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Coronakrise

Was bleibt?

Die Corona-Pandemie hat Berlin verändert.

Von Yannic Walther (Text) und Andreas Domma (Fotos)

Wer bei der Bildersuche im Internet die Stichworte Berlin und Corona eingibt, der findet schnell ein Foto, an das man sich in der Hauptstadt auch noch erinnern wird, wenn die Pandemie vorbei ist. Mehrere Tausend Menschen feiern dicht gedrängt in Schlauchbooten auf dem Landwehrkanal in Sichtweite des Urban-Krankenhauses. Ein Bild, das wie kein anderes zeigt, welche Widersprüche die Corona-Pandemie in Berlin offengelegt hat. Auf der einen Seite sinnbildlich die Risikogruppen, für die Rücksichtslosigkeit eine Lebensgefahr darstellt. Ihnen gegenüber jene, die vom Nachtleben nach Berlin gelockt wurden und die am liebsten schnell wieder zur Normalität zurückwollen. Doch was ist diese Berliner Normalität, was davon bleibt, und wovon wird sich die Stadt verabschieden müssen?

Ob am Gleisdreieck, im Mauerpark oder in der Hasenheide: Wer in den Monaten des Lockdowns in der Stadt unterwegs war, der konnte vielerorts sehen, dass sich die Parks eines großen Andrangs erfreuten. Während soziale Treffpunkte wie Kneipen und Veranstaltungsorte geschlossen blieben und dem einen oder anderen im Homeoffice sprichwörtlich die Decke auf den Kopf fiel, wurden Parks zu Ersatzkneipen, zu Partyflächen oder schlicht zu einem der wenigen noch zugänglichen Orte außerhalb der eigenen vier Wände. Monika Herrmann, grüne Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, erklärt die gestiegene Attraktivität der Parks einerseits mit den Abstandsregeln, die sich nun mal besser im Freien umsetzen lassen. »Außerdem sind in den vergangenen Monaten für viele Berliner*innen der Urlaub oder andere Reisen ausgefallen«, sagt Herrmann.

Den Grundstein für die Naherholung innerhalb der Stadtgrenzen hat Berlin vor ziemlich genau 150 Jahren gelegt. Am 1. Juli 1870 beschloss die Stadt unter dem Eindruck von Industrialisierung und rasant gestiegener Einwohnerzahl, eine grünere Stadt zu werden. Heute machen Grünflächen und Wälder 30 Prozent des Stadtgebietes aus. Und vielleicht wird man sich in Berlin künftig auch an den Wert erinnern, den Freiflächen während des Lockdowns hatten, wenn wieder einmal Stimmen lauter werden, die eine Randbebauung des Tempelhofer Feldes fordern.

Dass die verstärkte Nutzung von Grünflächen auch mit Konflikten einhergeht, zeigen die zahlreichen Partys, die in den letzten Monaten aus den Clubs in die Parks verlegt wurden. Als höchst unsoziales Verhalten testosterongesteuerter junger Männer hat das Innensenator Andreas Geisel (SPD) bezeichnet. »Tja, das ist Jugend - Sturm und Drang -, das liegt in ihrer Natur«, sagt hingegen verständnisvoll Dimitri Hegemann. Gut, Hegemann ist alles andere als unvoreingenommen. Wer jetzt in den Parks tanzt, macht das normalerweise zum Beispiel in dem alten Heizkraftwerk, das Hegemann unter dem Namen »Tresor« als Club betreibt - zumindest bis Corona kam, die Clubs zu Ansteckungs-Hotspots wurden und schließlich am 12. März ihre Türen schlossen. Hegemann meint, dass einige Flächen in der Stadt unbürokratisch für Partys zur Verfügung gestellt werden könnten. »Platz gibt’s genug.« Was ihn nerve, seien die Scherben und der Müll, den die Partygäste in den Parks hinterlassen.

