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Das Leben mit dem Totholz

Im Harz macht man aus dem Fichtensterben eine Tugend - die Natur wird wieder mehr zur Wildnis

  • Von Reimar Paul, Braunlage
  • Lesedauer: 4 Min.

Der erste Blick macht fassungslos. An der Bundesstraße 4 im Harz kurz vor Braunlage ragen graue und braune Silhouetten Tausender abgestorbener Fichten in den Himmel. Dasselbe Bild ein paar Kilometer weiter am Rehberger Graben - er wurde im 18. Jahrhundert angelegt, um Wasser aus der Oder nach St. Andreasberg umzuleiten, wo es in Bergwerken Wasserräder zur Energieversorgung antrieb. So weit das Auge reicht, dominieren heute auch hier Grau und Braun. Auf dem Hang gegenüber riesige Freiflächen, auf denen die Stürme, Dürre und Hitze der vergangenen Jahre sowie mehrere Generationen von Borkenkäfern die Stämme ganz umgeworfen haben.

»Hier sieht man den Wald von morgen«, sagt Friedhart Knolle eher beiläufig. »Der Wald ist nämlich gar nicht so tot, wie er aussieht.« Die angestorbenen Fichten seien nur eine Zwischenstation auf dem Weg zu einer neuen Wildnis. Wo Leben vergehe, entstehe Platz für Neues. Knolle, Sprecher des Nationalparks Harz, stapft voran über abgebrochene Stämme und vermoderndes Holz.

Das Totholz ist gar nicht tot: Schon nach ein paar Metern Fußweg ist unübersehbar, dass zwischen den stehenden und liegenden Stämmen bereits eine neue Waldgeneration heranwächst. Überall sprießen junge Ahorne, Ebereschen und Birken aus den morschen Stümpfen. Zwischen den stummen Zeugen des Klimawandels breitet sich ein Teppich aus blühenden Kräutern aus. Intensives Gezwitscher ist zu hören. »Die Vogeldichte steigt im wilden Wald«, weiß Knolle. Sperlingskauz und Schwarzspecht sind zurückgekehrt, die Spechte hämmern ihre Höhlen gern in die toten Stämme. Im Unterholz finden Luchse und Wildkatzen Unterschlupf. Die vermodernden Stämme sind zudem Lebensraum und Nahrungsquelle für viele Pilze und Insekten, Käfer und Wildbienen nutzen Totholz für ihre Brut.

In der Kernzone des Nationalparks, die etwa 60 Prozent der Fläche des knapp 250 Quadratkilometer großen Schutzgebietes ausmacht, kann sich die Natur seit einigen Jahren frei entwickeln. Ehemalige Wirtschaftswälder dürfen wieder zu wildem Naturwald werden. »Wir greifen hier nur noch zur Sicherheit der Gäste und des Straßenverkehrs ein«, erläutert Knolle. An Straßen, an den Schienen der Harzer Schmalspurbahnen und an besonderen touristischen Zielen würden tote oder absterbende Bäume umgerissen und an die Seite gezogen.

Totholzreiche, naturnahe Wälder ermöglichen nicht nur neue Artenvielfalt, sie erfüllen auch eine wichtige Klimaschutzfunktion: Langsam verrottende Stämme und die mächtigen Humusböden speichern große Mengen Kohlendioxid. Gräser, Kräuter und nachwachsende Bäume nehmen freiwerdende Nährstoffe auf und binden sie in neuer Biomasse.

Was vorerst bleibt, ist der hässliche Anblick. Daher gibt es auch Kritik an der Waldpolitik der Nationalparkverwaltung und ihrem Motto »Natur Natur sein lassen«. Allerdings haben sich laut Knolle die Widerstände »auf ein Minimum reduziert - vor allem seit klar ist, dass sich so Geld verdienen lässt«.

Im Tourismus nämlich. Wie viele Politiker haben auch Touristiker im Harz die Klimakrise lange ignoriert oder kleinzureden versucht. Diese Strategie ist gescheitert, wie schon beim Harzer Tourismustag 2019 in Goslar deutlich wurde. Für reine Prävention sei es bereits zu spät, hieß es dort. In den vergangenen beiden Jahren habe man die schmerzliche Erfahrung machen müssen, dass den Auswirkungen des Klimawandels nur bedingt etwas entgegengesetzt werden könne. Weil das Problem nun aber erkannt ist, soll es künftig auch offensiv benannt werden, betont die Geschäftsführerin des Harzer Tourismusverbandes, Carola Schmidt. Statt den Zustand der Wälder zu verschweigen, sollen Harz-Reisende bereits vor dem Start im Internet, mit Flyern und in Broschüren darauf vorbereitet werden, welcher Anblick sie womöglich erwartet. Und wie der Nationalpark mit den Klimawandelschäden umgeht.

Auch vor Ort werden Waldsterben und Waldleben inzwischen thematisiert. Vor wenigen Tagen entstanden eine Multimedia-Station im Nationalparkhaus Schierke und vier Themeninseln entlang der Brockenstraße - der beliebte Wanderweg führt auf den höchsten Berg. Anhand von Panoramafotos und passenden Sichtachsen lässt sich die voranschreitende Entwicklung hin zur Wildnis an den jeweiligen Standorten gut vergleichen. Unter dem Motto »Baustelle Natur« ist eben auch zu erfahren, warum tote Bäume nicht das Ende des Waldes, sondern den Beginn der neuen Waldwildnis einläuten.

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