Algarve in Portugal

Auf Eselrücken ins Hinterland

Die Algarve zählt zu den familienfreundlichsten Regionen Portugals. Neben hohen Klippen und einsamen Buchten wartet das Land abseits des Meeres auf kleine und große Entdecker.

Von Marc Vorsatz

Der ist ja riesig«, ruft Marc Robin entsetzt und geht instinktiv auf Abstand. »Nein danke!« Naja, groß ist er ja wirklich, der Esel. Zumindest im Vergleich zu dem Kleinen im zarten Alter von drei Jahren. Ein klarer Fall für Eseltrainerin Lucília Rodrigues: »Erst einmal vertrauensbildende Maßnahmen ergreifen. Den Jungen in den Arm nehmen und dann langsam annähern«, erklärt sie der skeptischen Mama. »Auf Augenhöhe sozusagen. Vorsichtig beschnuppern, streicheln. Und schlussendlich das tun, was jedes störrische Eselherz wie Butter in der Sonne Portugals dahinschmelzen lässt: Sein Fell bürsten!« Nach ein paar Minuten Körperpflege ist Marc Robins Angst verflogen. Der Respekt bleibt.

Über Stock und Stein

Schon kann es losgehen. Die Erwachsenen eskortieren den Nachwuchsreiter links und rechts. Man kann ja nie wissen, denn obwohl der Esel gemütlich dahintrottet, schaukelt es mitunter ganz schön da oben im Sattel. Über Stock und Stein führt der Weg durch das hügelige Hinterland der Algarve, das kaum einer der Strandanbeter je zu Gesicht bekommt. Vorbei an grünlich-braunen Tümpeln und blau-leuchtenden Libellen, goldgelben Feldern, windschiefen Pinien und knochigen Olivenbäumen, von denen einige sicher schon ein paar Jahrhunderte auf dem Buckel haben. Nicht ganz so alt sind die imposanten Korkeichen, die hier alle neun bis zwölf Jahre entrindet werden und den besten Kork der Welt liefern, wie zumindest die Portugiesen sagen.

Piri-Piri

Ganz sicher spenden die Bäume aber Schatten für ein Picknick mit Spezialitäten der Gegend: Lucília hat frisch gebackenes Maisbrot, luftgetrocknete Wurst und Schinken vom schwarzen Iberischen Schwein, aromatischen Schafskäse in Meersalzlake und selbstgemachte Limonade mitgebracht. Einfach lecker. Die Krönung ist jedoch das Piri-Piri-Hähnchen. Erfunden von einem Portugiesen: José Carlos Ramirez. 1964, im nahegelgenen Guia, zwischen Burro Ville und der atemberaubenden Küste. Sein Restaurant serviert bis heute das scharfe Geflügel.

Wer von all diesen und anderen lokalen Köstlichkeiten nicht genug bekommen kann, ist auf dem Markt im historischen Städtchen Loulé goldrichtig. Da, wo auch die Einheimischen einkaufen und wo niemand erpicht auf Souvenirs aus China ist. Soll es vielleicht ein malzig-aromatischer Carob sein? Das ist der dunkle Honig vom Johannesbrotbaum, den einst die Mauren ins Land brachten. Inzwischen längst eine Spezialität der Gegend. Oder lieber eingelegte Oliven? Leicht fruchtig, zartbitter, mit Petersilie, gleich aus dem Fass? Oder doch lieber etwas Handfestes? Die Designerin Sandra Louro verkauft vom Untersetzer über Brieftaschen bis zum Sessel ausschließlich Selbstentworfenes. Der Clou ihrer Schmuckstücke ist jedoch das Material: Alles wird aus dem Kork der heimischen Eichen hergestellt. Schöne Idee. Nicht ganz so handfest, aber genauso lokal sind die veganen Kosmetika und Olivenölseifen von Julie Pinto. Die mit Lavaerde und Wacholder zum Beispiel, oder mit Lavendel. Wenn die genauso gut sein sollten, wie sie riechen, werden sie der Haut schmeicheln.

