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Bürger fühlen sich veräppelt

Bei Umbau der Bürostadt Weißensee wurde Beteiligung der Anwohner eher zum Feigenblatt

  • Von Tomas Morgenstern
  • Lesedauer: 5 Min.

Am DGZ-Ring neben der Gustav-Adolf-Straße in Berlin-Weißensee wird seit Mai 2020 gebaut. Eher ungewöhnlich erscheint, dass dort inmitten einer kargen Bürolandschaft Wohnungen der gehobenen Preisklasse entstehen. Bei Anwohnern stößt das auf Unmut, denn das bislang brachliegende Grundstück DGZ-Ring 1-2 hatten sie sich als Spielplatz oder Parkanlage vorgestellt. Arno Kiehl, der in der Nachbarschaft wohnt, fühlt sich regelrecht veräppelt, denn der Wunsch nach einer grünen Oase für die benachbarte Schule und das Asylbewerberheim sei noch 2019 im Rahmen der Bürgerbeteiligung in zwei Stadtteilwerkstätten vorgebracht und interessiert zur Kenntnis genommen worden. Der 86-Jährige hatte gemeinsam mit anderen Weißenseern an dem »Brainstorming« teilgenommen. Nach viel Lob für den Vorschlag und einem »Weiter so« habe man nichts mehr davon gehört.

Das Dienstleistungs- und Gewerbezentrum (DGZ), so der sperrige Name für die in den 1990er Jahren entstandene Bürostadt Weißensee, gab auch der neu angelegten Zufahrts- und Erschließungsstraße ihren Namen. Schon 2015 hatten Überlegungen, die letzte Brache zu einem Spielplatz umzugestalten, die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) beschäftigt. Das Bezirksamt sei ersucht worden, sich beim Eigentümer dafür einzusetzen, »dass die derzeitige Brache an der Johannes-Itten-Straße/DGZ-Ring als Spiel- oder Grünanlage gestaltet wird«, bestätigt die zuständige Abteilung für Stadtentwicklung und Bürgerdienste dem »nd« auf Anfrage.

Der Antrag dazu stammte von der Linksfraktion, die am 24. November 2014 in ihrer Begründung schrieb: »Die DGZ-Bürostadt ist immer noch ein Fremdkörper im umliegenden, von Wohnungsbau geprägten Gebiet. Schon seit einiger Zeit wird dort die Umwandlung von (bislang leer stehenden) Büros zu Wohnungen betrieben. Auch die Ansiedlung einer Flüchtlingsunterkunft verändert die Ansprüche, die an diesen Komplex gestellt werden müssen. So sind eine verbesserte Aufenthaltsqualität und mehr Angebote für BewohnerInnen als Ziel zu verfolgen.« Schon damals hatte der seinerzeit »Verfügungsberechtigte« eine Zwischennutzung als Grün- beziehungsweise Spielfläche als »nicht sinnvoll erachtet«.

Die »Perle« in diesem etwas abgelegenen Bereich des Stadtteils im Bezirk Pankow ist die »Weißensee Kunsthochschule Berlin«, eine national wie international angesehene Einrichtung. Die Gebäude an der Bühringstraße 20 waren früher Teil der renommierten Trumpf-, später Elfe-Schokoladenfabrik. Die Gegend ist von älterer Wohnbebauung, Gewerbe- und Brachflächen sowie Kleingartenanlagen geprägt. Ein Spiel- und Erholungspark hätte dem gesamten Quartier gut zu Gesicht gestanden.

Denn einige der Backsteinbauten aus Trumpf-Zeiten sind auch in die nebenan hochgezogene Bürostadt Weißensee integriert worden. 1991, als DDR-Schokolade nicht mehr so gefragt war, hatte die Concordia Bau- und Boden AG das Areal von der Treuhand erworben. Mit hoffnungsvollem Blick auf den Berlin-Umzug von Bundestag und -regierung hatte das Immobilienunternehmen binnen fünf Jahren 83 000 Quadratmeter Bürofläche geschaffen - in Bestands- und Neubauten. Bis 2015 wurden acht klinkerverkleidete Blocks errichtet. Doch die Anlage hat mit hohem Leerstand und häufigem Mieterwechsel zu kämpfen. Im historischen Elfe-Gebäude etwa war die Physiotherapie-Akademie untergekommen, die 2016 den Standort aufgab. Auch die nachfolgende Berlin Bilingual School ist gerade wieder ausgezogen. Die auf dem Gelände 2013 zwischen DGZ-Ring und Bühringstraße eingerichtete Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge wird derzeit baulich auf Vordermann gebracht. Und auch das Seniorenheim auf dem Gelände der Bürostadt wird gerade umfassend modernisiert.

Wie das Bezirksamt mitteilte, sei es auf jedem DGZ-Grundstück zulässig, Wohnnutzung zu realisieren, da kein festgesetzter Bebauungsplan für den Bereich existiere. »In den letzten Jahren ist überdies - ausgehend von den Wohngebäuden unmittelbar östlich und nördlich des DGZ-Rings - eine Ausdehnung einer Wohnnutzung in westlicher Richtung festzustellen«, so die zuständige Abteilung.

Das gilt auch am DGZ-Ring 1-2. Wie Bezirksbaustadtrat Vollrad Kuhn (Grüne) erst im März auf Anfrage des Bezirksverordneten Matthias Zarbock (Linke) mitteilte, wurde bei der Bauaufsicht ein entsprechender Antrag im August 2019 eingereicht. Dem »nd« wurde mitgeteilt, dass im März 2020 die Baugenehmigung erteilt und der Baubeginn bei der Genehmigungsbehörde angezeigt worden sei. Seither geben dort schwere Baumaschinen den Takt an. Die private Investorengesellschaft DGZ-Ring 1-2 GmbH und Co. KG als Eigentümerin kündigt auf einem Transparent vor Ort den exklusiven Neubau von 87 Eigentumswohnungen, zehn Penthäusern, 55 Tiefgaragenplätzen sowie einem Fitness- und Wellnessbereich an.

Wirklich Sinn ergibt das, seit bekannt wurde, dass in der Nachbarschaft ab 2025 die Kunsthochschule um einen »Campus Weißensee« erweitert wird, an dem sie ihre dezentralen, bisher angemieteten Standorte zusammenführen will. Darüber hinaus sollen Wohnraum für Studierende, Atelier- und Arbeitsplätze für Kunstschaffende sowie Räume für weitere kreative und soziokulturelle Nutzungen und grüne Freiräume entstehen. Der gesamte Stadtteil wird durch dieses Vorhaben aufgewertet.

Für Anwohner wie Arno Kiehl klingt das wie Hohn. »Das ist das, was die Bürger entmutigt, weil sie den Eindruck bekommen, dass ihre Ansichten eben nicht gefragt sind«, sagt er.

Bei der Abteilung Stadtentwicklung und Bürgerdienste heißt es, man habe noch einmal alle Unterlagen zu den beiden Stadtteilwerkstätten von 2019 durchgeschaut. »Dort waren nur allgemeine Forderungen nach ›Mehr Spielmöglichkeiten‹ erfasst, aber keine konkrete auf das DGZ-Gelände bezogene Forderung.« Ob das Gelände wirklich nicht konkret benannt wurde, lasse sich nicht mehr rekonstruieren. Am Ende hätten so die Bürger nicht darauf hingewiesen werden können, dass ein Spielplatz auf dem Gelände keine Option mehr sei.

»Man wird das Gefühl nicht los, dass hier mit einer Hinhaltetaktik gehandelt wurde«, sagt Kiehl dazu.

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