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Das falsche Erbe kostet plötzlich Geld

Auch der US-Sport entledigt sich seiner rassistischen Symbole - und gerät so mitten in den Wahlkampf

  • Von Oliver Kern
  • Lesedauer: 4 Min.

»Niemals. Sie dürfen ruhig Großbuchstaben nutzen: NIEMALS!« Klubchef Daniel Snyder war im Mai 2013 sehr deutlich, als er Journalisten in den Block diktierte, er werde den Namen seines Footballteams aus Washington nie ändern. Die Redskins würden auf immer Rothäute bleiben. Dabei hatten amerikanische Ureinwohner schon seit den 1970er Jahren immer wieder gefordert, der rassistische und stereotyp beleidigende Begriff solle aus dem Teamnamen verschwinden. Doch egal wer in all den Jahren Klubbesitzer war, er stellte sich immer erfolgreich gegen eine Änderung - und dann verschwand die Debatte wieder aus den Medien. Dieses Szenario wiederholte sich oft, auch als Washington 1982, 1987 und 1991 Meister wurde. 2020 aber ist anders: »Wir ziehen den Namen und das Logo zurück«, teilte der Klub aus der National Football League (NFL) am Montag mit.

Wer sich fragt, was genau 2020 anders ist, kommt an der Ermordung von George Floyd nicht vorbei. Die seitdem neu entflammte Rassismusdebatte in den USA hat seit Mai 2020 für viele Veränderungen gesorgt. Vor allem weiße Menschen hinterfragen ihre Privilegien, ihr Verhalten und ihre Voreingenommenheit. Firmen ändern Namen ihrer jahrzehntealten Produkte, weil sie auf rassistischen Stereotypen beruhen. Vom Sirup über Reis, Cornflakes und Eiscreme zu Zahnpasta und Biersorten. Auch Musikbands benannten sich um. Und so ist es kein Wunder, dass jetzt auch Daniel Snyder einknickte. Niemals ist ganz offensichtlich doch nicht so endgültig wie immer gedacht.

Dreieinhalb Monate vor den Präsidentschaftswahlen ist der Schritt umstritten. Die politische Rechte, angeführt von Präsident Donald Trump, kritisiert seit Wochen eine angebliche »cancel culture«, also eine Streichkultur der Linken, der sich die Konservativen entgegenstellen müssten. Was bei Denkmälern begann, erreicht nun Sportteams. Trump hatte schon die Ankündigung einer Namensänderung in Washington oder beim Baseballklub Cleveland Indians als überzogene politische Korrektheit abgetan. Er will damit die eigene Basis an die Wahlurne treiben, denn er hofft auf eine schweigende (rassistische) Mehrheit, selbst wenn Umfragen seit Monaten andere Verhältnisse ausweisen.

Den Rechten geht es um ein angeblich schützenswertes nationales Erbe. Immerhin seien auch die Gründerväter der USA um George Washington - dessen Name ja auch in dem des Teams steckt - Sklavenbesitzer gewesen. Deswegen sollte man aber nicht gleich die Hauptstadt umbenennen. Doch die Denkmäler, die derzeit im ganzen Land fallen, sind ein falsches Erbe, denn sie wurden nicht zur Staatsgründung im 18. Jahrhundert errichtet, sondern im frühen 20., als die Sklaverei längst überwunden war, die Rassentrennung aber noch nicht. Mit den Statuen etwa für Südstaatengeneräle sollte explizit die Macht der Weißen über Menschen anderer Hautfarbe zementiert werden.

In dieser Zeit, genauer im Jahr 1932, gründete sich das Footballteam Boston Braves. Da es schon einen gleichlautenden Baseballklub gab, folgte ein Jahr darauf die Umbenennung in Redskins und 1937 der Umzug nach Washington. Eigner George Preston Marshall war Anhänger der Rassentrennung und stellte sich noch bis 1962 als letzter Vereinsboss der NFL gegen die Öffnung seiner Mannschaft für nichtweiße Spieler.

Sein aktueller Nachfolger Daniel Snyder ließ sich jetzt also doch zur Namensänderung überreden, allerdings nicht aus rein antirassistischen Motiven. Vielmehr hatte der Sponsor FedEx gedroht, aus dem Vertrag auszusteigen, der dem Klub für den Verkauf der Namensrechte am Stadion noch 45 Millionen US-Dollar (40 Millionen Euro) garantiert. Zudem hatten Großhändler angekündigt, keine Merchandise-Produkte mit dem alten Teamnamen mehr zu verkaufen. Zuvor hatte Snyder stets argumentiert, eine Namensänderung würde den Klub Millionen kosten. Dies hat sich jetzt gedreht.

Die allermeisten ehemaligen und aktuellen Spieler akzeptieren den Wandel. Doug Williams war 1988 der erste schwarze Quarterback, der ein Team zum Gewinn des Super Bowls führte. Heute ist er Vizepräsident des Klubs. »Wir haben als Redskins gewonnen. Aber letztlich waren es die Spieler und kein Name, die das erreichten«, sagte Williams dem Sportsender ESPN. »Es sind nur ein Name und ein Logo, die verschwinden. An der Geschichte des Klubs ändert das nichts.«

Der neue Name soll noch vor dem Start der kommenden Saison verkündet werden. Trotz Coronakrise hält die Liga bislang am Beginn im September fest. Bei den landesweit steigenden Fallzahlen müssen die Stadiontribünen dann aber vermutlich leer bleiben. Noch so eine Änderung, die Donald Trump kurz vor dem Wahltag nicht gefallen dürfte.

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