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Richtig in die Luft geht keiner

Der neue Flughafen BER wird jetzt auf seine Praxistauglichkeit geprüft - das Urteil fällen Komparsen

  • Von Tomas Morgenstern
  • Lesedauer: 6 Min.
Mehr als 7000 Koffer, vollgepackt mit nutzlosem Kram und alter Kleidung, hat ein Dienstleister für die Testläufe am BER angeliefert.
Mehr als 7000 Koffer, vollgepackt mit nutzlosem Kram und alter Kleidung, hat ein Dienstleister für die Testläufe am BER angeliefert.

Mittags nach Southampton in Südengland, am frühen Nachmittag aber zurück aus dem türkischen Antalya, wenig später wieder los nach Kittilä in Finnland, um bis spätestens 16 Uhr, dann aus Poznan, kommend auszuchecken. Unmöglich für eine Person zu schaffen? Nun ja, am BER ist derzeit fast alles möglich, und dabei öffnet Berlins neuer Hauptstadtflughafen erst in drei Monaten.

Birgit Meiser aus Berlin-Karlshorst, eine Frau mittleren Alters, sitzt im Wartebereich der Abflugzone und genießt durch die riesige Glasfront die Aussicht auf den markanten BER-Tower und das weite Flugfeld. Sie wirkt entspannt, obwohl es belastend sei, die ganze Zeit eine Maske zu tragen. Doch im gesamten Terminalgebäude gilt ein strenger »Corona-Codex« inklusive Maskenpflicht. Dass keines der draußen geparkten Flugzeuge, die dort schon seit Wochen auf bessere Zeiten warten, abheben wird, weiß sie natürlich.

Ausgestattet mit einer grünen Warnweste, zwei Scheinidentitäten, einem Tragebeutel mit BER-Logo sowie einem Verpflegungspaket, nimmt Frau Meiser an diesem Tag, gemeinsam mit rund 400 anderen Komparsen freiwillig an dem seit April auf dem BER laufenden Inbetriebnahmeprogramm teil. »Ich wollte das einfach mal ausprobieren«, sagt sie. »Ich war schon mal als Besucherin auf der Flughafenbaustelle, habe schon auf der Terrasse gestanden und wollte nun mal sehen, wie das hier drinnen ist.« Es sei schon schön, also »ganz okay«, auch weil es viel mehr Platz gebe als in den alten Berliner Flughäfen.

Ausprobieren, ob es wirklich funktioniert

Bei den Testern handelt es sich zum einen um rund 500 Flughafenmitarbeiter, die hier ihr künftiges Arbeitsumfeld kennenlernen sollen. Von besonderem Interesse aber sind zum anderen die Komparsen, Leute von außerhalb, die sich für die Teilnahme beworben haben. Mit unverstelltem Blick sollen sie ausprobieren, ob alle Abläufe auch wirklich so funktionieren, wie sich das die Planer gedacht haben.

Hinter Paul Hoppe, Koordinator des Orat-Programms am BER, und seinen Mitarbeitern liegen jetzt 25 von insgesamt 47 Probeläufen, die von Ende April bis Mitte Oktober zu absolvieren sind. Nun läuft der siebente mit Komparsen. »Wir wollen im Rahmen des Probebetriebs versuchen, den späteren Flugbetrieb am BER möglichst realitätsnah zu simulieren«, sagt er. Es gehe um die bestmögliche Vorbereitung der hier tätigen Nutzer - Flughafengesellschaft Berlin-Brandenburg (FBB), Bodenverkehrsdienste, Abfertiger, Airlines, Behörden und Dienstleister - wie auch darum, frühzeitig Schwachstellen auszumachen »In der laufenden Phase werden wir mit den Komparsen hauptsächlich Standardprozesse durchspielen«, so Hoppe.

Nächster Aufruf: Southampton

Im Wesentlichen klappt das, denn gemeinsam mit Birgit Meiser warten etliche »Passagiere« auf ihren Aufruf zum Boarding für Southampton. So gibt es das Skript vor, das FBB-Mitarbeiter am Morgen nach der Registrierung im Hauptterminal an jeden Teilnehmer dieser Gruppe ausgegeben haben. Hinter ihnen liegen da schon ein Briefing, die Ausstattung mit den unterschiedlichsten Gepäckstücken, Check-in in der Schalterhalle, Gepäckabfertigung, Bordkartenkontrolle und der sehr realitätsnahe Sicherheitscheck durch echte Bundespolizisten.

