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Für das Recht auf Familie

Eritreer wollen endlich ihre Angehörigen wiedersehen

Elf Stunden hat Yonas K. im Zug gesessen, um aus einem kleinen Ort in Baden-Württemberg nach Berlin zu kommen. Das hat er getan, um mit mehr als 1 000 Eritreern aus dem gesamten Bundesgebiet für ein Recht auf Familiennachzug zu demonstrieren. »Ich habe eine Wohnung. Ich habe in Deutschland in einer Fahrradwerkstatt gearbeitet und mache jetzt eine Ausbildung«, sagt der Endzwanziger. »Meine Familie lebt in Äthiopien in einem Flüchtlingslager unter schwierigen Bedingungen«, erzählt er. Seit vier Jahren warten Frau und drei Kinder auf die Reise nach Deutschland, auf die sie als Familie eines anerkannten Asylberechtigten ein Recht haben. »Doch die deutschen Behörden lassen uns warten«, sagt Yonas K. Und warten in einem Flüchtlingscamp in Äthiopien, das seit kurzem wieder politisch instabiler wird, kann lebensgefährlich sein.

»In politisch instabilen und wirtschaftlich schwierigen Nachbarstaaten warten sie über Jahre«, sagt Asylberater Daniel Mader aus Berlin auf dem Lautsprecherwagen. Von Eritrea aus könne niemand einen Antrag auf Familiennachzug stellen. Zuerst müsse man sechs Monate auf die Registrierung als Flüchtling beim Flüchtlingshilfswerk der Uno, UNHCR, warten und anschließend rund ein Jahr auf einen Termin bei der deutschen Botschaft. Der fehlt es an Personal und Räumen, um die Anträge zeitnah entgegenzunehmen. Danach warte man noch einmal sechs Monate, bis man eine Antwort der Bundesregierung erhält. Und die lautet allermeist: Es seien weitere Dokumente nachreichen und einen DNA-Test machen, um etwa eine Vaterschaft nachzuweisen.

»Deutschland verlangt Dokumente, die wir nicht haben«, beklagt ein Redner auf der Demo. Denn in Eritrea werden Geburten und Ehen überwiegend nur kirchlich registriert. Das Auswärtige Amt verlange aber eine staatliche Beglaubigung unter kirchlichen Urkunden. Etwa drei Viertel der Anträge auf Familiennachzug werden nach einer Bearbeitungszeit von sechs bis acht weiteren Monaten von den deutschen Botschaften abgelehnt, weil der Stempel fehlt. So steht es in einer Antwort der Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage von Ulla Jelpke (Linke) vom Mai.

Einen solchen Stempel setzen eritreische Behörden aber nur unter Bedingungen unter ein Dokument, die die Demonstranten als unzumutbar bezeichneten. Denn Eritrea erhebt von im Ausland lebenden Staatsbürgern eine sogenannte Diaspora-Steuer in Höhe von zwei Prozent des Einkommens ab der Flucht. Die wird fällig, sobald man konsularische Dienste in Anspruch nimmt. Damit finanziert sich das abgeschottete Land, in dem Menschenrechte massiv verletzt werden, zu guten Teilen. Dass das anders wird, ist die große Hoffnung der Demonstrierenden. »Schließlich wurden für uns extra Straßen abgesperrt«, sagt ein Berliner, der zum ersten Mal in seinem Leben demonstriert. Seine Erwartungen sind hoch. Die Eritreer halten sich exakt an die Hygieneregeln.

»Ohne meine Familie - wie viele Jahre noch?« steht auf einem der Plakate, das ein Mann hochhält. Oder: »Ich vermisse Euch«. Darunter sind die Fotos von zwei Kindern im Grundschulalter. Unter den Demonstranten sind auch einzelne Kinder, die mit einem Elternteil in Deutschland leben, während der andere Elternteil und Geschwister auf der Flucht hängengeblieben sind. »Mein Vater lebt in Israel«, sagt ein neunjähriges Mädchen aus Leipzig. »Ich habe ihn seit vier Jahren nicht mehr gesehen. Ich vermisse ihn und habe Angst um ihn.«

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