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Tempolimit

Das Auto als Möbelstück

Frédéric Valin inspiziert die liberale Geschwindigkeitsliebe

Von Frédéric Valin

Recht rätselhaft scheint auf den ersten Blick der Furor, mit dem Liberale gegen Geschwindigkeitsbegrenzungen auf deutschen Autobahnen agitieren. Ulf Poschardt hat ein komplettes Buch über Mündigkeit und Freiheit geschrieben, das im Grunde vor allem eine einzige Sammlung von Automobil-Metaphern ist. Ständig geht es um das Erleben seiner selbst in der Gefahr, und an zentraler Stelle heißt es: »Schönheit ist wichtiger als die Moral, wenn es der freie Weg sein soll. Und alles kann schön sein.« Anders gesagt: Im modernen Liberalismus hat das Gefühl den Gedanken abgelöst.

Ist das einfach nur vulgär? Eine infantil-egomane Trotzreaktion? Auch; allerdings fehlt ihr völlig der Charme des Spontanen, den kindliche Eingeschnapptheit normalerweise in sich trägt. Der Liberalismus hat sich völlig in die von vornherein schiefe Metapher verbohrt, dass das Auto die Inkarnation von Freiheit sei. Unzählige Filme, Werbeanzeigen und Bilder haben diesen Mythos genährt.

Paul Virilio stellte in seinem Essay »Rasender Stillstand« von 1990 fest, es sei ein Irrtum, das Auto als Weiterentwicklung der Kutsche zu lesen; tatsächlich sei es ein »mobiler Sessel«. Das gilt heute doppelt, da jeder Automobilhersteller zuallererst auf Sicherheit und Komfort setzt. Wozu eine Karre mit 700 PS und Spitzengeschwindigkeiten knapp unter 300 Stundenkilometern, wenn man im Inneren des Autos von dieser Geschwindigkeit so gut wie nichts mehr spürt?

Wozu durch die Serpentinen bewaldeter Berglandschaften gurken, wenn man sich per Klimaanlage sein ganz eigenes Binnenklima schaffen kann? Wer sich in Gefahr begeben will, fährt Kleinstwagen: Da ist der Thrill am größten, dass wenn etwas passiert, einem auch tatsächlich etwas passiert. Und erst wenn die Klimaanlage klemmt und man genötigt ist, das Fenster herunterzukurbeln, bekommt man von seiner Umwelt mehr mit als die Postkartenidylle, die ein hochpreisiger Panoramafernseher ohnehin viel besser abbilden würde.

Man muss sich das Auto also nicht als Fortbewegungsmittel vorstellen, sondern als Möbelstück. Das ändert fundamental den Blick auf die Umgebung: so herum gedacht ist die Welt nicht mehr Teil einer ungewissen Weite, sondern wird zum ausgedehnten Wohnzimmer. Der freiheitsliebende, die Welt erobernde Cowboy, den der moderne Liberalismus Poschardt’scher Prägung imaginiert, ist nichts weiter als ein Pantoffelheld. Das ahnt er, will es aber nicht sein: Deswegen ist er trotzig. Und das ist sein ganzes Geheimnis.

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