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Wertlose Arbeitsplatzgarantie in Smartville

Daimler verkauft entgegen früheren Zusagen sein Kleinwagenwerk im französischen Hambach

  • Von Ralf Klingsieck, Paris
  • Lesedauer: 3 Min.
Der Autobauer Daimler will sein Werk im französischen Hambach verkaufen.
Der Autobauer Daimler will sein Werk im französischen Hambach verkaufen.

Die Nachricht schlug im ostfranzösischen Hambach ein wie eine Bombe: Die Daimler AG, zu der neben Mercedes-Benz auch die Kleinwagenmarke Smart gehört, will ihr Werk in Lothringen verkaufen.

Dabei war dieses einst ein Vorzeigeprojekt deutsch-französischer Zusammenarbeit. Der Smartville genannte Standort, im Oktober 1997 von Präsident Jacques Chirac und Bundeskanzler Helmut Kohl eingeweiht, war lange ein international beachtetes Zentrum modernster Automobilbautechnologie. Nirgends gab es so viele Schweißautomaten im Verhältnis zur Anzahl der Mitarbeiter wie hier. In dem kreuzförmigen Fabrikgebäude passiert das Montageband nacheinander vier Flügel, wo zunächst die Karosserie, dann Motor und Getriebe, Armaturen und Elektronik sowie schließlich Sitze und Innenausstattung auf- und eingebaut werden. Als innovativ galt auch, dass die Zulieferfirmen eigene Betriebe auf dem 68 Hektar großen Werkgelände errichteten. Die dort vormontierten Elemente und Baugruppen werden auf Förderbändern oder an Endlosketten hängend durch Tunnelbrücken direkt ins Smartmontagewerk transportiert. So können die Logistikkosten auf ein Minimum reduziert werden.

Mehr als zwei Millionen Smart-Wagen wurden in Hambach gebaut, doch technologisch ist das Werk längst nicht mehr auf dem neuesten Stand. Vor vier Jahren strukturierte die Stuttgarter Konzernzentrale die ganze Gruppe und ihre Standorte um. Dabei wurde die Belegschaft in Hambach mit der Ankündigung schockiert, dass die Fertigung des Smart spätestens 2024 nach China in das neu gebaute Werk in Hangzhou verlagert wird. Zum Ausgleich sollten in Hambach kleinere Elektroautotypen von Mercedes montiert werden. Doch um bis dahin die Smartfertigung fortsetzen zu können, erwarte man von den Mitarbeitern »Anstrengungen zur Verbesserung der Kostenstruktur«. Mit dem Betriebsrat wurde ein »Pacte 2020« genanntes Abkommen ausgehandelt, das festlegte, im Tausch gegen eine Jobgarantie die wöchentliche Arbeitszeit auf 39 Stunden heraufzusetzen, aber weiterhin nur 37 Stunden zu bezahlen. Bei einer Abstimmung beugte sich die Mehrheit der Belegschaft dieser Erpressung.

»Die Kollegen fühlen sich heute natürlich über den Tisch gezogen«, meint der CGT-Betriebsrat Thomas Di Francesco, dessen Gewerkschaft seinerzeit als einzige gegen den Kompromiss stimmte. Jetzt nimmt Daimler den Absatzeinbruch durch die Coronakrise zum Vorwand, um sich im Rahmen eines Programms zur Kostensenkung und Erhöhung der Produktivität komplett von dem Standort in Frankreich zu trennen. Man habe auch schon einen Kaufinteressenten, hieß es in einer Mitteilung von Daimler.

Inzwischen sickerte der Name durch. Es handelt sich um den britischen Chemiekonzern Ineos, der einen vierradgetriebenen Geländewagen auf den Markt bringen will und dafür bisher plante, ein Werk in Wales zu bauen. »Als Ergebnis der Covid-19-Pandemie haben sich neue Optionen ergeben«, frohlockt Dirk Heilmann, der im Ineos-Vorstand für den Autobereich zuständig ist.

Wie viele Arbeiter gebraucht werden, ließ er offen. Doch für das Werk in Wales waren ursprünglich 500 Beschäftigte veranschlagt. Unter den heute noch 1600 Mitarbeitern in Smartville, die je zur Hälfte bei Smart und bei den Zulieferern beschäftigt sind, geht jetzt die Angst um. Sorgen machen sich auch Geschäftsinhaber, Handwerker und Kommunalpolitiker in der benachbarten Stadt Sarreguemines. Smartville ist der mit Abstand größte Arbeitgeber in der seit dem Ende der Stahlindustrie wirtschaftlich abgestiegenen Region. Die Arbeiter und ihre Familien sind als Kunden unverzichtbar ebenso wie ihre Kinder für die örtlichen Schulen. All das ist jetzt bedroht. »Ein Käufer wird bestimmt nicht alle heutigen Mitarbeiter übernehmen«, ist CGT-Betriebsrat Jean-Luc Bielitz überzeugt.

In Pariser Regierungskreisen scheint man diese Sorge zu teilen. Wirtschafts- und Finanzminister Bruno Le Maire mahnte an die Adresse von Daimler, »sich alle Optionen offen zu halten, einschließlich der, das Werk zu behalten und weiter zu betreiben«.

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