Swimmingpool mit Regenwasser

Das Seifenkochen hat die Französin Pinto in Brüssel und Paris gelernt. Ehemann Marco steckte in der Stadt der Liebe in einer typischen Karrierefalle, 70-Stundenwoche, oft mehr, immer im Stress. »Nicht gut für eine Beziehung, gar nicht gut für eine Familie«, erinnert sich Julie. »Immer öfter stellten wir uns damals die Sinnfrage, hängten schließlich unser Großstadtleben an den Nagel und zogen hierher an die Algarve.« Aus einem heruntergekommenen Bauernhof zimmerten die beiden ein kleines Bed & Breakfast mit viel Liebe zum Detail. Aus Esel- und Schweinestall wurden zwei Gästezimmer. »Wir kochen und essen ausschließlich vegetarisch«, erklärt Julie ihr ganzheitliches Konzept. »Und unseren Swimmingpool aus Naturstein befüllen wir im Winter mit Regenwasser aus den Bergen und das Schilf reinigt es rein biologisch ohne irgendwelche Chemie.« Wirklich sinnvoll in einer Gegend, die in den heißen Sommern knochentrocken werden kann.

Blutrünstige Drachen

Die Kombination aus ein paar Tagen ruhigem Landleben mit entspannten Wanderungen und klassischem Strandurlaub an der atemberaubenden Atlantikküste scheint gerade bei Städtern immer beliebter zu werden. Denn egal wie schön es im traditionellen Hinterland auch sein mag, wer nicht wenigstens ein paar Tage am wilden Atlantik verbracht hat, war nicht wirklich an der Algarve, sagt man. Und der letzte Zipfel des Landes ist ein perfekter Anfang zum Erkunden »der schönsten Küste Europas«, wie sie von den Portugiesen genannt wird. Ein Zipfel, der Maßstäbe setzt: Cabo de São Vicente! 60 Meter ragen die Felsen hier senkrecht aus dem Meer, meterhohe Wellen brechen am Fels. Mythen ranken sich um das geheimnisvolle Kap: Es soll einst Schlafplatz der Götter gewesen sein, Menschen war der Aufenthalt nach Einbruch der Dunkelheit verboten. Und der mit Steinen beschwerte Leichnam des gefolterten Märtyrers Vinzenz von Valencia soll im 4. Jahrhundert auf wundersame Weise hier gestrandet sein. Nach ihm wurde das Kap benannt, er ist bis heute der Schutzpatron Portugals.

Auf jeden Fall galt der Fels in der tobenden Brandung ewig als das Ende der Welt. Dort, wo Abend für Abend die glutrote Sonne im Meer versank und das furchterregende Reich blutrünstiger Drachen und Seeungeheuer begann.

Thüringer Bratwürste

Diese fleischfressenden Monster würden heute womöglich gern an Land gehen und Wolfgang und Petra Bald einen Besuch abstatten. Denn auf deren Grill duftet es immer so himmlisch nach Original Thüringer Rostbratwürsten mit Kümmel, ein Schmöllner Rezept. Seit einem Vierteljahrhundert betreiben die beiden nun schon den berühmtesten Imbiss ganz Portugals. Die »Letzte Bratwurst vor Amerika« steht längst in jedem Reiseführer.

Durch diese Guides zieht sich fast wortgleich die Empfehlung, man müsse das Kap Sankt Vinzenz unbedingt bei Sonnenuntergang erleben, den man sich dann allerdings leider mit Hunderten anderer Schaulustiger zu teilen habe. Letzteres stimmt, ersteres nicht. Denn das Kap mit seinem imposanten Leuchtturm strahlt am faszinierendsten im wärmenden Licht der frühen Morgensonne, also vor der ersten Thüringer des jungen Tages. Dann ist dort kein einziger Mensch weit und breit zu sehen. Höchstens Wolfgang und Petra, die ihren Grill anheizen.

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