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Proben bisher nur für digitale Konzerte: die Musiker der Elbphilharmonie.
Kultur und Corona

»Uns erwartet ein dramatischer Kampf«

Kunst und Kultur sind lebensnotwendig, meint der Hamburger Kulturwissenschaftler Martin Zierold

Von Olivier David.

Alle Welt redet von Lockerungen, doch Konzerte, Theaterbesuche und Festivals fallen flach. Ist ein Ende des Kultur-Lockdowns in Sicht?

Viele Museen haben ja bereits wieder geöffnet. Und wenn die Anzahl der Neuinfektionen über den Sommer hinweg unter Kontrolle bleibt, dann werden die sich ja bereits abzeichnenden vorsichtigen Schritte zur Öffnung sicher weiter gegangen werden.

Wie verändert sich der Kulturbetrieb durch die Pandemie?

Am Beispiel Theater könnte das erstmal bedeuten, dass wieder gespielt wird, aber wahrscheinlich mit erheblichen und schmerzhaften Einschränkungen: Wie viele Menschen dürfen auf der Bühne stehen? Wie viel Publikum darf es geben, mit welchen Hygieneregeln? Das muss alles geklärt werden. Die Häuser werden die großen Säle brauchen, aber bekommen Publikumszahlen wie beim Kammerspiel.

Das hört sich schwer finanzierbar an.

Das führt dazu, dass das wirtschaftlich eigentlich Wahnsinn ist. Die Häuser müssen Strukturen vorhalten, die für große Produktionen gemacht sind. Sowohl von kreativer, als auch von wirtschaftlicher Seite sind das Einschnitte, die man aber notgedrungen in Kauf nimmt in einer Zeit, in der eben nichts anderes möglich ist. Sobald es einen Impfstoff gibt, werden auch unsere gewohnten Formen, die Clubbesuche, die Konzerte wieder anders stattfinden können.

Von der Pandemie wurden bisher besonders die wenig bis gar nicht geförderten Subkulturen getroffen. Sind sie also besonders gefährdet?

In den nächsten Jahren - und das ist das Drama - sehe ich die Gefahr eigentlich in allen Bereichen. Der Unterschied zwischen den genannten sub- und soziokulturellen Initiativen und den großen Einrichtungen ist, dass die großen Häuser momentan noch relativ stabil durch die Krise kommen, weil sie durch öffentliche Zuschüsse kurzfristig einen hohen Anteil an fixen Einnahmen haben. Die spüren die Krise auch, sie spüren, dass es schmerzt, müssen sich aber noch nicht unmittelbar darüber Gedanken machen, ob sie in den nächsten Monaten ihre Gehälter zahlen können.

Das ist zum Beispiel in der Clubszene anders.

Der ganze Bereich des nicht strukturell geförderten Kulturbereiches merkt natürlich seit Tag Eins der Schließung, dass die Einnahmen und damit die Finanzierungsgrundlage wegbricht. Wenn ich jetzt also sage: In ein oder zwei Jahren kann es sein, dass wir eine große kulturpolitische Debatte haben werden, was gefördert wird und was nicht, dann stellt sich eben für subkulturelle Einrichtungen die Frage: Wer überlebt überhaupt solange, bis die Debatte ansteht? Da ist die Not heute schon da.

Wird auf Länderebene genug getan, um die Vielfalt zu erhalten?

Das lässt sich schwer pauschal beantworten. Sagen wir es einmal so: Es gibt nicht wenige Kulturschaffende, die mindestens zeitweise den Eindruck hatten, weniger Aufmerksamkeit zu bekommen als etwa die Automobilindustrie.

Welche Art von Aufschrei braucht es, um die Kulturlandschaft als Ganzes zu erhalten?

Wir werden in den nächsten zwei, drei Jahren angesichts der Wirtschaftskrise und knapper öffentlicher Kassen Diskussionen erleben, welche Kultureinrichtungen wir noch wie fördern wollen. Und dann braucht es nicht nur die erwartbaren Aufschreie, sondern dann braucht es aus möglichst vielen Teilen der Gesellschaft das Bekenntnis: Wir brauchen in dieser Stadt unser Theater, unser Museum, unser Orchester - auch unsere Clubs.

Welche Rolle kann da die Zivilgesellschaft spielen?

Ich glaube, dass wir uns in den nächsten Jahren auf einen wirklich dramatischen Kampf um die Finanzierung unserer Kulturlandschaft einstellen müssen. Wenn diese Diskussion zugespitzt stattfindet, wäre es gut, wenn sich möglichst viele Menschen die Zeit nehmen, sich lautstark einzubringen und die Häuser und Projekte zu unterstützen, die diese Hilfe brauchen. Es könnte sein, dass ein Moment kommt, in dem das Überleben von Häusern davon abhängt, dass möglichst viele und eben auch möglichst viele überraschende Stimmen kommen, die sagen: Wir brauchen dieses Angebot.

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