Manche der »Reisenden« hatten zusätzliche Sonderaufgaben zu erfüllen, um ungewöhnliche Szenarien zu erproben. Handzettel geben ihnen vor, was jedem Normalreisenden Alpträume verursachen würde: Visum bei Ausreise abgelaufen, fehlendes Visum bei Einreise, Ticket verloren, Haustier dabei. Auch wer ein scheinbar leichteres Los erwischt, verursacht gewollte Unruhe, erläutert FBB-Sprecher Daniel Tolksdorf. »Gerade stand auf einem Zettel: Sie wurden up-gegradet.« Auch ein paar künstliche Hindernisse sind eingebaut, verkürzte Check-in-Zeiten etwa, bei denen der eine oder andere Tester schon mal seinen »Abflug« verpasst.

Birgit Meiser, als »Reiner Apolzan« nach Southampton unterwegs, war bei durch ein abgelaufenes Visum aufgefallen, musste ihren Pass prüfen lassen und zum Gesichtsscanner. »Das war wie in den USA«, sagt sie.

Ob es die beste Wahl war, vom BER aus als erstes Reiseziel die Hafenstadt Southampton zu wählen, in der 1912 die »Titanic« zu ihrer Fahrt in den Untergang aufgebrochen war? Eher ist das Orat-Team bei der Erstellung seines täglichen »Flugplans« pragmatisch vorgegangen. Simuliert werden diesmal unter anderem auch Traumdestinationen wie Grenoble, Düsseldorf, Friedrichshafen, Poznan, Köln, Dubrovnik und Antalya. Jeder Tester muss während der real zur Verfügung stehenden viereinhalb Stunden zweimal die komplette Abflug-Ankunft-Prozedur durchlaufen. Alles am Boden, selbst das Boarding/Reboar᠆ding erfolgte in klimatisierten Reisebussen.

In der Empfangshalle sitzt Angela Misch aus Strausberg mit ihrer Tochter. Beide warten auf den Check-in, sie werden zunächst als »Saida Strele« und »Ravzza Roßbach« nach Hilversum in den Niederlanden fliegen. Beide haben den BER schon als Baustelle erlebt, die Mutter bei einer Bustour im Rahmen der Luftfahrtmesse ILA, die Tochter schon einmal als Komparsin, 2012 vor der damals gescheiterten Eröffnung. »Es ist ganz gut geworden, aber so richtig viel verändert hat sich zumindest in der großen Halle nichts«, sagt sie. Dirk Grabowski aus Moabit teilt das Reiseziel der beiden. Er lässt sich von einem Mitarbeiter vom Mobility-Service aus dem Rollstuhl helfen. »Auf meinem Skript steht der Name ›Kadja Matz‹ und ›PRM‹ - Menschen mit eingeschränkter Mobilität. Das bin ich ja«, sagt er, gestützt auf seinen Gehstock. »Ich wollte mal sehen, wie das hier läuft, wenn man mal einen Flug gebucht hat.« Es scheint zu passen.

Mobility-Team mit Gebärdendolmetscher

Die Leute am »Mobility-Counter« in ihren signalgelben Westen haben gut zu tun, denn es melden sich etliche Menschen mit Sehbehinderung oder eben auch Rollstuhlfahrer bei ihnen. »Wir haben auch Gebärdendolmetscher im Team«, erklärt Stationsleiter Robert Wyzilo. Der 31-Jährige arbeitet seit zehn Jahren am alten Flughafen Schönefeld. Am BER wird er sich die Counter-Leitung mit einer Kollegin teilen, die vom Airport Tegel kommt.

Im Check-in-Bereich und vor der Sicherheitskontrolle kommt es zu Staus. Hier müsse man das »Schlangenmanagement« besser in den Griff bekommen, sagt Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup, der kurz vorbeischaut. Den Schwachpunkt hat auch sein Leiter Operations, Patrick Muller, erkannt. »An der Sicherheitskontrolle hat man durchaus gesehen, dass es recht eng werden kann, wenn da 50, 60 Leute stehen«, sagt er. Auch an den beiden Übergepäckschaltern hakt es noch. Die Durchsagen sind oft zu leise.

Wer nach den Kontrollen auf den Marktplatz gelangt, ist meist irritiert. Das liegt, so Terminalmanagerin Katy Krüger, nicht nur daran, dass hier noch immer gebaut wird und keiner der 120 Läden oder Imbisse geöffnet hat. »Hier zeigt sich auch, dass die Beschilderung von Komparsen anders interpretiert wird, als wir es geplant hatten. Da müssen wir nachbessern«, sagt sie.

Birgit Meiser, die zuletzt als »Sainab Plate« in Poznan war und nun aus Antalya zurückkehrt, ist ganz zufrieden. »Ich glaube aber, ich sollte künftig von zu Hause aus einchecken. Es dauert ziemlich lange bei der Abfertigung, und es sind sehr lange Wege.«

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