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Prepper

»Bereit für die Apokalypse«

Der Forscher Mischa Luy über Prepper, ihre Vorbereitung für Notfälle und ihre befremdliche Haltung zum Waffenbesitz

Von Daniel Lücking

Wie kamen Sie zum Thema Prepping?

Ich habe 2017 mit meiner Masterarbeit zum Thema angefangen. Ich bemerkte damals eine verstärkte Beschäftigung mit Endzeitszenarien, Apokalypse und Survivaltraining in den Medien. Ich erinnere mich an drei oder vier Sendeformate auf dem Sender DMAX, die sich diesem Thema gewidmet haben. Bei der Recherche stieß ich dann auf das Phänomen preppen zu dem es kaum wissenschaftliche Literatur gibt.

Wie real ist die Gefahr, auf die sich Prepper vorbereiten?

Preppen ist ein vielschichtiges Phänomen. Es gibt großflächige und langwierige Szenarien wie Krieg oder Wirtschaftskrisen, auf die sich mit hohem Aufwand vorbereitet wird. Längere Stromausfälle, wie im Winter 2005/2006 im Münsterland, erfordern eher niedrigschwellige Vorbereitungen. Das damalige Schneechaos führen Prepper gern als Beleg für die Notwendigkeit des Preppings an. Einzelne Gemeinden waren abgeschnitten, mussten etwa eine Woche von Bundeswehr und Technischen Hilfswerk versorgt werden. Es blieb aber etwas entscheidendes aus, auf das viele Prepper warten. Sie fürchten bei Versorgungsengpässen, es könne zu Gewalt und Plünderungen kommen. Das blieb aus. Für allgemeine Notlagen sollte man sich aber zunächst an die Vorschläge des Bundesamtes für Katastrophenhilfe halten. Was darüber hinaus geht, halte ich persönlich nicht für sonderlich realistisch.

Waren Prepper vorbereitet auf Corona?

Viele Prepper waren insofern gut vorbereitet, dass sie bereits Unmengen an Klopapier hatten. Masken und Desinfektionsmittel waren jedoch nicht bei allen vorhanden, so dass einige Prepper die gleichen Probleme hatten wie wir auch. Ich selber preppe aber nicht.

Gab es nach Münster Reaktionen, was die Notfallpläne angeht?

Eine direkte Reaktion ist mir nicht bekannt. So richtig Thema - auch in den Medien - wurde die zivile Katastrophenhilfe erst, als 2016 die Empfehlungsbroschüre herausgegeben wurde. Prepper haben die Broschüre als Indiz gewertet: »Wenn sogar die Bundesregierung will, dass jeder preppt, dann ist was im Busch.«

Wie sieht es denn mit staatlichen Vorbereitungsmaßnahmen aus?

Schon seit dem kalten Krieg werden an zentralen Punkten Grundnahrungsmittel, Getreide und Mehl eingelagert. Bei der Verteilung gibt es allerdings klare Rangfolgen. Das System ist nicht darauf ausgelegt, sehr große Landstriche dauerhaft zu versorgen. Viele Prepper wissen das und sind überzeugt, das würde nicht ausreichen. Das vermischt sich dann mit einem grundlegenden Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen, Politik und Mitmenschen. Es gibt auch die extreme Ansicht, der Staat würde die Krisen selbst verursachen, zum Beispiel durch die Flüchtlingspolitik.

Warum ist Rechtsradikalismus in der Prepper-Szene anschlussfähig?

Einerseits herrscht ein Menschen- und Gesellschaftsbild vor, das im Katastrophenfall das Recht des Stärkeren herrschen würde. Nur wer vorbereitet ist wird überleben. Ein prosoziales Hilfeverhalten kommt da nicht mehr zum Tragen. In der Katastrophe ist sich jeder selbst der Nächste. Dazu gehört auch die Annahme, die Gesellschaft werde nur vom staatlichen Gewaltmonopol zusammengehalten. Es gibt auch ein ausgeprägtes Misstrauen gegenüber Mitmenschen, Medien und Staat, Politik und Institutionen. Da herrscht ein Grundgefühl vor, dass wir uns aktuell in einer gesellschaftlichen Krisenzeit befinden. Gerade das Gefühl, dass nicht mehr vertraut werden könne, kommt in rechten Weltanschauungen stark zum Tragen. Schuldige werden dafür dann auch manchmal in Form von Verschwörungsmythen direkt benannt.

Wie wirkt sich das aus?

Wer jederzeit mit dem Schlimmsten rechnet, lebt konstant in einer Dauerbereitschaft für die Apokalypse. Das geht so weit, dass manche Prepper ihre Familie einem Drill unterziehen, wie ABC-Schutzausrüstung schnellstens angelegt werden kann. Da sind Fluchtautos konstant gepackt und stehen jederzeit bereit. Ich finde vor allem befremdlich, dass in der Szene die Meinung weit verbreitet ist, dass es nötig wäre, sich zu bewaffnen. Auch explizit mit Schusswaffen.

Wie ist die Geschlechterverteilung innerhalb der Szene?

Die Szene ist männlich dominiert. Das Männlichkeitsbild zielt auf den Ernährer und Beschützer der Familie ab. Ich schätze den Anteil der Männer auf 70 bis 80 Prozent. Mein Eindruck ist, dass die Befassung mit Waffen und Gewalt bei Männern deutlich öfter vorkommt als bei Frauen. Dennoch kann man nicht sagen, dass Frauen sich nur mit dem Anlegen von Vorräten oder Ernährung befassen. Auch die Argumentation mit dem Fürsorgeaspekt kommt geschlechterunabhängig vor.

Wie wird das Preppen gerechtfertigt?

Die Erklärungen waren meistens überzeugend vorgetragen. Aber auch da gibt es extreme Auswüchse. In einem Fall begegnete ich einem antisemitischen Weltbild. Die Person sprach auch von Islamisierung.

Gibt es typische Persönlichkeitszüge?

Ich glaube, es sind oft biografische Ereignisse, die das Preppen begünstigen. Viele beschrieben den Einstieg ins Prepping als Zäsur im Leben. Meist wurde das ausgelöst durch Erlebnisse von Ohnmacht. Da wurde das persönliche empfinden einer gesellschaftlichen Fragilität zum Auslöser. In einem Fall war es das Eingeschneitsein auf der Autobahn.

Wie können Menschen wieder zu realistischen Gefahreneinschätzungen kommen?

Das Gefahrenbewusstsein ist bei Preppern ganz stark ausgeprägt. Der Blick dafür, was gefährlich werden kann. Manche hangeln sich von Gefahr zu Gefahr, recherchieren immer neue Bedrohungen. Wenn sich das mit eigenen biografischen Erfahrungen verknüpft, wird das wohl auch zu einer Weltsicht.

Wie wird mit den Vorwürfen umgegangen, dass es rechtsradikale Prepper gibt?

In den Foren und Gruppen, die ich einsehen konnte gab es die Tendenz, politische Diskussionen zu vermeiden und abzuwiegeln. Ich vermute, dass das auch eine Reaktion auf den Beschluss ist, die Szene vom Verfassungsschutz beobachten zu lassen. Wie rechts die Szene letztlich ist, lässt sich also nicht eindeutig belegen. Das ist aber auch ein Effekt, wenn nur rechte und rechtsradikale Menschen das Bild einer Szene bestimmen, weil der Rest dazu schweigt.

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