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Corona und soziale Folgen

Prekär, migrantisch, Corona

Vor dem Virus sind eigentlich alle Menschen gleich. Aber faktisch eben doch nicht

Ich bin ein gutes Beispiel dafür, dass es jeden treffen kann«, sagt Ende März ein 22-jähriger Covid-19-Patient dem Sender RBB, der ihn vier Wochen nach Beginn der Krankheit in der Charité besuchte. Wo sich Berlins mutmaßlicher »Patient Null« angesteckt hatte – der Student absolvierte zu der Zeit ein Praktikum in einem Büro –, ist vermutlich bis heute nicht geklärt. Bei anderen Fällen in der Frühphase der Pandemie konnten die Infektionsketten nachvollzogen werden: Eine Geschäftsreisende aus China brachte wohl die ersten Sars-CoV-2-Viren nach Deutschland. Dann kamen die Skifahrer aus Ischgl und andere Reisende aus Italien. Das Virus verbreitete sich in Gottesdiensten, bei Karnevalsgesellschaften und in Clubs aus, erfasste Künstler, Handballnationalspieler, Oliver Pocher, Jutta Ditfurth und Friedrich Merz.

Nach wie vor kann das Virus jeden treffen. Doch sieht es derzeit, bei relativ konstantem »Infektionsgeschehen«, ganz danach aus, als habe sich Covid-19 zu einer Krankheit der Armen entwickelt. Sammelunterkünfte, Wohnblocks, Werkverträge – das sind die Stichworte, die sich in den meisten Berichten über Corona-Ausbrüche der letzten Wochen in Deutschland fanden. Offizielle Angaben zum Zusammenhang von Armut und Covid-19 gibt es bisher keine. Dem Bundesgesundheitsministerium liegen solche Zahlen nicht vor, heißt es auf Anfrage, und es verweist auf die täglichen Informationen des Robert-Koch-Instituts (RKI). Das RKI gibt zur Auskunft, dass Studien »im Gange bzw. geplant« seien, die den sozioökoomischen Status der Covid-19-Patientinnen und -Patienten betrachten. Bei den Daten, die den Gesundheitsämtern gemeldet werden, sind solche Informationen – sicherlich aus guten Gründen – nicht enthalten.

Doch allein die mehr als 1700 Infektionen in der Gütersloher Tönnies-Fleischfabrik und ihrem Umfeld dürften dafür gesorgt haben, dass Migranten in prekären Beschäftigungsverhältnissen, die wenig verdienen und in beengten Verhältnissen leben, überdurchschnittlich unter den aktuell Kranken vertreten sind. Berichte über Krankheitsfälle in einem Amazon-Lager in Hessen, Wohnblocks in Berlin und Göttingen legten nahe, dass sicherlich keine Reichen betroffen waren, sondern Menschen, die auf eher wenig Raum mit anderen leben oder arbeiten.

Und die Nachrichten aus aller Welt gleichen sich: In Melbourne brach die Krankheit kürzlich in Hochhäusern mit Sozialwohnungen aus. In Lleida sind überwiegend Saisonarbeiter aus Afrika betroffen, in Leicester die Arbeiter in den Textilfabriken, deren unsägliche Arbeitsverhältnisse bereits vor fünf Jahren in einer Studie der Universität dokumentiert wurden. Aus den USA, wo am Freitag mehr als 63 000 Neuinfektionen pro Tag gemeldet wurden, stecken sich Wissenschaftlern zufolge Schwarze und Hispanics dreimal so häufig an wie Weiße.

