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Cottbus

Heute Linker, früher Nazi

Der Sorbe Měto Kjarcmaŕ aus Cottbus will gutmachen, was er falsch gemacht hat.

Von Andreas Fritsche

Das Telefon klingelt eine ganze Weile, bevor Měto Kjarcmaŕ rangeht. Er hat auf dem Akkordeon gerade ein Stück aus einem Liederbuch einstudiert - »Kleine weiße Friedenstaube« - und musste das Instrument erst absetzen. Das Akkordeonspielen hat sich der 29-Jährige selbst beigebracht - so wie Niedersorbisch, die Sprache seiner Vorfahren. Aufgewachsen ist er nur mit Deutsch. Von seinem Großvater hat er als Kind lediglich einige niedersorbische Flüche gehört, mehr nicht. Erst als er 19 oder 20 Jahre ist, lernt Kjarcmaŕ Niedersorbisch - via Internet - , übt sich dabei in Gesprächen mit Bekannten, die das Niedersorbische Gymnasium in Cottbus besuchen. Es ist ihm nicht sonderlich schwer gefallen, sagt er. Schließlich hatte er seit der 7. Klasse Polnischunterricht. Die beiden Sprachen sind sich ziemlich ähnlich.

Die Zeit, in der sich Kjarcmaŕ auf seine niedersorbischen Wurzeln besinnt, das ist auch die Zeit, in der er sich langsam von der rechten Szene löst. Der Großvater hatte ihm erzählt, wie sorbische Kinder in der Nazizeit geschlagen wurden, wenn sie in der Schule Wendisch - ein anderer Begriff für Niedersorbisch - miteinander redeten. Doch als Kanonenfutter für die Wehrmacht seien die jungen Männer der slawischen Minderheit gut genug gewesen, schimpfte der Großvater. Das bewegt den Enkel zum Nachdenken. Und dann gab es da noch einen weiteren Anlass. Měto Kjarcmaŕ hatte auf dem Weihnachtsmarkt zur Seite ausgespuckt - versehentlich vor die Füße eines Motorradrockers. Dieser fasst das als Beleidigung auf, packt den Jugendlichen und stößt wüste Drohungen aus. Beschützt haben ihn damals ausgerechnet Russen und Ukrainer.

In der Pubertät, so mit 13 oder 14 Jahren, war der junge Sorbe in deutschnationale Kreise abgedriftet. Er will das heute nicht beschönigen. Er sagt: »Ich war Nazi.« Kjarcmaŕ bewegte sich in einer rechten Jugendszene, in der »Du Jude« eine gängige Bemerkung ist und Witze über das Vergasen der Juden gerissen werden. In antisemitischen Hass will sich Kjarcmaŕ persönlich nicht hineingesteigert haben. »Aber ein bisschen Volksverhetzung ging immer«, erinnert er sich. In Massenschlägereien prügelt er sich damals mit Punks, bekommt nur durch rechtzeitiges Wegrennen und glückliche Zufälle keine Schwierigkeiten mit Polizei und Justiz.

An den Treffpunkten der rechten Szene tauchten zuweilen Kader der NPD oder der freien Kameradschaften auf, um Anhänger zu rekrutieren. Kjarcmaŕ ist aber nie eingetreten, hat die NPD nicht einmal gewählt. Bevor er erwachsen war und wählen durfte, hatte er sich bereits bewegt, hatte sich mit den Ideen der verschiedenen demokratischen Parteien beschäftigt. »Das antifaschistische Engagement war bei der Linken herausragend«, sagt Kjarcmaŕ. Das gefiel ihm. Er liest Bücher von Marx und Engels und tritt vor etwas mehr als zehn Jahren in die Linke ein. Bei den Kommunalwahlen 2014 und 2019 kandidiert er für die Cottbuser Stadtverordnetenversammlung und erhält zwischen 200 und 250 Stimmen. Das hat nicht gereicht für einen Einzug ins Parlament. »Aber das war auch gar nicht mein Ziel«, sagt er.

