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Neues Wetterphänomen über Sibirien

Die anhaltende Hitzewelle in Nordrussland wird Folgen haben - für die Region und den Rest der Welt

Was für ein Frühsommer - zumindest in Sibirien: Die Weltmeteorologieorganisation (WMO) bestätigte am Wochenende offiziell, dass in Werchojansk am 20. Juni eine Rekordtemperatur von 38 Grad Celsius erreicht worden war. Die Kleinstadt in der nordostrussischen Republik Sacha gehört eigentlich zu den kältesten bewohnten Orten der Welt.

Natürlich gibt es immer mal wieder Temperaturausreißer, doch die Hitzewelle in der Region hält schon seit Monaten an. Meteorologen verweisen darauf, dass seit Dezember ein Hochdruckgebiet über Sibirien liegt, das für Temperaturen rund sieben Grad über normal und die anhaltende Trockenheit verantwortlich ist. Als Grund wird eine Nordverlagerung des Jetstreams, eines warmen Starkwindbandes in der oberen Troposphäre, angenommen. Aber warum bleibt das Hoch so lange über dem Gebiet hängen? Forscher vermuten, dies liege daran, dass sich der Jetstream wegen der geringeren Temperaturunterschiede zwischen den tropischen und arktischen Regionen verlangsamt hat. Dies wird auch als eine Ursache für die langanhaltende Trockenheit in Deutschland in den vergangenen Jahren vermutet.

Die WMO hält die Hitzewelle in der Arktis ohne den Klimawandel für praktisch unmöglich: »Die Arktis erwärmt sich doppelt so schnell wie die ganze Welt im Durchschnitt«, so der Generalsekretär der UN-Organisation, Petteri Taalas. Geophysiker vom Weikow-Observatorium haben im Detail errechnet, dass es in der russischen Arktis in den vergangenen Jahrzehnten um 0,69 Grad pro Dekade wärmer geworden ist - im globalen Durchschnitt waren es 0,18 Grad.

Klimaforscher können noch nicht alle Zusammenhänge erklären. »Wir verstehen nicht, was in Sibirien gerade passiert. Das ist ein neues Phänomen«, sagte Anders Levermann, Physiker am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), in einem Interview mit der »Deutschen Welle«. Levermann vermutet auch einen Zusammenhang mit dem Schmelzen des Meereises an der sibirischen Polarküste als Folge der Erderwärmung. Forschungen in Skandinavien hätten ergeben, dass beim Aufbrechen des Meereises häufig ein stabiles Hochdrucksystem entstehe. Ohne die weiße Masse wird weniger Sonnenlicht reflektiert, das erwärmt das Meer und die angrenzenden Gebiete noch stärker.

Während die Ursachen noch genauer erforscht werden müssen, sind die Folgen umso klarer. Wie schon im vergangenen Jahr gibt es derzeit schwere Waldbrände im Norden Sibiriens. Auf russischen Satellitenaufnahmen waren laut den UN-Experten am 22. Juli insgesamt 188 Feuerherde zu sehen. Die Tundra ist üblicherweise zu kalt und zu feucht für Brände. Ungewöhnlich ist auch, wie weit im Norden sie auftreten. Ein Feuer befindet sich weniger als acht Kilometer vom Arktischen Ozean entfernt. Dass die Brände die entlegensten Gebiete erreichen, ist umso problematischer, als die russischen Behörden aus Kostengründen nur dort löschen lassen, wo Siedlungen in Gefahr geraten könnten.

Wenn große Waldflächen - im tropischen Regenwald wie in der arktischen Tundra - abbrennen, so hat dies globale Folgen. Bäume sind bekanntlich wichtige CO2-Senken. Außerdem führen die Waldbrände und die aktuelle Hitze zu einem tieferen Abschmelzen des Permafrostbodens in Sibirien. Dadurch wird Methan freigesetzt, ein 28-fach stärkeres Treibhausgas als CO2. Steigende Emissionen beschleunigen den weltweiten Klimawandel noch. Sibirien ist auch direkt betroffen: Weicht der bisher dauerhaft tiefgefrorene Boden auf, kann dies zu Schäden an der Infrastruktur führen - an Gebäuden, Straßen oder Pipelines. Es wächst also die Gefahr wirtschaftlicher Folgen. Die Ölkatastrophe vom Mai nahe der arktischen Stadt Norilsk, als ein Lagertank plötzlich zusammenbrach, könnte ein Vorgeschmack gewesen sein.

»Die Pole beeinflussen Wetter und Klima in niedrigeren Breitengraden, wo Hunderte Millionen Menschen leben«, sagt WMO-Chef Taalas. Daher ist es keine gute Nachricht, dass norwegische Forscher auf der Inselgruppe Spitzbergen im Nordpolarmeer am Wochenende mit 21,2 Grad die zweithöchste Temperatur seit Beginn der Aufzeichnungen gemessen haben. Üblich sind zu dieser Jahreszeit dort fünf bis acht Grad. Kommentar Seite 8

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