Laut der US-Gesundheitsbehörde Centers for Disease Control and Prevention (CDC) ist das Risiko für Angehörige dieser Bevölkerungsgruppen sogar fünf- bzw. viermal so hoch wie für Weiße, schwer zu erkranken und im Krankenhaus behandelt werden zu müssen. Die Gründe werden mitgeliefert: langjährige soziale Benachteiligung, schlechtere Arbeits- und Lebensbedingungen, fehlende Krankenversicherung, eine schwächere körperliche Konstitution und letztlich weit überdurchschnittlich oft jene Vorerkrankungen, die bei Covid-19 lebensbedrohlich sein können. Regina Stötzel

Mexiko: Armenviertel Milpa Alta

Corona und soziale Folgen: Prekär, migrantisch, Corona

Cancún, Tijuana, Mexiko-Stadt – zunächst waren es touristische Karibikstrände, pulsierende Grenzstädte und wohlhabendere Viertel der Metropolen, in denen sich das Coronavirus besonders stark verbreitete. Doch die Pandemie hat längst auch die verarmten Gegenden Mexikos erreicht. So zum Beispiel Milpa Alta, einen kleinen, beinahe dörflichen Vorort der Hauptstadt. Viele leben hier vom Anbau von Mais, Kürbis und Kaktusblättern. Das »hohe Maisfeld« zählt zu den ärmsten Barrios der Stadt. 80 000 und damit fast zwei Drittel der Bewohnerinnen und Bewohner haben nicht genug zu essen, keine soziale Absicherung und schlechten Zugang zum Bildungssystem. Nirgends gibt es so wenige Krankenhausbetten, doch ausgerechnet dort hat sich das Coronavirus inzwischen so stark ausgeweitet wie sonst nur in einem einzigen weiteren Armenviertel der Metropole. Zu Hause zu bleiben ist für die Menschen in Milpa Alta ein Luxus. »Sie müssen quer durch Mexiko-Stadt fahren, um ihre Waren zu verkaufen«, erklärt der Bezirksbürgermeister Octavio Rivero.

Im gesamten Land leidet zunehmend die arme Bevölkerung unter der Pandemie. Noch sind ökonomisch besser gestellte Regionen, in denen die Zahl der Armen »nur« bei maximal 40 Prozent liegt, stärker betroffen. Doch jüngste Zählungen der staatlichen Entwicklungsbehörde Coneval haben ergeben, dass in einem Drittel der 210 Landkreise, in denen das Virus in letzter Zeit angekommen ist, 80 Prozent der Bevölkerung in Armut leben. Die Konsequenzen sind fatal: Bis zu elf Millionen Menschen könnten allein aufgrund der Pandemie ihre Lebenshaltungskosten künftig nicht mehr decken, befürchtet die Behörde.

Corona und soziale Folgen: Prekär, migrantisch, Corona

Für die abgelegenen, häufig indigenen Gemeinden ist ihre isolierte Lage ein zweischneidiges Schwert. Mehr als die Hälfte dieser Dörfer blieb bis heute von der Corona-Pandemie verschont – nicht zuletzt, weil viele ihre Zufahrtsstraßen blockiert haben. Dort, wo sich die Viren dennoch ausbreiten konnten, sterben jedoch mindestens doppelt so viele an der gefährlichen Lungenkrankheit als im Landesdurchschnitt. Oft trennen die Indigenen stundenlange Fahrten auf holprigen maroden Wegen vom nächsten Hospital. Von einer Krankenversorgung können sie nur träumen. Wolf-Dieter Vogel

Südafrika: In den Townships

Das Virus kam mit europäischen Touristen und der einheimischen Oberschicht ins Land, jenen Gutbetuchten also, die mit Vorliebe in Nachbauten toskanischer Villen residieren und im Urlaub das Original bestaunen. Doch das Anwesen will gepflegt und die Familie bedient werden. In Südafrika besorgt dies ein Heer von Hausangestellten, deren Mindestlohn nochmal knapp ein Viertel unter der nationalen Gehaltsuntergrenze von 20,76 Rand (1,08 Euro) pro Stunde liegt. Mit den Arbeitern kam das Virus dann in die Townships.