Kjarcmaŕ wollte seine Jugendsünden wiedergutmachen, so gut es geht. Und noch viel wichtiger: andere davor bewahren, die selben Fehler zu begehen, die er gemacht hat. Darum auch hatte er sich an den Demonstrationen gegen die Naziaufmärsche beteiligt, die vor Jahren stets am 15. Februar durch die Stadt zogen - zum Jahrestag der Bombardierung von Cottbus im Zweiten Weltkrieg.

In einem Wahlkampf ist es Kjarcmaŕ gelungen, einen Mann, der sein Kreuz bei der AfD machen wollte, noch umzustimmen. Dass er selbst mal in der rechten Szene war, macht es ihm leichter, die dort herrschenden irrationalen Ängste vor Überfremdung zu verstehen und darauf einzugehen. Er kann nun aber auch nachfühlen, was Flüchtlinge erleben müssen. Denn er hatte mal einen Mitbewohner, einen Kurden aus Syrien, der eines Morgens weinend in der Küche saß: Er hatte gerade erfahren, dass die Terrormiliz IS sein Haus in der Heimat vermint hat.

Die Losung »Schlagt die Faschisten, wo ihr sie trefft«, die noch aus der Weimarer Republik stammt, möchte Měto Kjarcmaŕ so verstehen, dass die Faschisten in Diskussionen mit Argumenten besiegt werden. Von gewalttätigen Auseinandersetzungen hält er nichts. Mit Worten aber lasse sich der eine oder andere vielleicht doch überzeugen. Ab und zu trifft Kjarcmaŕ beim Fußball zufällig einen alten Bekannten aus der rechten Szene. Dann lassen sie die Politik für einen Moment beiseite und reden über persönliche Dinge. Oder sie sprechen doch über Politik, tauschen ihre Argumente aus.

Absolut falsch findet Měto Kjarcmaŕ aber, was in der Stadt Forst der dortige Linksfraktionschef Ingo Paeschke getan hat. Der war am 18. Mai bei einem Pressegespräch in der Geschäftsstelle der Linken Seite an Seite mit AfD-Fraktionschef Konstantin Horn aufgetreten. Nun soll Paeschke aus der Partei ausgeschlossen werden, weil er seinen Fehler nicht schnell genug eingesehen und eine Wiederholung nicht sofort ausgeschlossen hat.

Darum ging es vor einer Woche bei einem Kreisparteitag der Lausitzer Linken im Cottbuser Kino »Weltspiegel«. Der Kreisvorstand wollte den Ortsverband Forst auflösen, weil dieser mehrheitlich zu Paeschke hält. Bei der Abstimmung verfehlte der entsprechende Antrag die erforderliche Zwei-Drittel-Mehrheit. Měto Kjarcmaŕ war für die Auflösung, hatte in der Diskussion das Wort ergriffen. Er begann seine Rede mit der niedersorbischen Begrüßung »Dobry źeń« - Guten Tag - und warnte eindringlich vor jeglichem Zusammengehen mit der AfD. Er wisse, wie gefährlich Nazis sind, sagte er dann, hielt kurz inne und verriet: »Ich war Nazi.« Dieses Bekenntnis löste Erstaunen aus. »Oho«, tönte es aus den Reihen der Zuhörer. »Ja, oho«, reagierte Kjarcmaŕ emotional. Nachdem er gesagt hatte, was er sagen wollte, verließ er erst einmal den Saal, um draußen eine Zigarette zu rauchen. Er musste sich beruhigen. Es hatte ihn aufgewühlt. Mehrere Genossen traten zu ihm und klopften ihm auf die Schulter. »Das hast Du gut gemacht, Měto«, sagten sie.

Die Zwei-Drittel-Mehrheit wurde dennoch verpasst. Das ist für den jungen Mann im Prinzip ein Anlass zu überlegen, an welchem Punkt er aus der Partei austreten würde. Jetzt ist dieser Punkt für ihn aber noch nicht erreicht. Forst ist ein Einzelfall. »Ich habe meine politische Heimat hier. Der Grundkonsens, nicht mit der AfD zu kooperieren, steht - und das bundesweit«, meint Kjarcmaŕ. Er möchte helfen, dass das so bleibt. Gerade hier in der Lausitz möchte er dabei helfen. »Ich frage mich: Wo ist ein Loch in der Betonmauer, und wie kann ich es mit bunten Legosteinen reparieren?«

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