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Geister der Gier

Wie im europäischen Spitzenfußball Fairplay-Regeln gebrochen werden

Von März bis Mai hörte man die Fußballoberen noch barmen. »Wenn wir nicht bald den Spielbetrieb wieder aufnehmen können, droht einigen Klubs die Insolvenz«, meinte etwa Borussia Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke. Das Klagen wurde erhört, die Erlaubnis erteilt. Im Geisterspielmodus machen die Klubs weiterhin Verluste. Bundesligist Dortmund bezifferte die coronabedingten Ausfälle in der jüngsten Halbjahresbilanz auf 45 Millionen Euro. Die Vereinigung der europäischen Profiklubs ECA schätzte in einer Studie Anfang Juli die Einnahmeverluste in den wichtigsten zehn europäischen Ligen aktuell auf 1,6 Milliarden Euro und in der kommenden Saison gar auf 2,4 Milliarden.

Erlöse aus Transfers waren in der Prognose aber nicht enthalten. Aus gutem Grund. Denn das Spielerkarrussell dreht sich schon wieder. Millionenbeträge in Höhe von Dortmunds Komplettverlusten wurden schon in der ersten Transferphase hin- und hergeschoben. Bayern München sicherte sich für 49 Millionen Euro Leroy Sané. Der FC Chelsea legte 53 Millionen Euro für den Leipziger Timo Werner und 40 Millionen für Ajax-Spieler Hakim Ziyech auf den Tisch. Der FC Barcelona holte sich für 60 Millionen Euro Miralem Pjanic von Juventus Turin und gab im Gegenzug für 72 Millionen den Brasilianer Arthur an den italienischen Serienmeister ab.

Gewöhnliche Buchhalter hätten beim Spielertausch zwischen Barcelona und Turin die Ein- und Ausgaben einfach gegengerechnet - netto hätten dann die Katalanen einen Gewinn von 12 Millionen Euro und Juve einen Verlust in gleicher Höhe. Beide Vereine schreiben sich aber die Transfereinnahmen noch für die aktuelle Bilanz gut, Stichtag 30. Juni. Die Ausgaben indes werden über mehrere Spielzeiten gestreckt - bei Juventus gar über vier Jahresabrechnungen hinweg, wie der Klub selbst bekannt gab.

Das Verfahren hat Methode: Mit frischen Transfers wird die Habenseite aufgepumpt. Die Kosten schiebt man in die Folgejahre - und hofft darauf, dass dann wieder teure Verkäufe gelingen und die Einnahmen aus Fernsehrechten und Ticketverkäufen bis dahin immer weiter steigen. Dafür werden zwischen Klubs auch gern die Werte für Spieler nach oben getrieben. So wurde Pjanic von Juve trotz Coronakrise für acht Millionen Euro über dem geschätzten Marktwert abgegeben, Arthur gar für 16 Millionen über Marktwert aus Barcelona gekauft. Barca hat nach Auskunft von Vizepräsident Jordi Cardoner durch Corona Verluste von rund 140 Millionen Euro erlitten. Etwa 70 Millionen brauchten die Katalanen, um das Geschäftsjahr nicht mit einem Minus abzuschließen und keine Sanktionen der Uefa wegen Nichteinhaltens des Financial Fairplay befürchten zu müssen. Juventus steckt noch mitten im Schuldenabbau nach der Verpflichtung von Cristiano Ronaldo für mehr als 100 Millionen Euro im Jahr 2018. Der Deal mit den aufgeblähten Summen und den in die Zukunft vertagten Belastungen half beiden Klubs.

Juventus Turin hat mit solchen Geschäften Erfahrung. U23-Spieler Simone Muratore, Marktwert 125 000 Euro, wurde kurz vor Bilanzschluss am 29. Juni für sieben Millionen Euro an Atalanta Bergamo verkauft. Im vergangenen Jahr wurde Ersatzspieler Stefano Sturaro für 18 Millionen Euro nach Genua transferiert - der CFC kaufte den Mittelfeldspieler sogar, obwohl er verletzt war. Aufgebläht war auch der Verkauf von Mittelfeldtalent Rolando Mandragora an Udinese. Für 20 Millionen Euro wurde der damals 21-jährige nach nur einer Spielzeit in der Serie A beim am Ende abgestiegenen Leihklub Crotone an Udinese Calcio verkauft. Juventus sicherte sich allerdings ein Rückkaufrecht in Höhe von 26 Millionen Euro. Sollte Mandragora die hohen Erwartungen erfüllen, macht also Udinese ein garantiertes Plus - und für Juventus könnten die 26 Millionen im Vollzugsfalle sogar einen Schnäppchenpreis darstellen. Klubs wie Genua, Udinese oder Atalanta kommen Branchenführer Juventus immer wieder entgegen, weil sie so auf eine Vorzugsbehandlung bei den nächsten Deals hoffen können.

Wie im gewöhnlichen Kapitalismus funktioniert dieses Modell auch im Fußball nur bei permanentem Wachstum. Da sieht die ECA jetzt Grenzen. Wegen geringerer Einnahmen aus Ticketing oder Fernsehverträgen befürchtet sie, dass in den europäischen Topligen der Ausgabenanteil für die Spielergehälter von bislang durchschnittlich rund 60 auf 70 Prozent anwächst. Kürzungsoptionen bei den Gehältern sah Hugo Hamon, Finanzchef der ECA, allerdings nicht. »Spielergehälter sind ein leichtes Ziel in der Meinungsbildung, aber ein komplexes finanzielles Problem, wenn man es angehen will«, meinte er in der Studie. An den Spitzengehältern wird sich trotz Corona wohl nichts ändern.

Ein schlechtes Signal ist auch, dass der Internationale Sportgerichtshof die von der Uefa beanstandeten Finanztransaktionen, mit denen Manchester City sein aufgeblähtes Einkaufsgeschäft betrieb, als weitgehend verjährt ansah. Die Geldstrafe wurde nun von 30 auf 10 Millionen Euro reduziert und die Verbannung aus der Champions League aufgehoben. Auch in leeren Stadien haben die Geister der Gier weiterhin ihren Stammplatz.

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