Die enorme Ungleichheit bei Einkommen und Besitz spiegelt sich in den Lebensverhältnissen wider. Die Wohnsituation der Hausangestellten ist von einer toskanischen Villa so weit entfernt wie Südafrika von Italien. In den Wellblechhütten und den vom Volksmund »Streichholzschachtel-Häuser« getauften Unterkünften des sozialen Wohnungsbaus sind Abstandhalten und Isolation schier unmöglich. Der extrem harte Lockdown, den Südafrikas Regierung Ende März verhängte, hat die Situation noch verschärft. Weil fast niemand arbeiten durfte, verloren viele Familien jegliches Einkommen. Millionen hungerten. In ihrer Not liefen die Menschen von einer Essensausgabestelle zur nächsten. Dass der Staat es nicht vollbrachte, vom Präsidenten angekündigte Nothilfen auch auszuzahlen, weil die Mitarbeiter der Sozialbehörde selbst im Lockdown waren, versinnbildlicht den Umgang mit den Ärmsten gut.

Corona und soziale Folgen: Prekär, migrantisch, Corona

In Kapstadt ist inzwischen die Infiziertenrate pro 100 000 Einwohner im Subdistrikt Klipfontein am höchsten, wo Townships wie Nyanga und Gugulethu liegen. Auch die Sterbezahlen sind in den Armenvierteln wesentlich höher als in den wohlhabenderen Vierteln. Obwohl die Fallzahlen nun rasant ansteigen, versucht die Regierung die Wirtschaft dennoch immer weiter zu öffnen, weil ihr schlicht die Mittel ausgehen. Die Arbeiter aus den Armenvierteln stehen nun vor einer unmenschlichen Wahl: Um zur Arbeit zu kommen, sind sie auf Minibus-Taxis angewiesen. Deren Eigner-Verband hat seine Mitglieder offen dazu aufgerufen, die vorgeschriebenen Kapazitätsbeschränkungen zu ignorieren, weil ihm die Subventionen zu niedrig sind. Wer sich nicht in die Minibusse quetscht und zu Hause bleibt, dem droht, seinen Job zu verlieren. Christian Selz, Kapstadt

Spanien: Obdachlose Saisonarbeiter

Mitte Mai zählte die Stiftung Arrels in Barcelona 1239 Menschen, die während des Alarmzustands auf den Straßen lebten. Die Dunkelziffer dürfte deutlich darüber liegen. In Deutschland sorgte die Schlagzeile einer Regionalzeitung »Auch Obdachlose sollen daheim bleiben« für Kopfschütteln. Gemeint war das Verbleiben in einer Obdachlosenunterkunft. Dass das alles andere als risikofrei ist, zeigt gerade die katalanische Großstadt Lleida, in der viele neue Corona-Ausbrüche zu beklagen sind. Neben einem Altersheim und mehreren Obstplantagen, deren Saisonarbeiter in gewohnt miserablen Behausungen untergebracht sind, war auch eine Obdachlosenunterkunft unter den Orten. Dort wurden Anfang Juli gleich fünf Träger des Coronavirus festgestellt: drei Bewohner, ein Angestellter und ein Freiwilligendienst Ableistender.

Single man is waiting for charity food on a church door during corona pandemic.
Single man is waiting for charity food on a church door during corona pandemic.

Neun neue Corona-Ausbrüche wurden gezählt, bis Kataloniens Regionalpräsident Quim Torra am vergangenen Wochenende die Anweisung erteilte, dass sämtliche Straßen nach Lleida, der Hauptstadt der gleichnamigen Provinz, sowie 38 weitere Städte des betroffenen Landkreises Segrià geschlossen werden sollten. Wer keinen festen Wohnsitz vorweisen konnte, musste die Region innerhalb von vier Stunden verlassen. Wie Obdachlose mit einer solchen Anweisung umgehen sollen, blieb offen. Immerhin forderte Alba Verges, die Chefin der katalanischen Gesundheitsbehörden, die Bürgermeister von Obstanbaugemeinden auf, corona-gerechte Unterkünfte für obdachlose Saisonarbeiter einzurichten, um der Ausgangssperre nachkommen zu können.

