Rassismus

Das Wort »Rasse« ist abzulehnen

Über die Herkunft und den Kontext eines mörderischen Begriffs.

Von Manfred Weißbecker

Zur Schande des kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftssystems, das von dem bekannten Soziologen Jean Ziegler aus der Schweiz generell als ein »Imperium der Schande« charakterisiert wird, gehört bis heute insbesondere hasserfüllter und aktionsbereiter Rassismus. Ihn zu bekämpfen, zählt zu den Selbstverständlichkeiten linken wie generell jedes antifaschistischen Denkens und Handelns, schließlich war und ist er ein konstitutiver Bestandteil aller faschistischen Bewegungen, Parteien und Regime. Ihnen bot der Rassismus stets hinreichenden Nährboden. Auch wenn nicht jede Form von Rassismus bereits Nazismus und Neofaschismus bedeutet, gebietet sich uns eine intensive geistige und praktische Auseinandersetzung mit dieser Diskriminierungsform. Dafür seien hier einige Anhaltspunkte benannt, historische zumal.

Zu reden wäre zunächst von seinen Frühformen. Da stand der Rassismus vor allem in mythischen und religiösen Zusammenhängen, neigte aber stets dazu, Biologisches über Ökonomisches und Soziales zu stellen. Er gewann dann seit Ende des 18. Jahrhunderts, insbesondere im 19. Jahrhundert, neue Qualität und eine erhebliche geschichtswirksame Bedeutung. Er breitete sich im Kontext des weltweiten Konkurrenzkampfes um Rohstoffgebiete, Exportmärkte und Kapitalanlagesphären wie ein Krebsgeschwür aus und diente als Rechtfertigung für die kolonialistische Unterwerfung der Bevölkerung in Afrika und Asien. Für den Imperialismus Deutschlands, der als Kontinentalmacht zunächst um die Vormachtstellung in Europa ringen musste, wenn er Weltmacht werden wollte, bot der Rassismus die Möglichkeit, auch die slawische Bevölkerung in die Kategorie der »Minderwertigen« einzuordnen.

Die zuvor vorwiegend aus biblischen Erzählungen abgeleiteten Versuche einer Aufspaltung der Menschheit in »Weiße« und »Schwarze« reichten dafür nicht mehr aus. Vorbei war die Zeit, in der Sklaverei, Unterdrückung und Ausbeutung anderer als angeblich naturgegebener Zustand keiner weiteren Erklärung zu bedürfen schienen. Systematisch wurde nun nach naturwissenschaftlichen Deutungsmustern gesucht, nach Körpermerkmalen wie Haut- und Haarfarbe, Augen- und Schädelform, Gesichtswinkeln und Ähnliches mehr. Ferner galten die Sprachen oder gar die Zusammensetzung von Blut und anderen Körpersäften als angeblich »wissenschaftlich bewiesene« Kriterien zur Kategorisierung von »Rassen«.

Das so entstehende biologistische Weltbild, das Erblichkeit und Unveränderlichkeit suggerierte, richtete sich im Grunde gegen die bekannten Egalitätsforderungen der Französischen Revolution und des aufsteigenden Bürgertums, auch schon gegen die frühen Aufklärer. Die Prozesse der Nationalstaatsbildung wurden weniger als Ausdruck und Ergebnis politischer Willensgemeinschaften verstanden, vielmehr als solche ethnischer Abstammungsgemeinschaften verstanden. Und es hieß: Das »Blut« in seiner als angeboren betrachteten Mischung stelle die »natürliche« Grundlage von Nationen dar.

