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Auch im Namen des Herrn: Bald wird die »Sea-Watch 4« auf dem Mittelmeer nach schiffbrüchigen Flüchtlingen Ausschau halten. Derzeit wird sie in Spanien auf den Einsatz vorbereitet.
Bischof Bedford-Strohm

Ein Kirchenschiff wird kommen

»Beten und Tun«: Bischof Bedford-Strohm über das Sterben auf dem Mittelmeer und während der Corona-Pandemie

Von Fabian Hillebrand

Herr Bischof, kennen Sie die Peanuts- Comics?

Charlie Brown meinen Sie?

Genau!

Ja, das kenne ich.

Es gibt ein Bild, da sitzen Snoopy und Charlie Brown am See und Brown sagt: »Eines Tages werden wir alle sterben.« Snoopy antwortet: »Stimmt, aber an allen anderen Tagen nicht.«

Das ist eine sehr schöne Comic-Beschreibung eines Satzes aus der Bibel, der mir wichtig ist: In Psalm 90 heißt es: »Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.« Das ist kein depressiver, sondern ein zutiefst lebensbejahender Satz. Als Christen glauben wir, dass der Tod nicht das Ende, sondern der Übergang in ein anderes Leben ist. Entscheidend ist aber auch, dass wir um unsere Endlichkeit wissen und die Zeit, die wir haben, achtsam und dankbar leben. Ich habe nie verstanden, warum die Menschen sich die schönsten Dinge immer erst in der Grabrede sagen. Vielleicht kann die Corona-Pandemie den Effekt haben, dass Menschen bewusster leben und sehen, dass bestimmte Dinge nicht selbstverständlich sind.

Ich habe in dieses Bild noch etwas anderes hineingelesen: Auch im Wissen darum, dass das Leben endlich ist, dürfen wir unsere Bemühungen darum nie einstellen. In der Corona-Pandemie wurde das in Frage gestellt. Eine unchristliche Haltung?

Ich verstehe, was Sie meinen. Boris Palmer und andere haben solche Gedanken geäußert. Denen habe ich klar widersprochen. Wir sollten niemals über den Wert des Lebens anderer Menschen urteilen. Die Menschenwürde gilt unbedingt und sie lässt sich auch nicht in finanziellen Berechnungen aufwiegen. Die Frage, ob sich die ganzen Anstrengungen lohnen, um das Leben älterer Menschen um ein paar Lebensmonate zu verlängern - das ist zynisch. Das darf nicht sein.

Ein anderer Fall liegt vor, wenn Menschen selbst die Entscheidung treffen, ihre vielleicht knappe Zeit dazu zu nutzen, mit Menschen zusammen zu sein und auf ihrem Weg begleitet zu werden, auch wenn das Risiko dadurch steigt, das Virus zu bekommen. Das sollte eine persönliche Entscheidung sein. Wir haben ja auch im Krankenhaus eine klare Regel: Das Leben von Menschen wird nicht gegen ihren Willen verlängert. Das ist Selbstbestimmung. Wenn es Möglichkeiten gibt, das auch im Umgang mit der Pandemie so zu machen, etwa durch Unterbringung in voneinander getrennten Trakten, dann wäre ich dafür. Ebenso, dass die eigene Selbstbestimmung das Leben anderer nicht gefährdet.

Zum Gebären und zum Sterben sollte niemand alleine sein. In der Pandemie ist das aber passiert, auch in Deutschland.

Ich habe zu jeder Gelegenheit gesagt: Wenn Menschen sterben, müssen sie begleitet werden. Dabei ist aber immer die Frage, wie das gelingt, ohne dass wir unverantwortliche Risiken etwa für Alten- und Pflegeheime verursachen. In manchen traurigen Fällen sind die Todeszahlen dort in die Höhe geschnellt. Das ist ein nicht gänzlich auflösbares Dilemma. Wer aber heute die Frage stellt, waren die Kirchen für die Menschen da, der wird sagen müssen: Überall haben sich Menschen vor Ort, Seelsorgerinnen und Seelsorger, wirklich aufgerieben, um bei den Menschen zu sein.

Für viele Menschen heißt Christ sein vor allem, in die Kirche zu gehen. Mussten die sich in den letzten Monaten neu erfinden?