Seit über 25 Jahren sind es vor allem afrikanische Tagelöhner, die zur Erntesaison kommen. Für viele von ihnen ist das Geld, das sie in den Sommermonaten verdienen, das wichtigste Einkommen des Jahres. Auch deswegen hatten während der Corona-Pandemie viele von ihnen in Lleida ausgeharrt und das Risiko auf sich genommen, sich mit dem Virus anzustecken. Martin Ling

Russland: In den Öl- und Gasregionen

Hinsichtlich der Fallzahlen liegt Russland mit über 700 000 gemeldeten Corona-Infektionen weltweit auf Platz vier hinter den USA, Brasilien und Indien. Moskau entwickelte sich schnell zum Hotspot, während sich in manchen entlegeneren Landesteilen erst mit großer Verzögerung ein signifikanter Anstieg bemerkbar machte. Das Gesundheitsministerium gibt als entscheidenden Faktor für eine Abmilderung der Epidemie die Zerstreutheit der Bevölkerung und ihre vergleichsweise niedrige Mobilität an. Bei der Betrachtung der Gebiete mit hohen Infektionsraten fällt zunächst auf, dass auf die Hauptstadt einschließlich Umland und St. Petersburg die Region um Nischnij Nowgorod folgt, die im weiteren Sinne zum Moskauer Einzugsgebiet gerechnet werden kann.

Corona und soziale Folgen: Prekär, migrantisch, Corona

Besonders besorgniserregend stellte sich das Infektionsgeschehen von Anfang an im russischen Norden dar, insbesondere in den Öl- und Gasfördergebieten. Dort wird in wochenlangen Schichten gearbeitet, und die Unterbringung erfolgt auf engstem Raum. Große Infektionsherde entstanden in Jakutien, in den autonomen Kreisen der Jamal-Nenzen und Chanten und Mansen, aber auch in Murmansk oder dem Krasnojarsker Gebiet. Statistiken geben nach Angaben nichtstaatlicher Quellen diese Situation jedoch nur im Ansatz wieder. Anfänglich verkündete Zahlen werden nach unten korrigiert oder Arbeiter nach der Rückkehr in ihre Heimatregionen dort nicht registriert. An einzelnen Orten kam es zu Protesten der Beschäftigten, weil Schutzmasken fehlten und Menschen mit und ohne Covid-19-Symptomen zur Fortführung ihrer Tätigkeiten in engem Kontakt standen. Unternehmer wissen damit oft nicht umzugehen, und die lokalen Behörden fürchten sich davor, Arbeiter außerhalb der streng abgeriegelten Fördergebiete unterzubringen.

Rechnet man die absoluten Infektionszahlen auf die Gesamtbevölkerung um, dann nimmt auch die völlig abgelegene Republik Tywa an der Grenze zur Mongolei einen der oberen Plätze ein – und den untersten hinsichtlich der Einkommen. Dort leben 35 Prozent der Menschen unterhalb der Armutsgrenze. Ute Weinmann, Moskau

Indien: Vom Slum bis in weite Teile der Gesellschaft

Dieser Tage bricht Indien einen Corona-Rekord nach dem anderen: Am Freitag betrug die Zahl Neuinfektionen über 26 000 Personen. Erst vor Kurzem hat Indien Russland überholt und ist mit nahezu 800 000 Covid-19-Infektionen das am drittschwersten vom Coronavirus betroffene Land weltweit. Der indische Gesundheitsexperte Anant Bhan ist der Ansicht, dass Indien mehrere lokale Covid-19-Höhepunkte erleben wird, da die Ausbreitung unterschiedlich verläuft. Man setzt mittlerweile auf lokale Maßnahmen wie Ausgangssperren in den Vororten von Mumbai und anderswo. Diese Schritte sollen die Belastung für die Krankenhäuser und das Gesundheitspersonal verringern, die oftmals an ihre Grenzen stoßen.

