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»Das sind Verbrechen!«

Eine deutsche Durchschnittsfamilie: »Die Villa« von Hans Joachim Schädlich

Das Foto auf dem Schutzumschlag ist unscharf. Umrahmt von den Blättern großer Bäume, sieht man in dessen Mitte eine geöffnete Terrassentür im gleißenden Sonnenlicht. Die Villa selbst ist nur zu erahnen. Im Vordergrund eine kleine geschwungene Brücke. Wer mag in der Villa gewohnt haben? In seinem Buch »Die Villa« stimmt Hans Joachim Schädlich den Leser zunächst auf seine Schreibweise ein. Im »Prolog« zählt er beispielsweise die architektonischen Einzelheiten des 1890 gebauten Hauses auf. Nüchtern, wie in einem Architekturführer. Auch in den weiteren Abschnitten bleibt Schädlich beim Ton des Berichts. Zunächst kommt Elisabeth Kramer zu Wort: Eigentlich hätte sie mit Hans Kramer, den sie kurz zuvor kennengelernt hatte, gar nicht schlafen wollen. Sie wollte auch nicht heiraten, erzählt sie, sondern etwas »Soziales« lernen, aber ihr Vater war dagegen, weil »Mädchen ja doch heiraten«. Außerdem wollte sie keine Kinder, aber gleich nach dem ersten Mal wurde sie schwanger und heiratete Hans Kramer dann doch im April 1931. »Da war die Gerda, die Schwester von Hans, schlauer. Die war auf der SS-Bräuteschule. Die haben sie aufgeklärt. Die mußte nicht heiraten.«

Es ist, als hielte man das Familienalbum einer deutschen Durchschnittsfamilie in der Hand und bekäme zu jedem Foto eine kurze Geschichte erzählt. Zu dem Foto von Elisabeth und Hans Kramer zum Beispiel: »Mein ältester Bruder, der Alfred, hat gesagt: ›Dein Freund ist doch 'n Itzig.‹ Ich hab gesagt: ›Was ist denn das.‹ ›Na, ein Jude‹, hat er gesagt.« Aber Hans Kramer war kein Jude, hatte sich in den 1920er Jahren für die völkische Bewegung engagiert und war 1931 in die NSDAP eingetreten und Ortsgruppenleiter geworden. Aber das ist später. Vorher erzählt Schädlich noch die Geschichte der Eltern von Elisabeth und Hans, ihre Herkunft aus armen Verhältnissen, aus denen sie sich hochgearbeitet hatten. So, als hätte er in der Mitte des Familienalbums angefangen und dann zurückgeblättert. Aber er hat ja auch ausgewählt, was er zu jedem Foto, jedem Ereignis in der Familiengeschichte erzählt.

Es erinnert an die Dokumentarliteratur, wie sie in den 1970er Jahren en vogue war. Gleichzeit ist »Die Villa« aber etwas anderes. Schädlich montiert nicht nur geschickt die einzelnen Ereignisse der Geschichte der Familie Kramer; er kürzt sie auch kunstvoll, denn das Eins-zu-eins-Protokoll der Dokumentarliteratur hatte den Leser am Ende ermüdet. Die wichtigsten Wendepunkte im Leben der Kramers und der deutschen Geschichte werden hier zugespitzt geschildert. Hans Kramers Lokalkarriere in der NSDAP, sein Bruder, der der Euthanasie zum Opfer fällt. 1943 sagt er zu Elisabeth: »Die KZs. Stalingrad. Die vielen Toten. Das sind Verbrechen! Ich habe meine besten Jahre Verbrechern geopfert.«

Man spürt, dass Schädlich den Kommentar zur Lebensgeschichte der Kramers möglichst dem Leser überlassen wollte. Seine Auswahl an Ereignissen und Äußerungen der Familienmitglieder gibt hierfür nur die Richtung vor. Schädlich versucht, mit wenigen Worten ein möglichst komplexes Bild des Lebens dieser »ganz normalen« Familie zu zeichnen. Oft entspricht die Kürze der Beschreibung der Brutalität der Zeit und ihrer Zeitgenossen. Eine Brutalität, die in diesem gelungenen, spannend zu lesenden Buch einmal mehr zeigt, wie schwer es ist, aus der »Normalität« auszuscheren und Widerstand zu leisten. Und das nicht nur, wenn man das Pech hat, in eine Diktatur hineingeboren worden zu sein.

Hans Joachim Schädlich: Die Villa. Rowohlt, 19 S., geb., 20 €.

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