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Potsdamer Konferenz

Verordneter Antifaschismus

Die Beschlüsse der Potsdamer Konferenz der Alliierten vor 75 Jahren.

Von Stefan Bollinger

Moskaus Tischler waren innovativ und eifrig. Die Staatsführung hatte ihnen einen Sonderauftrag erteilt - einen runden Tisch mit über drei Metern Durchmesser zu fertigen. Für ein historisches Ereignis. Die pflichtbewussten Handwerker schaffen es pünktlich: Rechtzeitig trifft ihr Werk im Potsdamer Schloss Cecilienhof ein. Dort wollen die »Großen Drei« der Anti-Hitler-Koalition, der britische Premier Winston Churchill, der sowjetische Partei- und Staatschef Josef W. Stalin sowie der US-amerikanische Präsident Harry S. Truman, ihren militärischen Sieg über Nazideutschland politisch untermauern, eine Neuordnung Europas beschließen und die Reparationsfrage klären.

Ab dem 17. Juli 1945 tagt man in dem im englischen Landhausstil Anfang des 20. Jahrhunderts errichteten letzten Schlossbau der Hohenzollern. Die Wahlen in Großbritannien sorgen für eine Umbesetzung am Verhandlungstisch in Cecilienhof; Clement Attlee nimmt den Sitz des abgewählten Premiers Churchills ein. Über dem Tagungssaal schwebt die Vision einer Weltfriedensordnung, wie sie die Repräsentanten der 50 Staaten proklamiert haben, die einen Monat zuvor in San Francisco die Vereinten Nationen ins Leben riefen - »künftige Geschlechter vor der Geißel des Krieges zu bewahren, die zweimal zu unseren Lebzeiten unsagbares Leid über die Menschheit gebracht hat«. Die Führer der Hauptsiegermächte mochten in nachdenklichen Momenten diese Intention ernsthaft geteilt haben, doch wurden sie nach den Freudenfeiern über den gewonnenen Krieg rasch wieder von der nackten gesellschaftlichen Realität in ihren Heimatländern eingeholt. Materielle Zerstörung und menschliche Verluste waren unterschiedlich groß. Die »Drei« wussten sehr wohl um Friedenswillen und Friedenssehnsucht ihrer Völker, aber ebenso um den Vorteil sieghafter militärischer Gewalt. In den Verhandlungen ging es auch um Macht und Einfluss in der Nachkriegsordnung. Vor allem jedoch darum, dass von deutschem Boden nie wieder ein Krieg ausgehe.

»Die Alliierten wollen dem deutschen Volk die Möglichkeit geben, ... sein Leben auf einer demokratischen und friedlichen Grundlage von Neuem wiederaufzubauen«, wurde versprochen. Faschistischer Ungeist sollte ausgemerzt und die ökonomischen Strukturen, die den Aufstieg der Nazis befördert hatten, sollten zerschlagen werden. In die Annalen der Geschichte gingen die Forderungen der »Großen Drei« als die »Vier D« ein: Denazifizierung, Demilitarisierung, Demokratisierung, Dezentralisierung. Ein fünftes »D« kam hinzu, vor allem in der sowjetischen Besatzungszone: die Demontage.

Bereits am 5. Juni 1945 hatten die drei Mächte unter Zustimmung Frankreichs die Eckpunkte ihrer Nachkriegsneuordnung festgeschrieben: Die alliierten Siegermächte übernehmen mittels Kontrollrats die oberste Regierungsgewalt über Deutschland, sie agieren in ihren vier Besatzungszonen auf eigene Verantwortung, stimmen sich aber eng ab. Und: Deutschland wird nicht geteilt.

Die am Tisch fehlten

Das am 2. August 1945 verabschiedete Potsdamer Abkommen artikulierte in aller Deutlichkeit: »Der deutsche Militarismus und Nazismus werden ausgerottet, und die Alliierten treffen nach gegenseitiger Vereinbarung ... auch andere Maßnahmen, die notwendig sind, damit Deutschland niemals mehr seine Nachbarn oder die Erhaltung des Friedens in der ganzen Welt bedrohen kann.« Angekündigt wurde die strafrechtliche Verfolgung von Kriegsverbrechen. Angeordnet wurde, »das deutsche Wirtschaftsleben zu dezentralisieren mit dem Ziel der Vernichtung der bestehenden übermäßigen Konzentration der Wirtschaftskraft, dargestellt insbesondere durch Kartelle, Syndikate, Trusts und andere Monopolvereinigungen«. Klar war: Für eine unbestimmte Zeit bestimmen die Sieger, die Deutschen haben das Recht, über ihr eigenes Schicksal zu verfügen, vorerst verwirkt.