Corona und soziale Folgen: Prekär, migrantisch, Corona

Neben den Bewohner*innen in Indiens Slums, die nur begrenzt Zugang zu Sanitäranlagen oder Wasser haben, sind während der Pandemie die Helfer*innen an vorderster Front besonders gefährdet. Die Covid-19-Infektionen unter Polizeibeamt*innen waren gestiegen. Doch sie sind neben Ärzt*innen und Krankenschwestern nicht die einzigen, die bemüht sind, die Situation unter Kontrolle zu bekommen. Auf dem Land sind es oft Frauen, sogenannte Asha, die unterstützend von Haus zu Haus gehen, über mögliche Corona-Symptome informieren, Fieber oder den Sauerstoffgehalt im Blut messen. Ashas übernehmen Aufgaben in der medizinischen Grundversorgung, werden aber nur bescheiden entlohnt, obwohl sie im Kampf gegen das Virus unverzichtbar sind.

Getroffen hat die Krise weite Teile der Gesellschaft. Millionen von Menschen haben seit Ende März ihre Arbeit verloren, was bedeutet, dass die Armut zunehmen wird. Wohl auch deshalb kündigte Premierminister Narendra Modi an, Lebensmittelrationen für 800 Millionen Menschen bis Mitte November zu verlängern. Selbst die jüngsten Einwohner*innen mussten zurückstecken. In Mumbai, wo sich die Lage stabilisiert, kümmert sich unter anderem die Ärztin Nazish Shaikh nun vermehrt um werdende Müttern und Neugeborene. »Wir weiten gerade das Immunisierungsprogramm aus«, sagt die Medizinerin. Natalie Mayroth, Mumbai

Italien: Tagelöhner auf den Feldern

Mondragone – die kleine Gemeinde nordwestlich von Neapel ist zum Sinnbild für den Zusammenhang von Armut, Ausländerfeindschaft und Pandemie in Italien geworden. Ende Juni wurde dort ein Gebäudekomplex unter Quarantäne gestellt, in dem 700 Erntehelfer wohnen – bulgarische Migranten, die für niedrige Tageslöhne auf den Feldern arbeiten. 50 von ihnen waren positiv auf das Virus Sars-CoV-2 getestet worden. Das ist nicht erstaunlich: Die Tagelöhner hausen in überfüllten Wohnblocks, die hygienischen Zustände gelten als mangelhaft.

Von den Infizierten begaben sich nur 19 ins Krankenhaus. Die restlichen verweigerten sich, einige tauchten unter und flüchteten aus der abgesperrten »roten Zone«, um auf anderen Feldern weiterarbeiten zu können. Denn einen Verdienstausfall können sich Tagelöhner nicht leisten – Ersparnisse sind meist nicht vorhanden oder minimal. Ihre Vermittlung zu anderen Agrarbetrieben übernehmen so genannte Caporali, Landsleute der Tagelöhner, die auch für Unterkunft und Transport sorgen und dafür Teile des schmalen Lohns einbehalten. »In den prekären Arbeitsverhältnissen des sogenannten ›caporalato‹ herrscht faktisch Sklaverei«, so die FAZ.

Die Flucht der Landarbeiter aus der roten Zone nährte wiederum bei den Bewohnern Mondragones die Angst vor der Ausbreitung des Virus und befeuerte die Ausländerfeindschaft. Innerhalb der roten Zone kam es zu Handgreiflichkeiten zwischen Einheimischen und Bulgaren. Die Auseinandersetzung musste am Ende durch Soldaten unterbunden werden. Dies sah der rechte italienische Politiker Matteo Salvini offensichtlich als Gelegenheit, um Stimmung für sich und gegen die Migranten zu machen: Am 30. Juni reiste er nach Mondragone – doch sein Auftritt dauerte nur zwei Minuten. Denn seine Lautsprecheranlage fiel aus, die zahlreichen Gegendemonstranten schrien ihn nieder. »Torneró, torneró, torneró!«, rief der frühere italienische Innenminister ihnen zum Abschied zu: Ich werde zurückkehren! Stephan Kaufmann

