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Korrumpiert, abgestumpft, ohne Gnade

KZ-Gedenkstätte Ravensbrück bereitet Ausstellung über das weibliche Aufsichtspersonal im Dienst der SS vor

  • Von Tomas Morgenstern
  • Lesedauer: 4 Min.

Ravensbrück, scheinbar so idyllisch am Ufer des Schwedtsees gelegen. Es gibt nur wenige Orte, an denen die Banalität des Bösen, die das Terrorregime des Nationalsozialismus mitunter begleitete oder erst möglich machte, so offensichtlich wird. Einen Beitrag wird gewiss die Dauerausstellung »Im Gefolge der SS - Aufseherinnen des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück« leisten. Am 8. August wird sie, von Grund auf überarbeitet, in einem der ehemaligen Unterkunftsgebäude, die die SS für das weibliche Aufsichtspersonal errichten ließ, eröffnet werden.

Diese acht komfortablen, hübsch anzuschauenden Häuser in Sichtweite der gutbürgerlichen Beschaulichkeit mögen den Blick auf das dahinter durch die SS von 1939 bis 1945 betriebene Frauenkonzentrationslager verschleiert haben. Dass dort ein Ort des Grauens und willkürlicher Gewalt existierte, ließ sich schon damals nicht verheimlichen. Die Anwohner wussten Bescheid. Menschen aus 40 Nationen wurden dort eingesperrt, misshandelt und bis zur völligen Entkräftung ausgebeutet, insgesamt 132 000 Frauen und Kinder teilten ihr Leid mit etwa 20 000 Männern sowie 1000 weiblichen Jugendlichen. An die 28 000 Häftlinge haben Ravensbrück nicht überlebt.

Die Gegend um Fürstenberg, im Norden des heutigen Landkreises Oberhavel, war schon vor dem Zweiten Weltkrieg strukturschwach, an Anstellungen mit gutem Verdienst - zumal für Frauen - mangelte es. Als dort ab 1938/1939 weibliches Personal für ein »Arbeitslager« gesucht wurde, meldeten sich viele Frauen freiwillig. Dass sie dort Inhaftierte bewachen mussten, hielt sie nicht ab, handelte es sich doch nach offizieller Lesart um »asoziale«, »gemeinschaftsfremde« oder »rassisch unerwünschte« Personen.

»Das funktionierte zunächst über Mundpropaganda, denn die Bewerberinnen erwartete eine für damalige die Zeit gut bezahlte Stelle«, erläutert Simone Erpel, die Kuratorin, unter deren Leitung namhafte historische Ausstellungen unter anderem auch in Berlin entstanden. Ab 1942, als die SS das Lager kontinuierlich erweiterte, wurden offen in ganz Deutschland mit unverfänglich erscheinenden Zeitungsanzeigen geworben. »Für den Einsatz bei einer militärischen Dienststelle werden gesunde, weibliche Arbeitskräfte im Alter von 20 bis 40 Jahren gesucht«, hieß es zum Beispiel, wie auf einer der vielen Info-Tafeln nachzulesen, im »Hannoverschen Kurier« vom 7. August 1944.

Gelockt wurde mit »Entlohnung nach Tarifordnung für die Angestellten im öffentlichen Dienst« - damals stattliche 185 Reichsmark - , »freier Unterkunft, Verpflegung und Bekleidung (Uniform)«. Das wirkte, zumal in Kriegszeiten, als viele der dann dienstverpflichteten Frauen auch in einstigen »Männerberufen« in der Rüstungsindustrie oder in der Landwirtschaft hart schuften mussten.

»Mindestanforderungen, die die Bewerberinnen erfüllen mussten, waren: körperliche Gesundheit und keine Vorstrafen«, erläutert Erpel. Ausdrücklich habe es geheißen: Berufliche Kenntnisse sind nicht erforderlich. »Die meisten dieser Frauen kamen aus einfachen Verhältnissen. Es waren für die damalige Zeit durchschnittlich gebildete Menschen, die zumeist den Abschluss der achten Klasse, oft durchaus einen Beruf und wegen der allgemeinen Dienstpflicht auch meist Arbeitserfahrung hatten«, sagt die Kuratorin.

Erschreckend wirkt es nach all den Jahren, dass sich die meisten dieser Frauen scheinbar ohne größere Probleme mit dem schrecklichen Geschehen in dem Konzentrationslager arrangiert haben. Das Regime aus Drill, erbärmlichen Lebensbedingungen, schonungsloser Zwangsarbeit und roher Gewalt stumpfte schnell ab. »Die H. bestimmte das Arbeitstempo. Ging es nicht nach ihrem Kopf, so half sie mit dem Lederriemen oder einem handfesten Knüppel nach«, sagte die KZ-Überlebende Dora Parade 1947 als Zeugin aus. Und es gab Aufseherinnen, die trugen im Dienst Pistolen, andere schüchterten mit scharf abgerichteten Hunde die Häftlinge ein. Den Außenbereich sicherte schwer bewaffnete SS.

»Einige von uns machten sich ein kleines, bitteres Spiel daraus, die Zeit zu messen, die eine neue Aufseherin brauchte, ehe sie deren (der älteren) Brutalitätspegel erreicht hatte«, erinnerte sich Germaine Tillion 1998 an die im Lager herrschende Unmenschlichkeit. Die französische Ethnologin und Widerstandskämpferin, über die in der Ausstellung berichtet wird, war 1943 gemeinsam mit ihrer Mutter nach Ravensbrück deportiert worden.

Sicher, es gab auch Ausnahmen. »Uns sind zwei Frauen bekannt, die 1943/1944 den Dienst angesichts des Elends, das sie im Lager vorfanden, abgelehnt haben«, sagt Simone Erpel. Eine von ihnen war Christel Wenzel, dienstverpflichtet in der Rüstungsindustrie, die sich in Ravensbrück beworben hatte und sich vor Ort geweigert hat, einen Dienst als KZ-Aufseherin anzutreten. »Es ist, entgegen der landläufig verbreiteten Behauptung, für sie ohne Konsequenzen geblieben. Nur die Rückfahrkarte musste sie selbst bezahlen.«

Das KZ Ravensbrück wurde für die SS zur zentralen Rekrutierungs- und Ausbildungsstätte für weibliches Wachpersonal, wie die Kuratorin betont. Ab 1942 wurden in fast allen Lagerkomplexen Frauenabteilungen eröffnet, für die Ravensbrück Aufseherinnen überstellte. »Bei einem Stammpersonal von 200 Aufseherinnen wurden hier insgesamt an die 3500 Frauen für das KZ-System ausgebildet, bis zu 2500 ab dem Jahr 1943«, so Erpel.

Die Ausstellung thematisiert die Herkunft der Aufseherinnen, die Gewaltverhältnisse im Lager, die Karrieren einzelner Oberaufseherinnen bis hin zu den von ihnen begangenen Verbrechen. Sie macht deutlich, wie wenige Strafprozesse nach 1945 geführt und mit einer Verurteilung abgeschlossen wurden, zeichnet die Suche der Opfer nach Gerechtigkeit nach. Vor allem auch entlarvt sie das beredte Schweigen im Nachkriegsdeutschland - auch unter den Anwohnern der Schreckensorte, die wie Fürstenberg zu Nutznießern und Zeugen des Terrors wurden.

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