Aber auch andere blieben bei den Entscheidungen außen vor. Nicht am Verhandlungstisch saßen Frankreich, China und Polen. Paris bekundete im Nachhinein Zustimmung; Warschau wurde zeitweise konsultiert, als es um die Grenzen im Osten ging. China stand noch im Krieg gegen den japanischen Aggressor und vor dem Wiederaufflammen des Bürgerkriegs. Die Republik im Fernen Osten bekannte sich zu den Zielen der »Großen Drei« und erwartete die Erfüllung des sowjetischen Versprechens, nach dem Sieg in Europa in den pazifischen Krieg einzugreifen.

Keinerlei Stimme am runden Tisch in Cecilienhof hatten die Deutschen; es gab keine gewählten Vertreter, politische Repräsentanten wurden nicht gesucht. Den Deutschen sollte der Faschismus ausgetrieben werden, Reeducation - so der US-amerikanische Begriff für »Umerziehung« - war angesagt. In der Konsequenz handelten die Besatzungsmächte unterschiedlich. Während die Sowjetunion die deutschen Kommunisten noch vor der Potsdamer Konferenz zur gesellschaftlichen Umgestaltung heranzog, auch andere Parteien und die Gewerkschaften wieder zuließ, sollte dieser Schritt in den Westzonen deutlich später erfolgen. Die Westmächte empfanden die besiegten Deutschen offenbar stärker faschistisch infiziert und für eine neue Ordnung unreif als die sowjetische Besatzungsmacht.

Konturen neuer Konflikte

Es ging in Potsdam auch um die Wiedergutmachung für die von Wehrmacht und SS betriebenen Verheerungen in den besetzten Ländern. Hier meldete vor allem die Sowjetunion, aber auch Polen Ansprüche an, während die Westmächte aufgrund geringerer Schäden, und durch die Erfahrungen des Versailler Friedensvertrags nach dem Ersten Weltkrieg belehrt, zurückhaltender waren. Moskau und Warschau beanspruchten Gebiete jenseits von Oder und Neiße. Die Polen drängten auf eine Westverschiebung der Grenze, da die Kremlführung ehemals zum russischen Zarenreich gehörende Territorien im Osten wieder unter ihre Kontrolle nahm. Dass eine Entscheidung für die »ordnungsgemäße und humane« Überführung der Deutschen aus den Ostgebieten bei diesen selbst auf wenig Verständnis stieß, mag aus Sicht der Betroffenen nachvollziehbar sein, übersah aber das Leid, das Deutsche, nicht allein die NS-Führungselite, über die polnische und sowjetische Bevölkerung gebracht hatten.

Das betrifft auch die Reparationen, auf die Moskau bestand, und die sie (auch zugunsten Polens) durchsetzte. Allerdings hatte Moskau die Deutschen aller Besatzungszonen »zur Kasse« bitten wollen, letztlich jedoch wuchsen sich Demontage und Reparationen zu einer Dauerlast für die Deutschen nur in der Sowjetischen Besatzungszone aus.

Die zerbröselnde Koalition

Die Beschlüsse von Potsdam - wie auch zuvor des Treffens der »Großen Drei« in Jalta im Februar 1945 - sahen nicht vor, das deutsche Volk zu vernichten oder zu versklaven. Es sollte aber für »die furchtbaren Verbrechen büßen«. Die Siegermächte und politisch aktiven Antifaschisten im Lande wollten dem deutschen Volk die Chance zu einem demokratischen, antifaschistischen Neubeginn eröffnen, auf dass es nach dem Abschluss eines Friedensvertrages gleichberechtigt in die Völkergemeinschaft zurückkehren könne.

In den ersten zwei Jahren nach dem Krieg hielt der alliierte Konsens weitgehend, auch wenn die Siegermächte und deren Besatzungsoffiziere in den jeweiligen Besatzungszonen unterschiedlich konsequent handelten und sich aufgrund konträrer ideologischer und sozialpolitischer Ausrichtung bereits eine neue Konfrontation abzeichnete. Die sowjetische Besatzungsmacht drängte auf eine möglichst prosozialistische Entwicklung. Aber auch in den westlichen Besatzungszonen wie in Westeuropa überhaupt war ein Linksruck zu verspüren, wurden antikapitalistische Forderungen laut. Kommunisten saßen in Regierungen und Verwaltungen. Und Churchill war von Labour abgelöst worden.

Aufmerksame Verfolger der Verhandlungen in Cecilienhof konnten ahnen, dass die Harmonie bald vorbei sein würde. Das war weniger den individuellen Zügen, Charisma oder Arglist der »Drei« geschuldet, als vielmehr ideologischen Differenzen und konträren Machtinteressen. Eingriffe in Eigentumsformen stellten die kapitalistische Ordnung infrage, was in den Westzonen nicht gewünscht war. Eine Bemerkung von Truman gegenüber Stalin am Rande der Verhandlungen, keineswegs nebensächlich, kam sogar einer Kriegserklärung gleich. Der US-Präsident ließ den Generalissimus wissen, dass sein Land im Besitz einer neuen Waffe sei: der Atombombe.

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