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An der Ostsee sind die anderen

Für ärmere Kinder gestalten sich diese Sommerferien zum Teil sehr langweilig

  • Von Rainer Rutz
  • Lesedauer: 4 Min.
Kinderarmut: An der Ostsee sind die anderen

Es ist schwül, die Nachmittagssonne knallt und der Geräuschpegel ist hoch im Hof der Kinder- und Jugendeinrichtung »Arche« an der Tangermünder Straße in Hellersdorf. Etwas mehr als 40 Jungen und Mädchen toben über den grauen Asphalt des ehemaligen Grundschulgeländes am Berliner Stadtrand. Die größte Attraktion für die Kids heute: das riesige aufblasbare Planschbecken am Rand. »Voll cool« sei das, sagt der 11-jährige Manuel* völlig außer Atem. Auch die gleichaltrige Kathleen hat »super viel Spaß«.

Bis zu 250 Kinder und Jugendliche wurden »vor Corona« täglich in der deutschlandweit bekannten christlichen Einrichtung betreut, berichtet Arche-Gründer Bernd Siggelkow. Normalerweise sei das Lautstärkelevel also sehr viel höher. Normal ist aber nach wie vor nichts. Auch nicht in den in einer Woche zu Ende gehenden Sommerferien.

Aufgrund der anhaltenden Corona-Pandemie dürfen am Tag nicht mehr als 60 Jungen und Mädchen kommen, erklärt Siggelkow. Das heißt: Nicht jedes Kind kann jeden Tag vorbeischauen.

Und wen von ihnen man auch fragt, wie sie die vergangenen fünf Ferienwochen erlebt haben: die Antworten fallen fast immer ähnlich aus. Abgesehen von den limitierten Tagen in der »Arche« war »alles ein bisschen langweilig, weil man die ganze Zeit zu Hause bleiben musste«, erzählt die 13-jährige Seda. Sie habe viel auf dem Hof gespielt. Auch Kathleen sagt: »Die Ferien waren eigentlich gut, aber auch oft langweilig.« Im vergangenen Jahr konnte sie mit ihren Eltern in den Sommerferien an die polnische Ostsee fahren. Das sei dieses Jahr flach gefallen. »Es war irgendwie alles anders«, sagt auch Jamie. Die Freundinnen der 9-Jährigen seien gerade im Urlaub. Nur sie musste in Berlin bleiben. »Voll traurig« sei das. In den Tagen, die sie nicht in der »Arche« verbracht hat, hat sie sich die Zeit irgendwie vertrieben: »Ich habe mit meiner Schwester gespielt. Und mit dem Handy, damit mir nicht langweilig wird. Aber irgendwann war das auch langweilig, weil ich schon alle Spiele durch hatte.«

Seda, Kathleen, Jamie und all die anderen Kids wohnen in unmittelbarer Umgebung der »Arche«, mithin in einem Viertel, das im alljährlich erscheinenden Senatsbericht »Monitoring Soziale Stadtentwicklung« verlässlich auf einem der letzten Plätze landet. Auch wenn sich die soziale Lage in der Gegend um die Hellersdorfer Promenade in den vergangenen Jahren etwas verbessert hat, ist hier nach wie vor fast ein Drittel der Bevölkerung auf staatliche Transferleistungen angewiesen. Rund 60 Prozent der Jungen und Mädchen unter 15 Jahren wachsen in Armut auf. Zum Vergleich: Im Berliner Durchschnitt gelten etwas mehr als 28 Prozent aller Kinder als arm. »Insgesamt ballt sich die Kinderarmut in Berlin. Der Kampf dagegen ist eine der größten Herausforderungen der Stadt«, sagt auch Stefan Ziller, der für die Grünen im Abgeordnetenhaus sitzt und seinen Wahlkreis in Marzahn-Hellersdorf hat.

Eine jüngst vorgestellte Studie der Bertelsmann-Stiftung zur Kinderarmut in Deutschland kommt zu dem Schluss, dass die größten Unterschiede zwischen Kindern aus sozial benachteiligten und finanziell gesicherten Verhältnissen beim Thema Urlaub zu Tage treten. Demnach fahren 73 Prozent der Familien, die von der Grundsicherung leben müssen, nicht einmal für eine Woche im Jahr in den Urlaub. Folgt man Arche-Chef Siggelkow, so beträgt die Quote in seiner Einrichtung in diesen Sommerferien 100 Prozent: »Unsere Kinder fahren nicht in den Urlaub.« Das sei, so Siggelkow, auch in den vergangenen Jahren nicht wesentlich anders gewesen, die Pandemie habe die Situation aber noch einmal zugespitzt. »Existenzielle Ängste, Zukunftsängste, Versagensängste - so sieht das hier doch in den Familien aus«, sagt Siggelkow. Und damit fahre man nicht in den Urlaub.

Coronabedingt kommt hinzu, dass aktuell viele Möglichkeiten der Ferienfreizeitgestaltung ganz wegfallen oder zumindest nur unter erschwerten Bedingungen machbar sind. Ins Freibad oder in den Tierpark etwa kommt nur, wer sich vorher online Tickets gebucht hat. Sommercamps im Grünen wurden aus Sicherheitsgründen frühzeitig storniert - auch die von der »Arche«.

Tatsächlich, sagt Stefan Ziller von den Grünen, gebe es für die Kids aus Hellerdorf - neben der christlichen Einrichtung - »natürlich auch noch zahlreiche öffentliche Akteure im Stadtteil, die gute Arbeit machen.« Das Problem der bezirklichen Einrichtungen sei allerdings vielfach die mangelhafte Ausstattung. Es fehle an Personal und an einer soliden Finanzierung, und das müsse sich ändern. »Wenn man Kinderarmut durchbrechen will, muss man auch entsprechende Ressourcen bereitstellen.«

Vielleicht weil das Ferienangebot in diesem Sommer selbst in der »Arche« mit Einschränkungen verbunden war, freuen sich die meisten Kinder auch darauf, dass in wenigen Tagen die Schule wieder beginnt. Nur Manuel graust es bei dem Gedanken: »Viel zu anstrengend. Aber vielleicht hat ja die Schule dann auch bald wieder zu wegen Corona. Das wäre supergeil.«

*Alle Namen der Kinder sind geändert.

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