Die Alternative, also dass Clubs wieder öffnen, ist nicht absehbar. Wer die Clubs aber nur als verzichtbare Freizeiteinrichtung sieht, vergisst, dass diese auch Arbeitgeber einiger Tausend Berlinern zahlen. Die 2018 veröffentlichte Studie der Berliner Clubcommission geht von rund 9000 Beschäftigten in der Szene aus. Auch für diese beschloss der Bundestag vergangene Woche ein Hilfspaket. Eine Milliarde Euro gehen in die Kulturlandschaft - Clubs gehören mittlerweile dazu. Ebenso denkt der Berliner Senat über neue Hilfspakete und eine offizielle Anerkennung als Kulturstätten nach. Manch einer, wie kürzlich der DJ Westbam, zweifelt zwar daran, dass Subkultur und staatliche Fürsorge zusammenpassen. Doch klar ist auch, ohne Finanzhilfen werden einige Türen für immer geschlossen bleiben.

Das wäre nicht nur für DJs, Türsteher und Barkeeper ein Problem. »Tresor«-Betreiber Hegemann weist darauf hin, dass zahlreiche kleine Betriebe unmittelbar mit der Clubkultur verwoben sind. Angefangen bei den Technikfirmen, über die Gastronomie bis hin zu den Übernachtungsstätten. Zwar ist einiges passiert, seit Berlins ehemaliger Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit 2003 die Hauptstadt als »arm, aber sexy« titulierte - Unternehmen siedelten sich an, Fachkräfte zogen in die Hauptstadt, und die Arbeitslosigkeit erreichte ein Rekordtief. Doch Corona hat diesen Trend vorerst unterbrochen. Im Juni kletterte die Arbeitslosenquote in der Hauptstadt auf über zehn Prozent. Nur Bayern und Baden-Württemberg verzeichnen einen stärkeren Anstieg im direkten Vergleich mit den Zahlen aus dem Juni des vergangenen Jahres. Nicht ausgeschlossen, dass die Arbeitslosenzahl noch einmal steigt, wenn das Kurzarbeitergeld ausläuft. In Berlins dienstleistungsgeprägter Wirtschaft bekommen das ohnehin einige Beschäftigte nicht. Wer beispielsweise an der Theke als Minijobber arbeitet, geht leer aus.

Nicht zuletzt für Berlins Gastwirtschaft ist auch die Frage bedeutend, wann wieder Touristen in die Stadt kommen. Diese ziehen zwar in den Augen mancher Berliner nicht nur ihre Rollkoffer hinter sich her, sondern bringen nach deren Ansicht im Gepäck auch gleich die Gentrifizierung mit. Sie sind jedoch eine milliardenschwere Einnahmequelle für die Hauptstadt. Im April brachen die Übernachtungen um rund 95 Prozent ein. Nur langsam geht es wieder bergauf.

Attraktiv für Berlin-Besucher war auch das Nachtleben. In der Schlange vor Hegemanns »Tresor« konnte man vor Corona einen Eindruck davon gewinnen, wie wichtig Touristen für die Branche sind. Laut der Clubcommission-Studie hat 2017 allein der Partytourismus 1,48 Milliarden Euro in die Stadt gespült. Hegemann vermutet, dass, wenn diese jetzt dauerhaft schließen müssen, auch keine anderen kulturellen Akteure in die Räume ziehen werden.

Wie es konkret aussehen kann, wenn Kulturorte verschwinden, sieht man aktuell an der Ecke Gleimstraße und Schönhauser Allee. Martin Rathke sitzt dort vor einem Spätverkauf. In der Leuchtreklame über dem Späti steht: »Rettet das Colosseum«. Rathke ist Betriebsratvorsitzender für die über 40 Angestellten im gegenüberliegenden Kino. Eine Zeit lang war es das Premierenkino der DDR. Nach der Wiedervereinigung erwarb der Berliner Filmproduzent Artur Brauner das »Colosseum«. Letztes Jahr starb er. Auch das Kino ist seit Mai nur noch Teil der Filmgeschichte. Sein Sohn, Sammy Brauner, der die Betreiberfirma des Kinos leitet, meldete Insolvenz an. Gerade mit den ausbleibenden Gästen während des Shutdowns sei es wirtschaftlich nicht mehr tragbar. Doch Rathke und die anderen Mitarbeiter haben Zweifel an dieser Begründung. Wie sie erfahren haben, wurde bereits im November letzten Jahres, also noch vor Corona, ein Bauvorbescheid für das Grundstück bewilligt. Zwar bleibt der unter Denkmalschutz stehende Premierensaal des Kinos erhalten, doch der Rest des Gebäudes soll laut »Tagesspiegel« zum »Berlin-Work-Campus« werden - ein sechsstöckiges Bürogebäude.

