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Die Vielfalt wird verschoben

Mit Olympia wollte Japan Weltoffenheit beweisen, doch in der Pandemie igelt sich das Land wieder ein

  • Von Felix Lill
  • Lesedauer: 4 Min.
Yuriko Koike, Gouverneurin der Präfektur Tokio, sorgt sich um Olympia – und ob des Anstiegs der Coronafälle.
Yuriko Koike, Gouverneurin der Präfektur Tokio, sorgt sich um Olympia – und ob des Anstiegs der Coronafälle.

In Tokio sollte sich jetzt eigentlich die Welt tummeln. Aus jedem Land der Erde wären Sportler und Zuschauer zu Gast - denn wäre alles nach Plan gelaufen, würden an diesem Freitag die Olympischen Spiele beginnen. Doch die Corona-Pandemie hat eine Verschiebung erzwungen, bis auf Weiteres um ein Jahr. Und in der japanischen Hauptstadt denkt man kaum noch an die Großveranstaltung, auf die sich die meisten Japaner so lange gefreut hatten.

Sorgen macht man sich dieser Tage über die nächste Welle von Covid-19-Erkrankungen. Am vergangenen Sonnabend wurden mehr als 660 Neuinfektionen gemeldet - ein Höchstwert seit drei Monaten, als angesichts der damals hohen Ansteckungszahlen der nationale Ausnahmezustand über das Land verhängt worden war. Anfang Juni lagen diese täglich unter 50. Dabei wurden knapp die Hälfte der mittlerweile gut 26 000 Infektionsfälle in Tokio registriert, wo nun eigentlich die Party des Weltsports steigen sollte.

Doch von Internationalismus ist derzeit wenig zu sehen. Die Regierung hat die Hauptstadt von einer Liste japanischer Orte genommen, die inmitten der Pandemie durch Inlandstourismus unterstützt werden sollen. Reisen von und nach Tokio - größter Infektionsherd des Landes - scheinen derzeit zu gefährlich. Ausländer aus den meisten Regionen der Welt dürfen schon seit Monaten nicht mehr ins Land einreisen.

Mit Olympia wollte sich das bisher eher verschlossene Japan als weltoffenes Land präsentieren. Der Slogan »Unity in Diversity« (Einheit in Vielfalt) sollte symbolisieren, dass im ostasiatischen Land alle Farben der Welt willkommen seien. Doch seit die olympischen Slogans den Parolen der Krisenbekämpfung gewichen sind, ist von der Idee eines aufgeschlossenen Japans nicht mehr viel übrig. Die Pandemie hat vielerorts zu einer Ungleichbehandlung geführt, die durch die Olympischen Spiele eigentlich überwunden werden sollte.

So bleibt in der Krise die Einreise in der Regel auch Ausländern verwehrt, die zwar ein japanisches Arbeitsvisum besitzen, das Land aber vorübergehend verlassen hatten. Japaner, die sich im Ausland aufgehalten haben, können dagegen wieder einreisen. Und für Studenten aufgelegte Liquiditätshilfen gelten derzeit für alle Inländer, aber für ausländische Studenten nur, wenn diese besonders gute Noten haben. International könnte all dies zu einem nachhaltigen Imageschaden führen. Trotzdem: Die Olympiaorganisatoren beteuern, dass in einem Jahr, wenn dann am 23. Juli 2021 die offiziell weiterhin als »Tokyo 2020« bezeichneten Spiele starten sollen, alles wieder gut aussehen werde. So betonte Yoshiro Mori, ehemaliger japanischer Premierminister und heute Präsident des Organisationskomitees, dass der Wettkampfplan mitsamt den Wettkampfstätten unverändert bleiben werde - eben nur um ein Jahr verschoben.

Das war nicht selbstverständlich, da durch die Verschiebung Zusatzkosten in Milliardenhöhe entstehen. So hatten Betreiber von Messegeländen und Stadien entweder bereits alternative Pläne für das kommende Jahr oder kämpfen nun mit entgangenen Einnahmen, sodass sie angesichts der Verschiebung zusätzliche Zahlungen fordern.

Vor einem großen Problem stehen die Veranstalter grundsätzlich bei der Frage, wer all die Zusatzkosten tragen soll: In der öffentlichen Diskussion ist dies nach dem Infektionsschutz an die Stelle der Vorfreude getreten. Zwar sehen olympische Ausrichterverträge vor, dass die Gastgeberstadt alle jenseits des Budgetplans anfallenden Kosten übernimmt. Doch eine pandemiebedingte Verschiebung ist eine völlig neue Situation, die für viel Unklarheit sorgt. So ist auch noch strittig, wie die Käufer der Wohnungen, die nach dem Sportevent im olympischen Dorf entstehen sollen, entschädigt werden. Denn diese können nun erst ein Jahr später bezogen werden.

Angesichts der vielen unangenehmen Fragen bemühen sich die Organisatoren um gute Botschaften. So wurde schon vor einer guten Woche bestätigt, was im Grunde selbstverständlich ist: Wer bereits Tickets für 2020 gekauft hat und diese im Sommer 2021 nicht nutzen kann, soll sein Geld erstattet bekommen. Eine weitere vermeintlich gute Nachricht wiederholte Cheforganisator Mori am vergangenen Freitag: »Wir werden diese Spiele völlig anders machen als in der Vergangenheit, sie werden sicher und vereinfacht sein.« Es sollen Kosten gespart und Zuschauerzahlen reduziert werden. Details werden bisher allerdings nicht genannt, sodass auch unklar bleibt, was genau den Sparplänen zum Opfer fallen wird.

Weiterhin wird aber betont, dass ein Olympia völlig ohne Zuschauer keine Option sei. Einen Plan B zum jetzigen Vorhaben gebe es auch grundsätzlich nicht, hieß es wiederholt. Dabei ist offensichtlich, dass solche Aussagen nicht in Stein gemeißelt sind. Bis zum Entschluss zur Olympiaverschiebung hatten Organisatoren und Regierung immer wieder behauptet, die Spiele würden »wie geplant« stattfinden. So fragen Japans Medien jetzt auch kaum noch danach, was wäre, sollte die Pandemie eine neue Wendung nehmen. Derzeit sind ohnehin die wieder steigenden Infektionszahlen die größte Sorge. Auch die propagierte Weltoffenheit der größten Metropole der Welt scheint derzeit nicht mehr so wichtig.

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