Das war Blutsdünkel und durchaus auch krimineller Aristokratismus. Doch der Rassismus war noch steigerungsfähig. Die neu gefundenen, selbstsüchtigen Profitinteressen und nationalstaatliche Absicherung sozialökonomischer Ziele verbrämenden Deckmäntel führten rasch von der bloßen Kategorisierung der Menschheit nach »Rassen« hin zu deren Hierarchisierung. Da wurde dann eingeteilt in »kulturstiftende Rassen« und »Herrenmenschen« einerseits sowie in »kulturzerstörende« und »minderwertige« Menschen andererseits, wobei letztere im Sprachgebrauch der Nazis als zu vernichtende »Untermenschen« auftauchten. Parallel dazu erfolgte der Übergang vom Antijudaismus zum Antisemitismus, zumal am unteren Ende einer rassistischen Skala stets die Juden standen.

Sein schlimmstes Steigerungspotenzial offenbarte der Rassismus schließlich in Faschismus und Krieg. Denn darin kam ein Weltbild zum Vorschein, das rassistische Praxis direkt verlangt, das vom Ziel lebt, den behaupteten natürlichen Zustand wiederherzustellen, Ordnung zu schaffen, Missstände zu überwinden. Rassismus war und ist Handlungsaufforderung, weil er von vornherein auf seine praktische Anwendung zielt.

Alle, auch die an den Kolonialismus der bürgerlichen Gesellschaft anknüpfenden Herrschaftspraktiken beruhten auf einer die Gewalt rechtfertigenden, nationalstaatlich begrenzten, grundsätzlich expansions- und kriegsorientierten Ideologie von völkisch-rassistischem, insbesondere auch von antisemitischem Zuschnitt. Da, wo der Faschismus an die Macht gelangen konnte, führte Rassismus zu Kriegen. Noch dazu wissen wir, dass in Europa die faschistischen Bewegungen und Parteien aus dem Ersten Weltkrieg kamen. Sie profitierten von einer vielgestaltigen Verherrlichung des Krieges und der Krieger, konnten selbst für ihren Terrorismus die allgemeine Akzeptanz eines letztlich rassistischen Denkens nutzen, welches das Leben als »Kampf um das Dasein« deutet, welches das sogenannte »Recht des Stärkeren« sowie Kriege als angeblich unabänderliche Erscheinung menschlichen Zusammenlebens nicht infrage stellt.

Krieg könnte also als ein »Lebenselixier« von Rassismus und Faschismus verstanden werden. Absolut menschen- und menschenrechtsfeindliche Zwecke heiligten damals und heiligen auch gegenwärtig den Einsatz verfügbarer Mittel je nach politischen, wirtschaftlichen oder militärischen Erfordernissen. Eine alles Menschliche negierende Staats- und Militärdoktrin führte zu den massenhaften Kriegsverbrechen und zum Völkermord während des Zweiten Weltkrieges. »Nie wieder Krieg!« paarte sich folgerichtig mit dem Schwur der Überlebenden des KZ Buchenwald: »Nie wieder Faschismus!« Alles Ringen um die Verhinderung von Kriegen oder um deren rasche Beendigung stellt seitdem ein zentrales Anliegen von Antifaschismus dar - heute wie gestern.

Hier meint das Wort »gestern« zunächst die Zeit vor 1945, blickt man aber auf die Zeit seither, da wäre eher zu sagen: heute wieder mehr als gestern. Vor allem in den letzten beiden Jahrzehnten haben sich erschreckende Veränderungen vollzogen. Es regiert ein schrankenloser Kapitalismus. Es sind neue Kriege entfesselt worden, es hat sich die Vielzahl von Kriegstypen erweitert, und die zunehmende Computerisierung von Kriegshandlungen birgt noch mehr als früher unkalkulierbare Risiken.

Kurzum: Das Wort »Rasse« ist von Antifaschisten jeglicher politischer, weltanschaulicher und sozialer Herkunft und Positionierung abzulehnen. Diesen eindeutig negativ konnotierten und verheerende Folgen in Vergangenheit und Gegenwart zeitigenden pseudowissenschaftlichen Begriff kann man auch nicht »positiv wenden« oder sich als widerständigen Begriff »aneignen«.

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