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Fair Play bei Spielwaren

Bündnis will soziale und ökologische Standards in der Branche

  • Von Knut Henkel
  • Lesedauer: 3 Min.

Nürnberg ist die wichtigste Spielzeugstadt Deutschlands. Hier gibt es das Spielzeugmuseum, und einmal jährlich findet die größte Fachmesse der Branche statt. Beinahe zwangsläufig entstand in der fränkischen Großstadt auch die Idee zu dem »Nürnberger Bündnis Fair Toys«. Zu den ersten Initiativen gehörten zu Beginn der 2000er Jahre Aktionen gegen mit bleihaltigen Farben lackiertes Kinderspielzeug aus China. 20 Jahre später ist dieses Problem längst Geschichte, aber die Arbeitsbedingungen in der Spielwarenbranche sind immer noch alles andere als fair.

Deshalb wurde zweieinhalb Jahre Lang darüber diskutiert, wie sich andere, faire Strukturen in der Spielwarenbranche stärken lassen. »Klar ist, dass das bisherige Modell der Audits nicht funktioniert. Das ist Geldverschwendung«, meint Maik Pflaum von der Christlichen Initiative Romero (CIR). Der Grund dafür liege in den Strukturen: »Die Auditoren sind oft nur für wenige Stunden in einer Fabrik, haben meist keinen direkten Kontakt zu den Arbeiter*innen und beziehen sich fast ausschließlich auf die Unternehmensleitung und das, was sie von dieser präsentiert bekommen.«

Für Pflaum, aber auch für viele Experten von anderen Nichtregierungsorganisationen wie der »Kampagne für saubere Kleidung«, hat sich dieses Modell nicht bewährt. Es gibt jedoch Alternativen. Eine wurde von der Fair Wear Foundation aus Amsterdam ins Leben gerufen, an der sich auch »Fair Toys« orientiert. Diese verfolgt einen sogenannten Multi-Stakeholder-Ansatz, arbeitet direkt vor Ort mit Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen zusammen, denn diese wissen sehr genau, wo die Defizite in den jeweiligen Fabriken liegen. So werden direkte Gespräche mit Arbeiter*innen vermittelt. Die Ergebnisse dieser etwas anderen Audits, zeichnen ein deutlich anderes und differenziertes Bild der jeweiligen Fabrik und gehen direkt an die Auftraggeber. Der sucht dann das direkte Gespräch mit der Unternehmensleitung. Auf diesem Weg hat die Fair Wear Foundation die Arbeitsbedingungen in etlichen Fabriken ihrer Mitglieder, darunter zahlreicher Outdoor-, aber auch Berufsbekleidungshersteller verbessert.

An dem Modell hat sich die Fair Toys Organisation orientiert. Von Beginn an waren auch Spielwarenhersteller mit von der Partie: »Mit Sigikid, Haba oder Zapf Creation beteiligen sich an unserem Ansatz gleich mehrere große Unternehmen. Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund war bei allen Vorbereitungstreffen im Nürnberger Rathaus dabei«, schildert Pflaum den Prozess.

Die Initiative nahm am Dienstag mit der Gründungsversammlung in Nürnberg ihre letzte Hürde, am Mittwoch erfolgt die offizielle Vorstellung der innovativen Initiative, die die Strukturen auf dem weltweiten Spielwarenmarkt verändern will. Rund 90 Milliarden Euro werden weltweit für Puppen, Bauklötze, Spiele und Co. ausgegeben - drei Milliarden sind es in Deutschland, wo rund 11 500 Menschen in der Herstellung von Spielwaren angestellt sind. Das Gros der Produktion kommt jedoch aus China, wo je nach Quelle 60 bis 80 Prozent der Weltproduktion gefertigt werden.

Dort will Fair Toys im zweiten Schritt Strukturen aufbauen. Das wird angesichts der anhaltenden Konflikte in Hongkong jedoch schwerer. Über dort ansässige Nichtregierungsorganisationen, die in China Kontakte in die Fabriken pflegen, sollen Informationen zu Arbeits- und Umweltstandards sowie zu Menschenrechten an Fair Toys und die Hersteller fließen. Letztere werden von Fair Toys beraten und pochen bei der Auftragsvergabe, so die Idee, auf Verbesserungen. Auch ein neues Siegel soll eingeführt werden.

Finanziert wurde die Gründungsphase der Initiative durch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Das könnte auch bei der zweiten Phase, der Schaffung von Strukturen in Produktionsländer der Spielwarenindustrie, so zum Beispiel in Osteuropa und einigen asiatischen Ländern, der Fall sein.

Langfristig soll sich Fair Toys allerdings in erster Linie durch Mitgliedsbeiträge der Spielwarenhersteller tragen. Das hält Pflaum für realistisch, gerade weil der Diskussionsprozess über das Lieferkettengesetz viele Kunden sensibilisiert hat. Mit einer Mitgliedschaft bei Fair Toys hätten Unternehmen schnell etliche der sich abzeichnenden gesetzlichen Vorgaben entsprochen.

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