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Streik ohne Boss?

Designstudierende der HFBK Hamburg organisieren ein Recherchefestival zum Thema Arbeit

  • Von Inga Dreyer
  • Lesedauer: 5 Min.
Arbeitsbediungen: Streik ohne Boss?

Design wird häufig als Sphäre begriffen, die über irdischen Problemen schwebt. Dass das nicht so ist, beweisen Studierende der Hochschule für bildende Künste Hamburg (HFBK). Die Arbeitsbedingungen von Designer*innen an, die wie auch in anderen kreativen Bereichen, von unsicheren Arbeitsverhältnissen und Selbstausbeutung gekennzeichnet. Für junge Menschen, die sich in diesem Berufsfeld ausbilden lassen, sind Zukunftssorgen ganz real - und kein bisschen abgehoben. Gleichzeitig stellt sich für viele die Frage, wie sich mit ihrer Arbeit als Künstler*innen und Designer*innen sozial und politisch engagieren können.

Das weite Feld zwischen Design und Arbeit hat eine Gruppe Hamburger Designstudierender in einem dreiwöchigen Online-Festival beackert, das am Freitag zu Ende ging. Der Titel lautete: »(How) do we (want to) work (together) (as (socially engaged) designers (students and neighbours)) (in neoliberal times)?«, also etwa: Wie wollen wir gemeinsam als sozial engagierte Designer_innen, Studierende und Nachbar_innen in neoliberalen Zeiten arbeiten?

Eine ambitionierte Frage, auf die es nach jeweils drei Festivaltagen in drei Wochen keine klare Antwort gibt - was auch nicht erwartet wurde. Das Projekt war als Recherchefestival angelegt, erklärt Gennet Beer, die im zweiten Mastersemester Design an der HFBK studiert. Bei den Diskussionsrunden, Vorträgen und Workshops ging es den Studierenden darum, sich mit Themen auseinanderzusetzen und neue Perspektiven zu entwickeln. Die Online-Veranstaltungen waren als »halböffentlich« deklariert. Das bedeutete: Wer Lust hat, konnte sich anmelden und mitmachen, sollte allerdings kein Hochglanz-Setting erwarten. Die Studierende sollten sich in den unterschiedlichen Formaten ausprobieren können, sagte Jesko Fezer, Professor für Experimentelles Design an der HFBK. Es ginge nicht darum, wer am besten moderieren kann, sondern wer sich für ein Thema interessiere.

Eingeladen waren Künstler*innen, Wissenschaftler*innen und Aktivist*innen aus unterschiedlichsten Disziplinen und Arbeitszusammenhängen, darunter die türkische Soziologin und Historikerin Pelin Tan, die britische Feministin und Professorin Angela McRobbie, die Wissenschaftlerin und feministische Aktivistin Silvia Federici und der griechische Architekt und Professor Stavros Stavrides.

Ursprünglich sollte das Festival im Berliner Kunstgewerbemuseum stattfinden, das die Studierenden der HFBK im Rahmen der Reihe »Design Lab« eingeladen hatte, eine Ausstellung zu konzipieren. Anlass der Einladung war ein Projekt, dass die Klasse um Jesko Fezer - das Studio Experimentelles Design - seit 2011 betreibt: Die »Öffentlichen Gestaltungsberatung St. Pauli«. Designstudierende beraten dort einmal in der Woche in einer offenen Sprechstunde zu Gestaltungsfragen. Die Ratsuchenden seien beispielsweise Nachbar*innen, die ihre Inneneinrichtung neu gestalten wollen. Aber auch soziale und politische Projekte geraten in den Fokus, sagt Fezer. »Wir richten uns nach den jeweiligen Bedürfnissen und Problemlagen.« Eines der aktuellen Projekte ist die Umgestaltung einer Drogen- und Suchtberatungsstelle, berichtet Gennet Beer. Ziel sei, den Raum so einzurichten, dass er gleichzeitig als Pausenraum, aber auch als Anmeldung für Klient*innen dienen kann. Es sei spannend, mit anderen Menschen zu überlegen, wie man zu Lösungen kommen kann, sagt die Studierende. Für sie sei das ein anderer Ansatz als in ihrem Bachelorstudium, wo es mehr um ihre eigenen Ideen und Vorstellungen gegangen sei. Statt künstlerische Selbstverwirklichung stehen bei der öffentlichen Gestaltungsberatung alltägliche, handfeste Aufgaben im Mittelpunkt. Und eben diese waren der Ansatz von Fezer, der das Projekt gemeinsam mit dem Verein GWA St.Pauli entwickelt hat, als er gerade neu an die Hochschule für bildende Künste berufen worden ist. »Ich wollte mich mit wirklichen Problemen beschäftigen«, erzählt er. Statt seinen Studierenden ausgedachte Aufgaben zu präsentieren, will er sie mit interessanten und realen Fragestellungen konfrontieren.

Im Rahmen der Ausstellung im Kunstgewerbemuseum wollte das Studio Experimentelles Design ursprünglich einen Monat nach Berlin umziehen. Als klar wurde, dass das wegen der Corona-Pandemie nicht möglich ist, stand zur Debatte, ob die Studierenden stattdessen ein Online-Projekt entwickeln wollen. So entstand schließlich die Idee des Festivals, ausgehend vom Themenfeld »Arbeit in Kunst und Design«.

In der ersten Woche lag der Fokus auf prekären Arbeitsbedingungen, kreativem Individualismus, Selbstausbeutung und Erschöpfung. Fezer erzählt, dass es im Design geradezu ein Tabu sei, über Arbeit zu sprechen. Denn der Blick richte auf das Ergebnis, die Entstehungsbedingungen gerieten in den Hintergrund. Für die Studierenden aber sei es eine wichtige Frage, wo und in welchen Kontexten sie arbeiten wollen, ergänzt die Designstudentin und Festivalorganisatorin Lara Molenda.

Auch die Möglichkeiten gewerkschaftlicher Organisation und Arbeitskämpfe beschäftigten die Festivalmacher*innen. Denn häufig sind Designer*innen erst einmal auf sich allein gestellt. »Wie können wir streiken, wenn wir keinen Boss haben?«, fragt einer der Moderatoren in der Eröffnungsdiskussion.

Das Festival kreiste jedoch nicht nur um die Situation der Macher*innen selbst. »Wir haben das Feld aufgemacht«, meint Johannes Kuhn, der ebenfalls Design studiert und das Festival mitorganisiert hat. In der zweiten Woche ging es deshalb auch um andere, vernachlässigte Formen von Arbeit wie etwa Care-Tätigkeiten. Zu Gast waren unter anderem Vertreter*innen der Poliklinik Veddel, eines Stadtteil-Gesundheitszentrums, das Teil des Syndikats ist, in dem sich solidarische Gesundheitszentren zusammengeschlossen haben.

In der dritten Woche schließlich widmete man sich der Frage der Zusammenarbeit in künstlerisch-gestalterischer Produktion.

Am Ende bleibe nun die Frage, wie man das ganze gewonnene Wissen in die Praxis umsetzen kann, sagt Lara Molenda. Um die Erkenntnisse zunächst einmal zu bündeln, soll eine Publikation entstehen - vielleicht auch eine Ausstellung, aber da sind sich die Studierenden noch nicht sicher.

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