Peru: Zu Hause bleiben geht nicht

Corona und soziale Folgen: Prekär, migrantisch, Corona

Die späte Reaktion war es nicht, die Peru zu einem lateinamerikanischen Hotspot der Corona-Pandemie avancieren ließ. Präsident Martín Vizcarra hatte schon am 16. März eine Ausgangssperre verhängt, lange bevor Großbritannien und andere europäische Länder zu dieser Maßnahme griffen. Schwer bewaffnete Soldaten patrouillierten auf den Straßen. Zeitweise durften Männer und Frauen nur abwechselnd zum Einkaufen auf die Straßen, je nach Wochentag. Die Ausgangssperre wurde nur neun Tage nach dem ersten dokumentierten Coronafall verhängt – einem von einer Europareise zurückgereisten 25-jährigen Limeño, wie die Einwohner der Hauptstadt genannt werden.

Die restriktive Ausgangssperre hat die Ausbreitung der Krankheit verlangsamt, mehr nicht. Das Land mit seinen 32 Millionen Einwohnern hat sich inzwischen mit über 311 000 Infizierte und mehr als 11 000 Toten zum zweiten Corona-Hotspot in Südamerika nach Brasilien entwickelt. Die Erklärung, warum die Ausgangssperre keinen durchschlagenden Erfolg hat, ist simpel: Fast drei Viertel der Peruaner*innen verdienen ihren meist kärglichen Lebensunterhalt im informellen Sektor. Dazu gehören Kleinstselbstständige wie Straßen- und Marktverkäufer, auch Hauspersonal, Bauarbeiter oder landwirtschaftliche Hilfskräfte. Sie sind nicht sozialversichert, erhalten kein Kranken- oder Arbeitslosengeld. Beengte Wohnverhältnisse mit dürftiger sanitärer Ausstattung tun ihr Übriges. Und jeder zweite Haushalt hat kein Kühlschrank. Zu Hause bleiben ist für die Mehrheit der Peruaner*innen keine Option: Tageseinnahmen generieren und Einkaufen sind überlebensnotwendig.

Die Regierung handelt proaktiv: Die Unterstützungsmaßnahmen belaufen sich auf zwölf Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die Zahl der wenigen Hundert Intensivbetten wurde inzwischen vervielfacht und Hunderte von Beatmungsgeräten aus den USA und China gekauft. Ende Juni begann das Land, selbst Atemgeräte herzustellen. Perus Bemühungen sind beträchtlich, mehr als leicht sinkende Infektionszahlen haben sie nicht bewirkt. Martin Ling

England: Arbeit in Sweatshops

Die Verhältnisse in der Kleiderindustrie der englischen Stadt Leicester erinnern an das vorletzte Jahrhundert: In baufälligen Gebäuden sitzen die Arbeiterinnen und Arbeiter auf engstem Raum an ihren Nähmaschinen, schuften den ganzen Tag lang, werden von ihren Bossen drangsaliert und nehmen dafür einen Hungerlohn nach Hause. Maschinennäher verdienen 4 bis 4,5 Pfund pro Stunde, Verpacker gerade einmal 3 Pfund. Hunderte solcher Sweatshops gibt es in der Stadt, die meisten Angestellten sind Migranten, überwiegend aus Südasien.
In der Coronakrise hat die Ausbeutung dieser Menschen tödliche Ausmaße angenommen, wie der jüngste Ausbruch der Epidemie in Leicester zeigt. Wie ein Report der Kampagne Behind the Label dokumentiert, waren viele Sweatshops während des verordneten Lockdown weiterhin in Betrieb – ohne dass die Chefs die nötigen Sicherheitsmaßnahmen trafen, um ihr Personal vor der Ansteckung zu schützen.

