Der Kranich, eine Rabenmutter

Zähe Tarifverhandlungen über Lohnopfer der Lufthansa-Beschäftigten

  • Von Hans-Gerd Öfinger
  • Lesedauer: 3 Min.

Als Ende Juni die Lufthansa-Aktionäre bei einer Hauptversammlung das milliardenschwere Rettungspaket der Bundesregierung absegneten, atmeten viele Lufthanseaten auf. Doch von einem Happy End sind die Beschäftigten meilenweit entfernt. So hält das Tauziehen um Sonderopfer und eine »Beschäftigungssicherung« an. Dem von Konzernchef Carsten Spohr gepriesenen Vorbild des Vertrags mit dem Flugbegleiterverband UfO sind andere Gewerkschaften bisher nicht gefolgt. Denn die im Gegenzug für massive Einschnitte bei Einkommen und Betriebsrenten vereinbarten Bestimmungen zum Kündigungsschutz für vier Jahre sind nach Auffassung von Kritikern lückenhaft. Der Lufthansa-Vorstand kann die Beschäftigungssicherung vorzeitig aufkündigen und von UfO zusätzliche Opfer verlangen, wenn sich die Krise weiter verschärfen sollte und hoher »Personalüberhang« besteht.

Dies nimmt vor allem die beim Bodenpersonal verankerte Gewerkschaft Verdi zum Anlass, um sich vom Konkurrenzverband UfO abzugrenzen. »Noch immer kein Schutz für die Beschäftigten«, titelt eine Verdi-Information zum Stand der zähen Tarifverhandlungen. Auch Verdi akzeptiere einen »Beitrag zur Sanierung«, dieser müsse aber »ausgewogen« sein. Einen Abschluss ohne echte Arbeitsplatzsicherung werde es nicht geben, so die Zusage an die Basis, die derzeit vielfach noch in Kurzarbeit ist oder im Homeoffice arbeitet. Spohrs »Wunschzettel« liste einen »bunten Strauß an Reduzierungen« bei Einkommen, Urlaubsanspruch und Betriebsrenten auf und wolle mit einem flexiblen Arbeitszeitmodell die Tür für kurzfristige Arbeitszeitverkürzung um bis zu 20 Prozent ohne Lohnausgleich aufstoßen. »Damit überträgt er das Risiko der Produktionsentwicklung auf uns Beschäftigte«, heißt es in dem Verdi-Schreiben.

»Einem weiteren Auseinanderfallen des Konzerns muss Einhalt geboten werden«, so Verdi weiter. Die Lufthansa müsse als Ganzes bestehen bleiben. In der Tat hatten sich die Lufthanseaten von den Reinigungskräften bis zu den Piloten lange als große »Lufthansa-Familie« im Zeichen des Kranichs betrachtet. Doch die Konzernspitze ist längst eine Rabenmutter, die ihre Kinder aus dem Nest wirft. Wer durch die Abwicklung der Konzerntöchter Germanwings und SunExpress seine Arbeit verliert, kann sich bei einer neuen Tochterfirma zu schlechteren Bedingungen bewerben. Auch in anderen Konzernsparten bestehen Ängste vor einem Verkauf von Betriebsteilen, die angeblich nicht zum »Kerngeschäft« gehören. Die für Bordverpflegung zuständige Tochter LSG Sky Chefs (LSG) etwa wird demnächst von der Gategroup übernommen, die einem renditehungrigen Investmentfonds aus Singapur gehört. Der Konzernvorstand habe seine »soziale Verantwortung« ausgeblendet und die LSG-Belegschaft »verraten und verkauft«, klagt Verdi.

Die Gewerkschaft hat mit Gategroup einen Haustarif ausgehandelt, der mit einem Betriebsübergang für viele Beschäftigte Lohnkürzungen bis zu 30 Prozent bringt. Nun soll ein Überleitungstarif den Lohnverlust über drei Jahre strecken. Verdi-Mitgliedern bei LSG stößt auf, dass die Unterhändler mit Verweis auf Corona-Beschränkungen eine Rückkopplung und Kommunikation mit der Basis ausschließen. Dabei nutzen Gewerkschafter anderswo schon elektronische Medien zur Meinungsbildung, und auch Treffen unter Hygieneauflagen sind wieder möglich.

Dies ist Wasser auf die Mühlen der kleinen Gewerkschaft AgiL, die bei der LSG Betriebsräte stellt. »Warum hat Verdi nicht entschlossen gegen den Verkauf gekämpft und die Haustarifverträge mit den erheblichen Einbußen überhaupt abgeschlossen?«, fragt ein Flugblatt von AgiL-Betriebsräten.

Dass die Politik des »Teile und herrsche« aufgeht und in der Luftfahrt überhaupt so viele Gewerkschaften agieren, hat seine Gründe. Privatisierung und Liberalisierung förderten Lohn- und Sozialdumping und Unzufriedenheit mit den einst tonangebenden Gewerkschaften ÖTV und DAG, die Zugeständnisse an das Kapital machten und keinen einheitlichen Abwehrkampf zustande brachten. Auch nach dem Übergang von ÖTV und DAG in Verdi blieb das Problem bestehen. Dies war der Nährboden für separate Berufsgewerkschaften wie UfO oder VC und kleinere Organsationen wie IGL, VB, TGL oder AgiL.

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