den Selbstmord als Dienstleitung mit Wellness-Komfort anbietet und das Sterben möglichst flauschig gestalten soll, bucht Max seine letzte Reise.

Auf »Suicide Tourist«, Jonas Alexander Arnbys zweiten Film, habe ich mich sehr gefreut. Sein erster, »When Animals Dream«, war ein wunderschön tristes und energiegeladenes Genrestück, das 2014 den eigentlich schon vollständig durchgenudelten Werwolf-Plot noch einmal so erzählte, dass man gerne zuschaute und -hörte: Die Geschichte der unkontrollierbaren Triebenergie wurde nicht in öde Dampfkochtopf-Metaphern gepackt, sondern als legitime und notwendige Wehrhaftigkeit zweier Frauen gegen die Gewalt einer Fischerdorfgesellschaft gezeigt. In langsamem Rhythmus und mit großem Interesse an seinen Figuren und wenig Interesse an Effekten. Die Männerkehlen wurden in »When Animals Dream« eher pflichtschuldig, wie nebenbei aufgerissen.

Ein Horrorfilmregisseur wollte Arnby mit seinem Debüt also erkennbar nicht werden, und das trug zum schönen Eigensinn von »When Animals Dream« bei. Der Nachfolger »Suicide Tourist« aber wird von der Unlust, Genrevorgaben zu erfüllen, heftig ausgebremst. Man weiß nicht, was der Film von einem will, wenn überhaupt, und das Ergebnis ist nicht schöne Ambivalenz, sondern zähe Indifferenz. Der Film, der, vielleicht, als Entfaltung der existenziellen Situation schlechthin gedacht war - ein Mensch beschließt zu sterben -, kommt an keiner Stelle wirklich in die Gänge und versackt im Egalen.

Getragen wird »Suicide Tourist« von der Kamera Niels Thastums, die Bilder sind in ihrer seltsam aseptischen Durchkomponiertheit durchweg sehr, sehr schön. Schnittrhythmus und Musik tun ihr Übriges, und das Filmgeschehen strahlt eine angenehme Melancholie aus. Blöd halt, dass »Suicide Tourist« sich außerdem vorgenommen hat, etwas zu erzählen und vielleicht sogar irgendwas zum Diskurs über Sterbehilfe beizutragen.

Was genau, wird in beiderlei Hinsicht nicht ganz klar. Irgendwann kommen Max Zweifel an seiner Entscheidung - ein Abbruch der ganzen Unternehmung aber ist, man hat es geahnt, von Dienstleisterseite nicht vorgesehen. Und dann rennt Max halt durch die Hotelkeller und das Hotel-Personal hinterher. Das ist der Teil des Films, der irgendwie Spannung evozieren soll. Das funktioniert aber nicht wirklich.

An der Inszenierung im engeren Sinne liegt es, wie gesagt, nicht, dass hier nichts so richtig verfängt, am Cast auch nicht: Nikolaj Coster-Waldau ist - als still resignierter, in sich gekehrter Versicherungsvertreter mit imposantem Schnauz - diametral zu seiner virilen Figur in »Game of Thrones« gecastet, und dass dieses Leben nun ein Ende haben muss, nimmt man ihm auch ohne Weiteres ab.

Am Schluss liefert der Film obendrein nicht allzu interessante Mindfuck-Versatzstücke, Doppelgängerinnen, Drogen und so weiter. Der Eindruck, dass »Suicide Tourist« nicht weiß, welche Geschichte er eigentlich erzählen will, bleibt jedenfalls. Die vom Selbstmörder, der im fast letzten Moment realisiert, dass es mit dem Sterben doch zu schnell geht; die des Mannes, der am Ende seines Lebens irgendeine Wahrheit findet, von der er vorher nichts wusste; eine Meditation über das Sterben - all das ist irgendwie zu erahnen, versackt aber auf halber Strecke oder kurz danach.

Bleibt zu hoffen, dass Jonas Alexander Arnby sich in seinem nächsten Film wieder darauf konzentrieren kann, Genrekonventionen sanft, aber bestimmt zu verschieben, weil ihn eigentlich etwas anderes umtreibt als vom Genre vorgesehen.

»Suicide Tourist - Es gibt kein Entkommen«, Dänemark 2019. Regie: Jonas Alexander Arnby. Darsteller: Nikolaj Coster-Waldau, Tuva Novotny, Kate Ashfield, Robert Aramayo. 90 Min.

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