»Sollte es tatsächlich stimmen, dass Herr Brauner hier schon seit Längerem plant, ein Bürogebäude zu bauen, dann war die Gelegenheit jetzt günstig, das Kino zu schließen«, sagt Rathke. Eigentlich hatten die Mitarbeiter bereits alles vorbereitet und ein Leitsystem entwickelt, mit dem auch die Abstandsregeln eingehalten werden können, erzählt er. Doch als am 2. Juli in Berlin Kinos wieder öffneten, demonstrierte er mit mehreren Hundert Gästen und Anwohnern vor dem »Colosseum« für dessen Erhalt. Gern würde die Belegschaft das Kino weiterbetreiben, doch auch Rathke weiß, dass das wenig wahrscheinlich ist. Wenn hier ein Bürogebäude entsteht, wird das »Colosseum« zu einem Paradebeispiel der Aufwertungsprozesse in der Stadt: Büro verdrängt Kino. Höher qualifizierte Arbeitsplätze entstehen, und die »Colosseum«-Belegschaft, von denen einige bereits 1998 die heutigen Kinositze verschraubt haben, muss weichen. Ob auch andernorts das Virus ein Katalysator für Verdrängung ist, wird sich zeigen. Rathke zumindest ist optimistisch, wenn er an das Berlin nach Corona denkt: »Es wird Verlierer geben und viel wird kaputtgehen. Trotzdem glaube ich, dass kulturell wieder viel Neues entstehen wird.«

Neues ist in den letzten Monaten auch auf Berlins Straßen entstanden. Dort war es während des Shutdowns ungewohnt leer. Das Taxigewerbe beklagte Einbrüche von 90 Prozent, und Berlin zählte im April ein Drittel weniger Verkehrsunfälle als noch zur selben Zeit 2019. Auch die Berliner Verkehrsbetriebe verzeichneten drastische Einbrüche bei den Fahrgastzahlen.

»Coronabedingt haben sich mehr Menschen dazu entschlossen, ihr Fahrrad zu benutzen«, sagt Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann. Rad statt Ansteckungsrisiko U-Bahn? Das legen auch die Zahlen der insgesamt 16 Fahrradzählstellen nahe, die berlinweit in Betrieb sind. Zwar haben diese im März und April insgesamt etwas weniger Radfahrer gezählt als im letzten Jahr. Doch nach dem Shutdown stieg die Zahl wieder an. Im Juni waren es 25 Prozent mehr als im Vorjahresvergleich. Klar, gutes Wetter und weniger Berliner, die verreisen, müssen einkalkuliert werden. Aber vielleicht haben auch die neu entstandenen Pop-up-Radwege ihren Teil zu dem Anstieg beigetragen. Seit Ende März wurden vor allem in Herrmanns Bezirk in Windeseile neue Radwege eingeweiht. Dort müssen sich Fußgänger und Radfahrer nicht mehr den Straßenrand teilen.

Ob am Halleschen Ufer, auf der Skalitzer Straße oder dem Kottbusser Damm - die neuen Radfahrstreifen kündigen bereits jetzt an, was Berlin in den nächsten Jahren umsetzen muss. Denn nach dem 2018 verabschiedeten Berliner Mobilitätsgesetz sollen das Rad und der öffentliche Personennahverkehr zukünftig Vorrang erhalten vor dem motorisierten Individualverkehr. Erkennen konnte man diese Prioritätensetzung bisher nur wenig. Doch das Virus hat seine Spuren auch bei der Berliner Verwaltung hinterlassen. »Corona hat uns geholfen, einige Projekte und Maßnahmen schnell umzusetzen, die sonst noch eine Weile in der Planung gewesen wären«, sagt Monika Herrmann. Mutig und kreativ wären die Behörden in den letzten Monaten geworden, meint sie. Zumindest die Radwege sollen nach Corona erhalten bleiben. Ob dann immer noch damit zu rechnen ist, dass in den Berliner Behörden mutig und kreativ entschieden wird? »Das sollten wir viel häufiger machen - und uns einfach mal was trauen.«

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