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Weg von den Beatles wollte er nie

Der Schlagzeuger Ringo Starr wird achtzig

  • Von Kristof Schreuf
  • Lesedauer: 4 Min.

In einer Nacht des Jahres 1960 stehen im Kaiserkeller auf der Reeperbahn in Hamburg-St. Pauli fünf junge Musiker aus Liverpool auf der Bühne. Drum herum verteilen sich gerade mal ebenso viele Gäste an den Tischen.

Ein Mann mit einem trotzigen Vollbart und einer auffälligen Grausträhne im Haar nähert sich. Sein schwankender Gang signalisiert der Band, dass er nicht mehr ganz nüchtern ist, und sein Blick lässt offen, ob er Streit sucht. Als die Band ein Stück zu Ende gespielt hat, verlangt der Mann, eine langsame Country-Nummer zu hören. Seinem Musikwunsch entsprechen die Bandmitglieder auch deshalb prompt, weil er ihnen mit seiner Erscheinung Angst einjagt. So beschrieben John Lennon, Paul McCartney und George Harrison später ihren ersten Eindruck, den sie von Richard Starkey bekamen, der sich als Musiker den Künstlernamen »Ringo Starr« zugelegt hatte.

Als sie sich in Hamburg über den Weg liefen, hatten die 60er Jahre zwar schon begonnen, waren aber noch nicht so richtig losgegangen. Starr sorgte damals als Schlagzeuger der Beatband Rory Storm and The Hurricanes für Unterhaltung im »Indra«, im »Top Ten« und im »Star Club«, während die Beatles an den gleichen Orten in anderen Nächten denselben Job übernahmen.

Dass Starr es überhaupt aus Liverpool raus und auf den Kontinent geschafft hatte, war schon ein kleines Wunder. Er wuchs auf in kaum gelüfteten, winzigen Wohnungen mit bröckelnden Gipswänden. Als er gerade eingeschult worden war, zwang ihn eine Bauchfellentzündung, ein Jahr im Krankenhaus zu bleiben. Als er nach Hause zurückkehren konnte, erlaubte ihm seine alleinerziehende Mutter, die sich und ihren Sohn als Bardame durchbrachte, zur weiteren Erholung in den Liverpooler Parks den Schulunterricht zu schwänzen. Als Jugendlicher bekam Starr Tuberkulose, was weitere zwei Jahre Aufenthalt in einem Sanatorium nach sich zog. Um seine Motorik in Schwung zu bringen und die Langeweile zu vertreiben, regten ihn die Krankenschwestern an, sich der Krankenhausband anzuschließen. Starr bastelte sich aus Bleistiften und Baumwolle ein paar Schlegel und begann damit auf dem Nachttisch neben seinem Krankenbett zu klöppeln. Als er aus dem Sanatorium kam, ersetzte er den Nachttisch durch Keksdosen in seinem Kinderzimmer, und von da an war Schlagzeugspielen sein Leben.

Nach seinem Einstieg bei den Beatles sah noch nichts nach einer Karriere aus. Denn schon die Aufnahmen zur ersten Single »Love me do« 1962 hätten sich bei einem seelisch weniger stabilen Menschen als Starr dramatisch bis traumatisch auswirken können. Der Produzent George Martin hielt ihn schlicht für unfähig, brauchbare Rhythmen zu liefern, und ersetzte Starr deshalb durch einen Studio-Schlagzeuger.

Seine Bandkollegen schauten während der ersten Jahre auf ihn herab und rissen gerne Witze auf seine Kosten. Ihre Haltung wirkte sich noch bis in die Beatles-Filme »A hard day’s night« und »Help« aus, wo Starr immer wieder die notorische Rolle des Mädchens-in-Not, wie man damals gesagt hätte, übernehmen musste: Er wurde von Bösewichten herumgeschubst, entführt und in weitere Schwierigkeiten gebracht, aus denen er nur von den anderen Beatles gerettet werden konnte.

Und wenn Starr seinen beim Songschreiben immer produktiver und wagemutiger loslegenden Bandkollegen auch mal etwas selbst Komponiertes präsentierte, kugelten die sich am Boden vor Lachen, bevor sie ihm auseinandersetzten, dass er, ohne es zu merken, einfach irgendeinen sattsam bekannten, kaum veränderten Standard vorgetragen hatte.

Erst allmählich stellte sich heraus, wie gut Starr zu den anderen Beatles passte und wie viel er aus ihren rhythmischen Vorschlägen etwa für »Day Tripper« oder »Tomorrow never knows« machen konnte. Außerhalb von Aufnahmestudios, Bühnen und Filmkulissen dagegen passte für Starr nicht immer alles zusammen. Während die 60er Jahre angeblich immer mehr persönliche Freiheiten erlaubten, zeigte er sich in seinem Privatleben als typischer Vertreter vorangegangener Generationen. Im Rückblick auf diese Zeit beschrieb er sich sehr viel später »als Trinker, als Ehemann, der manchmal seine Frau schlug, und als oft und lange abwesender Familienvater«.

Während Lennon, McCartney und Harrison von Platte zu Platte zu neuen, jeweils noch grandioseren künstlerischen Höhenflügen ansetzten, fühlte sich Starr immer weniger gebraucht. Er war der Erste, der die Band, wenn auch nur für ein paar Tage, verließ (während der Aufnahmen zum »Weißen Album«).

Doch wirklich weg wollte er nie. 1970, kurz nach der Trennung der Beatles, spielte er Schlagzeug auf John Lennons Solo-Album »Plastic Ono Band«, wie auch auf den meisten Alben, die Harrison bis zu seinem Tod aufnahm. Wenn er nicht für die nun »Ex-Beatles« genannten Kumpels spielte, ließ er sich von ihnen Songs für seine eigenen Platten schreiben. Er kam und kommt mit allen klar und hat bis heute Spaß, wenn er mit seiner »All-Starr-Band« auf Tour geht. Der Schlagzeuger mit der super Figur wird heute 80 Jahre alt.

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