Corona und soziale Folgen: Prekär, migrantisch, Corona

Wegen ihres unsicheren Aufenthaltsstatus und geringen Einkommens haben viele Migranten keine andere Wahl, als die schlechten Arbeitsbedingungen zu akzeptieren, selbst wenn sie sich damit gefährden. So überrascht es kaum, dass sich unzählige Sweatshop-Arbeiter mit Covid-19 ansteckten – und dennoch weiterhin zur Arbeit erscheinen mussten. Ein Angestellter erzählt in dem Bericht, dass in einer Fabrik mit 80 Angestellten 15 gleichzeitig am Coronavirus erkrankten.

Zahlreiche andere Beispiele belegen, dass Migranten und ethnische Minderheiten in Großbritannien in der Corona-Pandemie besonders stark gefährdet sind: Pflegekräfte von den Philippinen, Putzpersonal aus Lateinamerika oder afrokaribische Britinnen und Briten im Gesundheitssektor. Wie der Dachverband der Gewerkschaften TUC belegt hat, sind ethnische Minderheiten in unsicheren und oftmals ausbeuterischen Arbeitsplätzen überrepräsentiert. Für Migranten ohne Papiere ist die Situation aufgrund der restriktiven britischem Einwanderungspolitik besonders dramatisch: Viele verzichten im Krankheitsfall darauf, Hilfe zu holen, weil sie Angst haben, den Behörden gemeldet zu werden. Peter Stäuber, London

Israel: Soziales Netz mit Löchern

Erst vor Kurzem gab Gesundheitsminister Yuli Edelstein noch ein rauschendes Fest. Jetzt fragen sich viele Israelis, wie es weiter gehen soll. Denn nachdem die Fallzahlen in den vergangenen Wochen rasant gestiegen sind, befindet sich das Land nun erneut im Lockdown, ist das öffentliche Leben schon wieder fast vollständig zum Erliegen gekommen. Und es sind vor allem arme Menschen, die besonders oft an Covid-19 erkranken und besonders stark unter der Krise leiden. Seit Jahren schon leben in Israel mehr als 20 Prozent der Bevölkerung an oder jenseits der Armutsgrenze; nach Angaben des Gesundheitsministeriums entfallen gut 70 Prozent der Infektionen auf diese Gruppe. Gleichzeitig verzeichnet man seit März einen rasanten Anstieg von »schwerwiegenden psychischen Erkrankungen« in dieser Personengruppe.

Einer der Gründe dafür ist das löchrige soziale Netz: Weil die staatliche Sozial- oder Arbeitslosenhilfe nicht ausreicht, sind die Menschen auch auf sehr schlecht bezahlte Jobs angewiesen und stehen nun vor dem Nichts. Hinzu kommen die Wohnverhältnisse: Mit den Einwanderungswellen der 60er und 70er Jahre wurden Wohnblöcke hochgezogen, die für die klimatischen Bedingungen des Nahen Osten nicht ausgelegt sind: Diese Wohnungen sind schlecht belüftet und oft nur mit Klimaanlage zu ertragen.

Verschärft wird die Entwicklung durch die Regierung: Schon seit Monaten kümmert man sich in erster Linie um die Regierungsbildung und den Plan, Teile des Westjordanlandes zu annektieren. In der Corona-Krise setzt man indes auf strikte Lockdowns und Vorschriften, aber auch nicht ganz. So berichtete die Zeitung »Jedioth Ahronoth« am Donnerstag, Busse und Bahnen seien vielfach schon seit Wochen nicht mehr gereinigt worden und auch viele Geschäfte hielten sich nicht an die Vorschriften. Grund: Ungeklärte Kompetenzen von städtischen und staatlichen Behörden; es sei unklar, wer für die Überwachung der Vorschriften zuständig sei.

Währenddessen droht die Krise, die Armut im Land zu verschlimmern, denn angesichts der hohen Lebenshaltungskosten ist der Weg nach unten kurz. Bis Ende des Jahres, warnt die staatliche Rentenversicherung, könnte sich die Zahl der Armen verdoppeln. Oliver Eberhardt

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