Die Pandemie ist eine Situation, für die es überhaupt keinen Plan gab. Auf einen Schlag ist das, was die Kirche im Kern ausmacht, dass wir Gottesdienste in Gemeinschaft feiern, nicht mehr möglich. Das Abstruse war, dass genau das, was normalerweise Ausdruck von Nähe und Gemeinschaft ist, die Zeichen der Liebe und Verbundenheit, die wir gewohnt sind, plötzlich zum Feind der Liebe geworden sind. Ich bin aber schon stolz darauf, wie schnell unsere Kirche reagiert hat und wie kreativ sie mit dieser Situation umgegangen ist. Wir sind auf unterschiedliche Art mit den Menschen in Kontakt getreten: Über Telefonketten, über die nachbarschaftliche Hilfe oder über Briefe. Dann natürlich über die Fernsehgottesdienste und über neue digitale Formate: Diese Möglichkeiten haben wir in einer atemberaubenden Geschwindigkeit verstärkt und ausgebaut. Über Ostern haben wir zehn Millionen Menschen mit diesen Angeboten erreicht. Das ersetzt zwar nie die physische Präsenz, es ist aber ein sehr kraftvolles Mittel der Kommunikation und des Austausches.

Vor Kurzem gab es erneut Meldungen über Rekordmitgliederverluste in der Kirche. Corona hat die Kirchen geleert, ausgedünnt waren sie schon vorher. Ist eine Neuausrichtung notwendig?

Alles was wir tun, tun wir aus Überzeugung, nicht weil wir uns davon Mitglieder versprechen. Wir leben aus einer Botschaft und einem Inhalt. Und zu diesem Inhalt gehört, dass wir aus unserem Glauben leben und genau deswegen Menschen in Not beistehen. Das treibt uns an.

Auch in der Entscheidung, in einigen Wochen gemeinsam mit anderen Organisationen ein Schiff auf das Mittelmeer zu schicken, um dort Flüchtlinge zu retten?

Als das öffentlich geworden ist, hat es Kirchenaustritte gegeben. Ich habe aber auch eine Flut von positiven Zuschriften bekommen, darunter viele Kircheneintritte, das habe ich in meiner ganzen Zeit als Bischof nicht erlebt. Menschen schreiben mir, wie stolz sie auf ihre Kirche seien, weil sie ein klares Zeichen setzt. Das hat mich in der Menge, zugegebenermaßen, ein wenig überrascht - aber vor allem ermutigt. Ich glaube, hier zeigt sich ein Stück Zukunft der Kirche. Eine agile und mutige Gemeinschaft, mit der man sich identifizieren kann. Die auch etwas riskiert und Position bezieht. Ein tiefer Glaube, der gleichzeitig leidenschaftlich für die Welt und für die Menschen in Not kämpft.

Ist es nicht traurig für unsere Gesellschaft, wenn man als Kirche mit so einer zutiefst menschlichen Aktion schon etwas »riskiert«?

In vielen Zuschriften, die ich bekomme, wird gesagt, es sei nicht unsere Aufgabe, zum Reeder zu werden. Aber das tun wir ja gar nicht. Wir arbeiten mit einer Seenotrettungsorganisation zusammen, die professionell ist, die sich mit Schiffen auskennt und die ein Ziel verfolgt, das wir aus ganzem Herzen teilen. Manche Kritiker meinen, man müsse zwar die Menschen retten, aber man dürfe sie nicht nach Europa locken. Ich sage ihnen: Es besteht ja gar keine Möglichkeit, die Menschen an sichere Orte zurückzubringen. In Libyen gibt es kein funktionierendes Recht und keinen funktionierenden Staat. Und die anderen Ländern Nordafrikas nehmen niemanden auf. Ich frage diese Kritiker: Was schlagt ihr sonst vor? Wollt ihr die Menschen ertrinken lassen? Sie müssen gerettet werden, damit sie in Europa dann ein faires Asylverfahren bekommen können.

Die Kirche engagiert sich seit Jahren in der Entwicklungshilfe, für Flüchtlinge, gegen Armut. Trotzdem sind viele überrascht, dass Sie nun ein Schiff senden.

Es ist natürlich eine ungewöhnliche Sache, dass die große alte Institution Kirche mit einer zivilen Seenotrettungsorganisation zusammenarbeitet. Es ist Ausdruck einer sich verändernden Kirche, einer, die gesellschaftliche Allianzen bildet. Gottesliebe und Nächstenliebe können nicht voneinander getrennt werden. Die Kirche muss gesellschaftliche Zeichen setzen, zur Stelle sein, wenn Menschen in Not sind. Wenn es politische Ursachen sind, die die Not bedingen, muss die Kirche auch an diesen rütteln. Dietrich Bonhoeffer hat mal gesagt, Beten und Tun des Gerechten, beides gehöre untrennbar zusammen. Das ist genau die Grundlage für das, was wir da gegenwärtig tun. Das hat Jesus uns mit dem sogenannten Doppelgebot der Liebe mit auf den Weg gegeben.

Was geben Sie der Crew der »Sea-Watch 4« mit auf den Weg?

Das Erste ist meine große Dankbarkeit für den Einsatz der zivilen Seenotretter. Ich habe höchsten Respekt vor dem, was die zivilen Seenotretter machen. Leider sind sie die einzigen, die da sind und Menschen in Seenot retten. Das Zweite ist, natürlich: der Segen Gottes: Bleibt behütet!

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