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Erfolg als Scheitern

Ben Affleck spielt sich in »Out of Play« als alkoholkranker Trauernder die Seele aus dem Leib

Es stand ja Schlimmes zu befürchten. Vor 16 Jahren hatte Gavin O’Connor schon einmal jenen »Mighty-Ducks«-Typus des Sportdramas bedient, demzufolge eine erfolglose Mannschaft von einem Coach übernommen und zum höchsten Sieg geführt wird: »The Miracle« (2004) blieb in jeder Hinsicht belanglos, sieht man von der emotiven Komponente ab, dass die so oft von den Sowjets gedemütigte amerikanische Seele sich mit diesem Rührstück späte Linderung verschaffen konnte.

Filme dieser Art indessen gibt es ohne Zahl. Wer heute damit um die Ecke kommt, muss sich schon strecken. Ideen helfen. »Remember the Titans« (2000), »Mean Machine« (2001), »The Damned United« (2009), »Moneyball« (2011), »Sommeren ’92« (2015), ja sogar ein Erweckungsblödsinn wie »Woodlawn« (2015) taugen als Beispiele, wie das leicht ranzige Thema auf gesellschaftliche Fragen oder die Idee des Spiels selbst getrimmt werden kann. Der Trick ist hier, dass das Thema eigentlich ein anderes sein muss. O’Connor scheint mit »Out Of Play« ein »Mighty Ducks« for Grownups gelungen, und das im ernsten Sinn des Wortes.

Jack Cunningham (Ben Affleck), ein hochbegabter Basketballspieler, der aus nicht erklärten Gründen mehrere College-Stipendien abgelehnt hat und einem Leben als Bauarbeiter den Vorzug gab, kehrt zu seiner High School zurück, um deren erfolglose Schülermannschaft zu trainieren. Vom Start weg wird deutlich, dass Jack schwerer Alkoholiker ist. Erst langsam dagegen klärt sich auf, dass die persönliche Tragödie um den Tod seines neunjährigen Sohns ihn in dieses Loch gestürzt hat, dem er nicht mehr entklettern zu können scheint.

Das Thema des Films ist nicht der Aufstieg einer Mannschaft, sondern die Alkoholsucht eines an Trauer kaputtgegangenen Menschen. Entsprechend verflechten sich hier zwei Plots auf gar nicht mal ungeschickte Weise. Die Erzähllinie der Basketballmannschaft ist gerade heraus und auch bei den Charakteren durchaus stereotyp. Wir begegnen dem unverwüstlichen Spaßvogel, der aber voll da ist, wenn es drauf ankommt, oder dem undisziplinierten Spieler, der erst rausgeworfen werden muss, damit er sich aufs Wesentliche konzentriert, dem Teamplayer aus der zweiten Reihe, der ausgleichend wirkt, dem introvertierten Supertalent, das nicht Profi werden darf, weil Papa möchte, dass der Sohn was Richtiges arbeite (im Stahlwerk oder so).

Geschickt ist die Verflechtung dieses Plots mit der Story Jacks deswegen, weil sie, die ihrer inneren Logik nach auf ein Happy End laufen muss, dieses gute Ende nach vorn zieht und in der letzten halben Stunde des Films dem Drama des gefallenen Helden Raum lässt. Wie auch »The Damned United« erzählt »Out of Play« die Geschichte eines Erfolgs als Geschichte eines Scheiterns. Und all das mit unwahrscheinlichem Gespür für Töne und Timing.

Man mag die Verknüpfung von persönlicher Tragödie und Alkoholsucht zu vordergründig finden. Gewiss klopft die Sucht nicht einfach irgendwann an; sie ist vielmehr als Verhalten tief im Charakter des Betroffenen angelegt. Folglich kann sie auch nie überwunden werden, sie bleibt immer da, und er muss lernen, sie für den Rest seines Lebens in festem Griff zu behalten. Andererseits gibt der Film gerade nicht der genrebedingten Verordnung zum Optimismus nach. Was Jack tut, ist hilfreich, aber es ist nicht die Lösung. Man kann eine Haltung wiederfinden, indem man Halt findet. Eine Aufgabe. Das dysfunktionale High-School-Team wird zum Spiegelbild für Jacks Seele. Indem er eine Mannschaft aufbaut, entwickelt und resilient macht, lernt er, wie man so was hinbekommt. Am Ende aber muss er sich doch seiner eigenen Baustelle widmen.

Und die beginnt an dem Punkt, wo ein Trauernder aufhört, seinen Schmerz zum Maß aller Dinge zu erheben. In diesem Schmerz um den Verlust des eigenen Kindes kommen vollendete Selbstlosigkeit und äußerster Narzissmus zusammen. Getrennt werden können diese scheinbar gegensätzlichen Dispositionen, wenn man sich (wie im Film) fragt, ob der verlorene Sohn gewollt hätte, dass sein Vater den Rest des Lebens seinetwegen leidet.

Ben Affleck - dessen Alkoholkrankheit bekannt ist - spielt sich buchstäblich den Teufel aus dem Leib. Dieser routiniert erzählte Film, der in einigen Momenten inszenatorisch glänzt, wäre bloß ordentlich und nicht überwältigend ohne diesen Affleck, dessen Gestik, Mimik und Sprache hier einfach alles trägt. Wir wissen, dass er spielen kann, aber dieser Film könnte einmal als seine größte Leistung gelten. Die Traurigkeit im Gesicht, die nicht herausdarf, der innere Druck, der im leichten Zittern der Lippen und Augen doch sichtbar wird, die trägen, arhythmischen Bewegungen des alkoholverseuchten Körpers, die Müdigkeit, die Wut, die Ohnmacht - all das kann Affleck in einen einzigen Moment legen. Man möchte den traurigen Vater umarmen, ihm sagen, dass alles gut wird, wissend, dass das gelogen wäre. Von kaum zu packender Traurigkeit ist eine Szene, in der Jack abends mit sich ringt, ob er die Stelle als Coach übernehmen soll. Ein Bier nach dem anderen holt er aus dem Kühlschrank mit den immer selben Handgriffen und Bewegungen, bis der Kühlschrank leer und der Protagonist voll ist. Trocken montiert und mit steigender Frequenz reihen sich die immer gleichen Einstellungen aneinander, so dass via Kamera und Schnitt ein Gefühl von der repetitiven Ödnis des Suchtlebens entsteht, in der das 30. Bier genau 28. davon entfernt ist, den Genuss des ersten zu steigern. Es wird nicht besser, nur mehr.

»Out Of Play - Der Weg zurück« [»The Way Back«]

USA 2020, Regie: Gavin O?Connor, Drehbuch: Brad Ingelsby, Darsteller: Ben Affleck, Janina Gavankar, Al Madrigal, Länge: 108 Minuten, Starttermin: 23. Juli 2020

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