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Neustart auf »blutigem Boden«

Die Sibiu-Tour durch die rumänischen Karpaten zeigt, wie Radsport in Coronazeiten funktioniert

  • Von Tom Mustroph, Sibiu
  • Lesedauer: 5 Min.
Königsetappe der Sibiu-Tour: Der Bau der Passstraße zwischen Siebenbürgen und der Walachei forderte in den 1970er Jahren einige Todesopfer.
Königsetappe der Sibiu-Tour: Der Bau der Passstraße zwischen Siebenbürgen und der Walachei forderte in den 1970er Jahren einige Todesopfer.

Wer hätte je daran denken mögen, dass die internationale Radsportszene einmal Nicolae Ceausescu zu Dank verpflichtet ist? Rumäniens Langzeitherrscher ließ in den 1970er Jahren eine Passstraße durch die Karpaten anlegen, um Siebenbürgen mit der Walachei zu verbinden. »Viele Menschen starben beim Bau«, erzählt Adrian, ein Radsportenthusiast aus Arad, der sich mit seinem Fahrrad auf mehr als 2000 Meter Höhe begeben hat. »Wir stehen hier auf blutigem Boden«, meint er. Der Dank an Ceausescu ist also eine durchaus verzwickte Angelegenheit.

Hier, am Balea-See, erwartet Adrian am Freitag mit Hunderten anderen Radsportanhängern das Peloton der Sibiu-Tour - 127 Fahrer aus 22 Rennställen und 19 Nationen nahmen die Königsetappe des viertägigen Rennens in Angriff. Weit schweift der Blick ins Land, die Straße windet sich schlangenförmig in die Höhe der Karpaten. An manchen grünen Hängen klebt sogar noch Schnee. Hätte es am Horizont noch scharfkantige Felsnasen gegeben, dann hätte man sich wie in den Alpen bei der Tour de France gefühlt.

Zwar gibt es hier weit weniger Zuschauer als am Galibier oder dem Izoard, doch auch an den unteren Kehren stehen schon Schaulustige. Beim Start der Etappe im Zentrum von Sibiu war ebenfalls Publikum zu sehen. Nicht in Massen, gewiss. »4000 Menschen kamen in früheren Jahren allein zum Start am Großen Ring«, erzählt Cosmin Costea, Streckenplaner des Rennens, dem »nd«. Beim Prolog in diesem Sommer waren es bestenfalls 1000. Die meisten von ihnen sitzen an den Tischen, die die zahlreichen Restaurants auf den historischen Marktplatz gestellt haben. Sie trinken und essen, und verfolgen dabei das Geschehen. Ein paar Enthusiasten schwenken immerhin Fahnen.

Ins Fahrerlager darf niemand. »Wir dürfen keine Unterschriften geben, keine Flaschen verschenken, keine Fotos machen. Das finde ich ein bisschen schade, weil das ja den Radsport auch ausmacht. Aber in der aktuellen Situation müssen wir vorsichtig gegenüber den anderen Leuten sein«, beschreibt Bora-hansgrohe-Profi Pascal Ackermann die Atmosphäre. Wie alle seine Berufskollegen ist er aber froh, dass es überhaupt diesen Neubeginn gibt.

»Wir tragen die Maske schon, wenn wir vom Hotel zum Start fahren. Auch beim Einschreiben behalten wir sie auf. Erst zum Rennen selbst nehmen wir sie ab«, sagt Ackermanns Teamkollege Patrick Konrad. Andere Teams hielten es nicht ganz so strikt. Einige Profis sieht man im Fahrerlager - ihrer eigenen Hygieneblase - ohne Maske. Öfter als sonst wird auch der Gesundheitszustand unter die Lupe genommen. »Wir müssen täglich einen Fragebogen über unseren Gesundheitszustand ausfüllen. Es wird zweimal am Tag Fieber gemessen. Wir haben natürlich Coronatests vor der Rundfahrt gemacht. Ich habe heute früh auch einen gemacht - zur Sicherheit. Und wenn ich heimkomme, gibt es einen weiteren«, erzählt Konrad. Der Österreicher fährt am Sonnabend im Gelben Trikot, dass er sich am Freitag auf der Bergetappe durch die Karpaten als Tageszweiter hinter seinem Landsmann und Teamkollegen Gregor Mühlberger gesichert hatte. Beim Bergzeitfahren am Sonntag nimmt ihm Mühlberger das Trikot wieder ab.

