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Omas gegen Corona-Leugner

Seit Jahren engagieren sich rund 30 ältere Frauen im Kampf gegen Rechtsextremismus – so auch am Samstag

  • Von Philip Blees
  • Lesedauer: 4 Min.
Endlich wieder Zeit für Antifaschismus – aber trotzdem zu wenige gegen Tausende rechtsoffene Verschwörer: Omas gegen Rechts am 1. August in Berlin.
Endlich wieder Zeit für Antifaschismus – aber trotzdem zu wenige gegen Tausende rechtsoffene Verschwörer: Omas gegen Rechts am 1. August in Berlin.

»Alerta, Alerta, die Omas, die sind härter«, tönt es aus dem Megafon des Gegenprotests, als am Samstag nach Polizeiangaben rund 20 000 Demonstrant*innen durch Berlins Mitte ziehen, um gegen das vermeintliche »Corona-Regime« zu protestieren – unter ihnen zahlreiche Rechte, Impfgegner und Verschwörungsideologen. Gleich mehrere Veranstaltungen stellen sich zeitgleich gegen diese Parade der Menschenfeinde.

So auch vor dem Museum für Kommunikation an der Leipziger Straße, wo direkt an der Route der rechtsoffenen Demonstration die »Omas gegen Rechts« eine Kundgebung angemeldet haben. Eine von ihnen ist Annette Gardemann. Am Vormittag ist die 59-Jährige mit bunter Hose und einem großen roten Hut noch gut drauf. Mit einem Lachen auf den Lippen erreicht sie vor der angekündigten Uhrzeit den Aktionsort. Sie streift sich die weiße Weste mit dem »Omas gegen Rechts«-Logo über und packt sofort an – es müssen noch mehr Schilder aus einem Auto geholt werden.

»Ich habe hier meine politische Heimat gefunden«, erzählt Gardemann, die zwar Mutter von drei erwachsenen Kindern, aber noch keine Oma ist. Seit Herbst 2018 beteiligt sie sich aktiv in der Gruppe, die aus rund 30 älteren Damen besteht und oft Proteste in Berlin unterstützt, aber auch selbst organisiert. Heute werden sie von einem SPD-Ortsverband mit Wasser und Schirmen versorgt. Die Distanz zu Parteien ist Gardemann trotzdem wichtig.

Man sei überparteilich, aber parteiisch mit Unterdrückten und Marginalisierten, sagt sie.
Der erste politische Erfolg der Gruppe war eine Aktion an der Gedächtniskirche gegen Nikolai Nerling, der als selbsternannter »Volkslehrer« rechtsextreme Videos produziert und übers Internet verbreitet. Damals habe sich die Kirche mit ihnen solidarisiert und während der vierstündigen Kundgebung durchgehend die Glocken geläutet, berichtet Gardemann. Der Rechtsextreme habe »keinen Fuß auf den Boden« bekommen.

Am Samstag sucht man zumindest Nerling in der riesigen Menge der Corona-Leugner*innen vergebens. Nur ein Clip im Internet zeigt, wie er den Pressesprecher der Demonstration zum »Tag der Freiheit« umarmt. Das erzürnt die Omas allerdings nicht am meisten: Mehr als zwei Stunden läuft die rechtsoffene Kundgebung an ihrem Protest vorbei. Durchgehend stehen Annette Gardemann und ihre Genossinnen am Megafon und stimmen Parolen an. Doch nach einer Zeit ist es auch ihnen zu viel: »Ich bin am Boden zerstört«, sagt Gardemann am Nachmittag. Der endlos wirkende Zug mit Verschwörungsanhängern hinterlässt bei ihr ein mulmiges Gefühl.

Das sehen auch andere so. »Es ist alles dabei«, sagt Élodie Arnauld vom Berliner Bündnis gegen Rechts. Sie hat schon Hooligans herumstreifen sehen, aber auch Personen, die eher schwäbischen Touristen ähnelten. Einige von ihnen hätten Antifaschist*innen bei der Vorbereitung ihrer Kundgebung am Brandenburger Tor angepöbelt. Zeitweise sei es sogar so schlimm gewesen, dass man überlegt habe, die antifaschistische Veranstaltung vorzeitig abzubrechen, sagt Arnauld zu »nd«.

Das macht auch ihr Sorgen: »Wenn ich mir das hier so ansehe, müssen wir wohl bald wieder auf dem Rosa-Luxemburg-Platz stehen.« Dort habe man in den letzten Wochen erfolgreich gegen die sogenannten Hygiene-Demos protestiert, die eigentlich bereits auf dem absteigenden Ast waren. Durch den Mobilisierungserfolg vom Samstag befürchtet Arnauld nun einen erneuten Aufschwung der Bewegung. Beunruhigend sei vor allem die Offenheit, mit der Rechte hier ihren Antisemitismus verbreiten können – unter dem Deckmantel der Bürgerrechte.

Ungefährliche Spinner? Analyse der Verschwörungsdemo

Auch Annette Gardemann ist wütend: »Ich habe die Leute sterben sehen«, sagt die Krankenpflegerin, die mit intensivbetreuten Kindern arbeitet. In ihrer Einrichtung sind schon vorerkrankte Kinder an dem Coronavirus verstorben. Schon deshalb machen sie die Demonstrant*innen gegen die Eindämmungsmaßnahmen wütend. Wissenschaftliche Erkenntnisse würden von diesen Verschwörungsideologen vollkommen abgelehnt, sagt Gardemann.

Wie alle »Omas gegen Rechts« gehört auch Gardemann zur sogenannten Risikogruppe. Das spielt für sie ebenso eine Rolle wie ihr Geschlecht. Sie weiß, wer die Care-Arbeit in Haushalt und Beruf macht: »Das sind Frauen!« Viele Mitglieder der Gruppe hätten ihre politische Überzeugung lange Zeit hinten angestellt, da sie Hausarbeit erledigen mussten und zusätzlich auch noch einen Beruf ausübten. Nun – als Oma – können sie wieder politisch agieren und ihre Meinung sagen. Und das tun sie auch.

Nach dem Marsch durch Mitte, der wegen der fehlenden Einhaltung der Hygienemaßnahmen vorzeitig vom Veranstalter abgebrochen wurde, sammeln sich die Corona-Leugner auf der Straße des 17. Juni. Das Szenario vor der Bühne der Abschlusskundgebung gleicht einem Festival der Verschwörungstheorien. Kurz nach 17 Uhr wird auch diese Veranstaltung von der Polizei aufgelöst, da die Veranstalter die Auflagen zum Abstandhalten und Tragen des Mund-Nase-Schutzes nicht durchsetzen. Dem folgt allerdings kaum ein Teilnehmer.

Fassungslos sitzt Annette Gardemann am Nachmittag in einem Klappstuhl im Schatten und macht erst einmal Pause. Sie ist enttäuscht von der Antifa, wenige waren heute gegen den Aufmarsch auf der Straße. Jetzt müsse man »die Spreu vom Weizen trennen« und die Verirrten auf der Demo davon überzeugen, dass mit Rechtsradikalen zu marschieren falsch sei. Aber vor allem sollte man, so Gardemann: »Weitermachen!«

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