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Kein Adelsroman im Arbeiterstaat

Das Stadtmuseum Gera widmet eine Sonderausstellung den Groschenheften in der DDR

So wie die Liebe ist auch das Leid ein großes Gefühl. Leutnant Berger litt. Ein Sowjetsoldat, mit dem der DDR-Offizier in Georg Redmanns Roman »Söhne« zu tun hatte, verweigerte ihm beharrlich die Anrede »Genosse«. Die Leser wussten um den Grund: Der Rotarmist erkannte in Berger den Sohn eines Wehrmachtssoldaten, der seinen Vater getötet hatte. Dann aber meisterten die beiden eine heikle Situation, bei der Berger verletzt wurde. Der sowjetische Kamerad besuchte ihn im Krankenhaus - und sprach ihn als »Genosse Berger« an. Dieser »lauschte dem einen, dem entscheidenden Wort nach«, heißt es im Roman: »Nun wusste er, dass er nicht mehr träumte.«

Matthias Wagner lacht: »Besser als jede Liebesgeschichte«, sagt der wissenschaftliche Mitarbeiter im Stadtmuseum Gera. Er hat unter dem Titel »Geliebt, gehasst, geduldet« eine Ausstellung über »Groschenhefte in der DDR« kuratiert, in der in einer Vitrine zwischen Stahlhelm und Klappspaten auch ein Exemplar von »Söhne« ausgestellt ist. Der Roman erschien als Nummer 58 in der »Kleinen Erzählerreihe«, einer von Dutzenden Reihen, die ab Mitte der 1950er Jahre wie Pilze aus dem Boden schossen. Manche Einzelhefte erschienen in einer Viertelmillion Exemplaren, insgesamt lag die Auflage allein 1966 bei zehn Millionen. Zeitweise war jeder zehnte literarische Titel, der in der DDR erschien, ein Groschenheft.

Zunächst hatte es diese Art Lesestoff im sozialistischen Teil Deutschlands nur als Import aus dem Westen gegeben - und zwar als hochgradig unerwünschten. Die Hefte mit den Pop-Art-Titelbildern und den reißerischen Geschichten, in denen nicht nur heiß geliebt, sondern auch viel geschossen wurde, galten als »Lehrbücher für Verbrecher« und »Schund- und Schmutzliteratur«, vor der es die Jugend zu bewahren galt. Eine Verordnung von 1955 verbot die Herstellung und Verbreitung. Ein schwarz-weißes Foto in der Ausstellung zeigt, wie Pioniere einer Berliner Schule Groschenhefte verbrennen - eine beklemmende Reminiszenz an Aufnahmen aus dem Jahr 1933. Solche Szenen, merkt Wagner an, habe es freilich auch in der Bundesrepublik gegeben.

Dann aber tauchten die bunten Hefte auch an DDR-Kiosken auf. Ob es dafür einer kulturpolitischen Direktive bedurft hatte, kann Wagner nicht sagen; die wissenschaftliche Forschung zum Thema ist bisher dürftig. Äußerlich waren die Groschenhefte Ost, die zwischen 25 und 45 Pfennige der DDR kosteten, von den West-Pendants nicht zu unterscheiden: viel Aktion in grellen Farben, »Bomben, Tod, Hölle, Schuss«, sagt Wagner. Auch im Heftinneren herrschte kein Mangel an Dramatik, wie die Titel ahnen lassen: »Krieg in der Wüste«, »Flucht aus Babylon«, »Tausend Dollar für eine Leiche«.

Wagner, der als Halbstarker selbst etliche solcher Hefte gelesen hat und die jetzige Ausstellung der Sammelleidenschaft eines Sachsen verdankt, sieht bei Groschenheften viele Parallelen zwischen Ost und West, aber auch auffällige Unterschiede. Arztserien gab es im Arbeiter- und Bauernstaat ebenso wenig wie Adels- oder Heimatromane. Generell stehen einzelne, omnipotente Helden à la Jerry Cotton im Osten selten im Mittelpunkt: »Das Leitbild war eher der kollektive Held«, glaubt Wagner. Wenige Ausnahmen gab es; Harri Kander etwa, der als fliegender Reporter rund um die Welt reiste und eine französische Freundin hatte. Die nach ihm benannte Serie brachte es freilich nur auf 15 Hefte. Eine andere Hauptfigur hieß, wenig exotisch, Hauptwachtmeister Schmidt.

Die Sujets der Groschenhefte waren vielfältig: Reiseabenteuer wie in »Gluthauch über Krakatau«; Indianergeschichten; utopische Stoffe, die zumindest anfangs einen enormen Zukunftsoptimismus ausstrahlten, sagt Wagner. Dazu kamen zeitgenössische, oft deutsch-deutsche Themen. In »Überfall auf den Zirkus« etwa wollen Schieber und Geschäftemacher edle Dressurpferde aus einem Zirkus in Ostberlin stehlen lassen. Drei Stallburschen scheinen sich zunächst einspannen zu lassen, was auch an den Versuchungen des Westberliner Nachtlebens liegt. Am Ende siegt das Gute. Die Geschichte wirkt reichlich klischeehaft, basiert aber auf Tatsachen, wie ein Ausschnitt aus der »Neuen Berliner Illustrierten« mit der Überschrift »Chicago? Westberlin!« zeigt. Auch andere Geschichten wurden augenscheinlich mit erhobenem Zeigefinger verfasst. Zu vordergründig durfte die propagandistische Intention freilich nicht sein. Heftreihen wie »Der junge Patriot« oder »Für Volk und Vaterland«, bei denen das der Fall war, hielten sich nur kurz: »Die sind sicherlich nicht gut gelaufen«, sagt Wagner.

Generell versprachen die selten mehr als 60 Seiten starken, nur mit Metallklammern gehefteten Romane, die an Zeitungskiosken und nicht im Buchhandel vertrieben wurden, vor allem eines: flotte Unterhaltung. Ausschließlich um Trivialliteratur handelte es sich freilich nicht. In die Reihen wurden regelmäßig auch Werke von Autoren wie Balzac und Zola, Turgenjew, Tolstoi oder Jules Verne eingestreut, wohl in der Hoffnung, dass die Leser dadurch an vermeintlich höhere Literatur herangeführt werden. Gleichzeitig schrieben renommierte DDR-Schriftsteller wie Erwin Strittmatter oder Anna Seghers für derlei Heftreihen: »Das hatte nichts Anrüchiges«, sagt Wagner. Auch Erich Loest verfasste regelmäßig Heftromane, allerdings unter Pseudonym. Unter den Illustratoren finden sich bekannte Künstler wie Manfred Bofinger und Hans Ticha. Weit prägender für die Reihen war ein Mann wie Karl Fischer, der 420 der insgesamt 2100 DDR-Groschenhefte illustrierte.

Die Frage, welche Rolle diese insgesamt im »Leseland« DDR spielten, ist weitgehend offen. Die Literaturwissenschaft ließ den Groschenroman Ost bisher links liegen, abgesehen von einem 1984 in Köln erschienenen Band über »Das kleine Massenmedium«, der unter anderem den Schluss nahelegt, dass die Hefte jedenfalls nicht in die Kategorie »Sex & Crime« fallen: Die Autorin schätzt die Stoffe als puritanisch und prüde ein. Dennoch scheinen sie nach wie vor gefragt. Selbst ein Titel wie Georg Redmanns »Söhne« wird heute in Antiquariaten nicht mehr für 25 Ost-Pfennige gehandelt, sondern für 28 Groschen West.

»Geliebt, gehasst, geduldet. Groschenhefte in der DDR«, bis 18. Oktober, Stadtmuseum Gera, Museumsplatz 1, Gera.

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