Für ihr Team Bora-hansgrohe ist das Rennen sportlich ein Triumphmarsch. Mühlberger holt zwei Tagessiege, Teamkollege Ackermann gewinnt den Massensprint am Sonnabend »Ich denke, dass wir gegenüber den anderen Teams auch einen Vorteil haben, weil wir so früh schon Rennkilometer in den Beinen haben«, blickt Konrad auf die langsam anrollende Saison voraus.

Die meisten Rundfahrtkonkurrenten werden erst am 5. August bei der Polenrundfahrt erstmals wieder Wettkampfluft atmen. Die Klassikerspezialisten beginnen am 1. August bei Strade Bianche. Die Sibiu Tour zeigt, dass Radsport auch in Coronazeiten möglich ist. Rückschlüsse von seinem Rennen auf die großen Rundfahrten will Veranstalter Costea aber nicht ziehen. »Es ist ganz schwer, unser Rennen mit einem Rennen von der Größe der Tour de France zu vergleichen. Das einzig Gemeinsame ist, dass das Rad rund ist. Die großen Rundfahrten leben in einer anderen Welt«, meint er bescheiden.

Dass die Sibiu-Tour in diesem Jahr überhaupt stattfinden konnte, als erstes größeres Radrennen nach dem Lockdown, verdankt sich auch Costeas beruflichem Hintergrund. »Ich bin Medizintechniker, arbeite seit 1987 im Gesundheitswesen. Ich kenne sehr viele Leute in diesem Bereich. Und das hat uns bei der Vorbereitung des Rennens unter diesen Bedingungen auch sehr geholfen«, erzählt er »nd«. Costea hatte von den Gesundheitsbehörden sogar die Erlaubnis, das Rennen zum ursprünglich geplanten Termin Anfang Juli auszurichten. »Dann wären wir aber wohl unter uns geblieben. Viele Flugverbindungen waren eingestellt, viele Grenzen geschlossen. Deshalb haben wir in Absprache mit den Behörden den Termin verschoben.« Die Reiseproblematik könnte das Rennen auch am Ende wieder einholen. »Wir beobachten aufmerksam, wie sich die Situation der Rückreise gestaltet. In einigen Ländern, darunter Österreich, wird vor einer Einreise aus Italien gewarnt«, erklärt Bora-hansgrohes sportlicher Leiter Jens Zemke. Wenn es nicht das Virus selbst ist, so dürfte aber die Reiseproblematik den Wettkampfkalender weiterhin gehörig beeinflussen.

Ein zweiter Aspekt sind die möglichen Spätfolgen für Leistungssportler durch eine Corona-Erkrankung. »Bisher wissen wir noch gar nicht, welche Auswirkungen das haben kann«, warnt Wolfgang Oschwald, sportlicher Leiter des Continental-Rennstalls SKS Sauerland, der ebenfalls an der Sibiu-Tour teilnimmt. »Wenn man einmal krank geworden ist, dann kann das Herz in Mitleidenschaft gezogen werden, die Lunge, die inneren Organe. Man weiß bis heute nicht, was mit einem Sportler passiert, der mit einem Puls von 200 durch die Gegend fährt«, sagt Oschwald, der zugleich Radsporttrainer am Olympiastützpunkt ist. Trotz eines geglückten Aufbruchs in die neue Radsportsaison ist weiter Vorsicht angesagt.

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