Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Gleiches Geld für alle

Ein neues Verteilungsmodell würde den sportlichen Wettbewerb im deutschen Profifußball stärken

  • Von Frank Hellmann, Frankfurt am Main
  • Lesedauer: 4 Min.
Düsseldorf mit Matthias Zimmermann (l.) und Mainz mit Karim Onisiwo spielen in zwei verschiedenen Ligen, die Vorstandschefs beider Klubs kämpfen für dasselbe.
Düsseldorf mit Matthias Zimmermann (l.) und Mainz mit Karim Onisiwo spielen in zwei verschiedenen Ligen, die Vorstandschefs beider Klubs kämpfen für dasselbe.

Es dauert noch eine ganze Weile, bis in der Bundesliga der Ball rollt. Der Startschuss fällt erst am dritten Wochenende im September. Hinter den Kulissen aber hat längst ein Spiel begonnen, dass für den durch die Coronakrise zu wirtschaftlichen Einschnitten gezwungenen Profifußball enorm wichtig ist: Wie werden künftig die leicht gesunkenen Fernseheinnahmen verteilt?

Als Christian Seifert den neuen Vierjahresvertrag ab der Saison 2021/2022 mit einem Gesamtvolumen von 4,4 Milliarden Euro präsentierte, ahnte der Vorsitzende der Geschäftsführung der Deutschen Fußball-Liga (DFL) schon, dass die »Debatte um die Geldverteilung mindestens so intensiv wie die über die Auktion« werde. Öffentlichkeitswirksam wird jetzt mit Vehemenz ein komplett anderes Verteilungsmodell verlangt: gleiches Geld für alle. So argumentieren mit den Vorständen Thomas Röttgermann (Fortuna Düsseldorf) und Jan Lehmann (FSV Mainz 05) zwei Finanzfachleute, von denen der eine aus der Sportvermarktung kommt (Röttgermann), der andere selbst bei der DFL an der Rechteausschreibung mitgearbeitet hat (Lehmann). Düsseldorfs Vorstandsvorsitzender Röttgermann möchte über einen »grundsätzlichen Prinzipienwechsel« reden. Auch der Mainzer Finanzvorstand Lehmann möchte den Automatismus der immer weiter auseinander driftenden Fernsehgelder zwingend stoppen. »Wir wollen wieder mehr sportlichen als wirtschaftlichen Wettbewerb.«

In der kommenden Saison würde nach Berechnungen des Fachmagazins »kicker« der FC Bayern aus der nationalen Fernsehvermarktung mehr als 70 Millionen Euro, Aufsteiger Arminia Bielefeld knapp 30 Millionen bekommen. der Mainzer Lehmann weist darauf hin, unbedingt die Einnahmen aus der internationalen Vermarktung dazuzurechnen, die von der DFL hauptsächlich an die Europapokalteilnehmer ausgeschüttet werden: Dann betrage das Verteilungsverhältnis zwischen Tabellenletztem und Meister nicht mehr 1:2, sondern 1:4. Aus Sicht des Mainzers ergibt das derzeit über ein Vier-Säulen-Modell angewandte Leistungsprinzip gar keinen Sinn mehr, weil in jüngerer Vergangenheit die opulenten Ausschüttungen der Uefa für die Champions-League-Vertreter massiv in den nationalen Wettbewerb eingegriffen haben. Mit der Folge, dass in Europa fast immer dieselben Klubs den finanziellen Rahm abschöpfen. Ein Teufelskreis, der nationale Wettbewerbe zerstöre, findet Lehmann.

Vier der fünf europäischen Topligen sind tatsächlich längst zu Monokulturen verkommen, in der immer dieselben Meister gekürt werden: FC Bayern (Deutschland), Juventus Turin (Italien), Paris St. Germain (Frankreich) und Real Madrid oder FC Barcelona (Spanien). Nur England macht bei dieser Eintönigkeit nicht mit. Die Frage muss erlaubt sein, ob Bayern München mit der achten Meisterschaft in Folge vergangene Saison wirklich mehr geleistet hat als der SC Freiburg, der mit einem Bruchteil des Budgets auf Platz acht gelandet ist? Solche Gedanken sollen die Vereinsvertreter nun von Angesicht zu Angesicht auf drei Regionalkonferenzen vortragen, wenn über den Verteilerschlüssel erstmals beratschlagt wird.

Ende des Jahres soll ein Beschluss gefasst werden, den die Mehrheit der 36 Lizenzvereine trägt. Die Entscheidung trifft das neunköpfige DFL-Präsidium, in dem sich die Machtverhältnisse inzwischen verschoben haben. Fünf der sieben Klubvertreter gehören dem sogenannten Mittelstand der kleineren Vereine und der Zweitligisten an. Gerade hält sich das Quintett noch auffällig zurück. Einer von ihnen, Oke Göttlich vom FC St. Pauli hat aber schon vor Beginn der Pandemie wiederholt ein radikales Umdenken angeregt. Die Gleichverteilung der Medienerlöse ist eine Extremforderung, die bei realistischer Betrachtung keine Chance auf Durchsetzung hat. Aber wenn als Kompromiss ein fixer Sockelbetrag - wie in der englischen Premier League praktiziert - herauskäme, so dass 50 Prozent des Fernsehgeldes unabhängig von Tabellenplätzen ausgeschüttet würden, wäre schon viel gewonnen.

Bundesligisten wie der FC Augsburg oder Werder Bremen unterstützen diesen Ansatz. Schafft es eine Mehrheit, das Rad gegen den Widerstand der Großen zurückzudrehen? Unter dem Gleichheitsprinzip wurde bis Ende der 90er Jahre das Fernsehgeld verteilt, als noch die wenigsten Bundesligaprofis eine Millionengage kassiert hatten. 255 Millionen Mark betrug beispielsweise die Rechtesumme in der Saison 1998/99 - rund zehn Millionen Mark bekam jeder Erstligist, etwa die Hälfte ging an die Zweitligisten. Wichtigster Partner war Sat1 mit der Fußballshow »ran«. Heute ist das Feld der Produzenten der Ware Bundesliga so bunt wie das damalige Outfit des ran-Moderators Reinhold Beckmann.

Die Rückkehr zum Status quo aus dieser Epoche hätte schon deswegen enormen symbolischen Wert, weil zwischen 1990 und 1999 fünf verschiedene Vereine Meister wurden. Seit 2013 ist die Liga von der Langeweile an der Spitze infiziert. Die Pandemie hat ihr das Versprechen abgerungen, mehr für ein nachhaltigeres Wirtschaften zu tun. Unter dieser Prämisse auch mehr Gerechtigkeit bei der wichtigsten Einnahmequelle walten zu lassen, wäre kein schlechtes Signal.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln