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Rekordverlust auf den Schienen

Rückgang der Fahrgastzahlen und im Güterverkehr sorgt für bisher stärkste Krise bei der Deutschen Bahn

  • Von Hans-Gerd Öfinger
  • Lesedauer: 3 Min.
Fast leere Bahnsteige im Hauptbahnhof Frankfurt am Main
Fast leere Bahnsteige im Hauptbahnhof Frankfurt am Main

Die Deutsche Bahn (DB) hat die ersten sechs Monate dieses Jahres mit einem operativen Verlust in Höhe von 1,8 Milliarden Euro abgeschlossen. Eine weitere schwere Belastung geht von der Konzerntochter Arriva aus, für die eine Sonderabschreibung von 1,4 Milliarden Euro vorgenommen wurde. Unterm Strich liege das Ergebnis im ersten Halbjahr nach Steuern bei einem Verlust von 3,7 Milliarden Euro, wie Konzernchef Richard Lutz am Donnerstag bei der Vorstellung der Halbjahresbilanz mitteilte.

»Das Virus hat unseren erfolgreichen Wachstumskurs jäh ausgebremst und die DB in die schlimmste finanzielle Krise seit ihrem Bestehen gestürzt«, sagte der Bahnchef. Gleichzeitig habe sich gezeigt, dass die DB auch in schwierigen Zeiten verlässlich Mobilität und Logistik aufrecht erhalte und damit »systemrelevant« sei. Nach den Lockerungen der Pandemiemaßnahmen und in der aktuellen Urlaubssaison seien die Fahrgastzahlen inzwischen wieder deutlich gestiegen.

Im ersten Halbjahr 2020 sackte der Umsatz des DB-Konzerns im Vergleich zum entsprechenden Zeitraum 2019 um 11,8 Prozent auf 19,4 Milliarden Euro ab. Die Zahl der Fahrgäste im Nah- und Fernverkehr schrumpfte um 37 Prozent, im April betrug der Rückgang im Fernverkehr sogar 88 Prozent. In der Gütersparte DB Cargo fiel die Verkehrsleistung um 13 Prozent. Hier konnte der verstärkte Transport von Lebensmitteln und Pandemieartikeln bei weitem nicht den Einbruch wettmachen, der vom Stillstand in Schlüsselindustrien ausging. Die Pünktlichkeit im Fernverkehr habe mit 83,5 Prozent den höchsten Halbjahreswert seit zwölf Jahren erreicht, freute sich Lutz.

Die Verschuldung der DB liege derzeit bei 27,5 Milliarden Euro und werde auch bis Jahresende etwa auf diesem Niveau verharren, so DB-Finanzchef Levin Holle. Eine finanzielle Achillesferse ist die Auslandstochter Arriva mit Sitz im englischen Sunderland. Sie betreibt in 14 Ländern Europas Bus- und Bahnnetze und war 2010 unter Mitwirkung des damaligen DB-Finanzchefs Richard Lutz aufgekauft worden, um den Anspruch der DB auf einen Rang als »Global Player« zu unterstreichen. Pläne zum Verkauf an finanzstarke Investoren wurden durch den Brexit und die Corona-Einbrüche jäh ausgebremst. Man werde die »strategische und personelle Aufstellung« von Arriva verändern und strebe weiterhin eine Trennung von der Auslandstochter an, so Holle. Klaus-Dieter Hommel, designierter neuer Chef der DGB-Bahngewerkschaft EVG, forderte den DB-Vorstand auf, umgehend eine »tragfähige Strategie zur Überwindung der Coronabedingten wirtschaftlichen Schäden im Unternehmen« zu entwickeln. Gefragt seien dabei »Geschäftsmodelle, die auch unter dauerhaft veränderten Bedingungen Mobilität auf der Schiene und im Bus gewährleisten« und einen wirtschaftlichen Betrieb ohne Stellenabbau ermöglichten, so Hommel, der auch im DB-Aufsichtsrat sitzt. Die EVG hatte Ende Mai gemeinsam mit DB-Vorstand, Bundesregierung und DB-Konzernbetriebsrat ein »Bündnis für unsere Bahn« ins Leben gerufen und eine entsprechende Erklärung unterschrieben, die vor dem Hintergrund der Finanzkrise des Konzerns auch tarifliche Zugeständnisse und Lohnopfer der Beschäftigten in Aussicht stellt.

Bahnchef Lutz sagte, dass man bei der geplanten Einsparung von Personal- und Sachkosten in Höhe von vier Milliarden Euro bis 2024 jetzt »in der Untermauerung und Konkretisierung unterwegs« sei und »irgendwann zu passender Zeit« auch mit der Lokführergewerkschaft GDL darüber reden werde. Die GDL ist dem »Bündnis für unsere Bahn« nicht beigetreten. Unabhängig von möglichen Lohnsenkungen werde man jedoch die begonnene »Rekrutierungsoffensive« fortsetzen und stehe zu Rekordinvestitionen in Infrastruktur und Fahrzeuge, betonte Hommel. So habe es allein im ersten Halbjahr 19 000 Zusagen an künftige neue Mitarbeiter gegeben.

»Die jährlichen Zahlungen der DB für den Schuldendienst, also Zins und Tilgung, werden im laufenden Jahr bereits höher als eine Milliarde Euro liegen«, bemängelt das privatisierungskritische Aktionsbündnis Bahn für Alle und fordert ein Ende der anhaltenden Verschuldungspolitik der DB. Eine weitere Kernforderung des Bündnisses sind ein voller Ausgleich der krisenbedingten Einnahmeausfälle der Bahn durch den Bund.

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