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Kein Stein darf versetzt werden

Roma- und Sintiverbände beziehen noch einmal Stellung zum gefährdeten Mahnmal in Tiergarten

  • Von Claudia Krieg
  • Lesedauer: 4 Min.

Die 95-jährige Zilli Schmidt ist noch immer erschüttert. »Wie ein Pudel, den man in die Ecke stellt«, habe sie sich gefühlt, als sie die Nachricht erhielt, berichtet die Überlebende des nationalsozialistischen Vernichtungslagers Auschwitz am Montagvormittag bei einer Pressekonferenz mit Vertreter*innen verschiedener Sinti und Roma-Verbände. Es ist der Tag der Erinnerung an die Hunderttausenden von den Nazis ermordeten Angehörigen der größten europäischen Minderheit vor über 75 Jahren.

Sie könne nicht mehr schlafen angesichts des Wissens, dass man das seit acht Jahren bestehende Mahnmal antasten wolle, sagt Schmidt, die als einzige ihrer Familie dem »Porajmos«, dem Völkermord an den Sinti und Roma, entkommen konnte. Ende Mai hatte die Deutsche Bahn AG mitgeteilt, dass sie zugunsten ihres neuen Streckennetzes das Mahnmal der ermordeten Sinti und Roma in Tiergarten zu entfernen oder zu versetzen beabsichtigt, beziehungsweise direkt darunter einen S-Bahn-Tunnel für die Linie S21 zu bauen oder die Gleise direkt neben das Mahnmal zu verlegen.

Für viele Angehörige der Roma und Sinti nicht nur in Berlin, sondern landes- und auch europaweit ist das ein unglaublicher Skandal. Das Mahnmal war nicht nur politisch schwer erkämpft worden, es gilt vor allem vielen Überlebenden und von fortwährender Verfolgung Betroffenen als Ort des Gedenkens, weil die Ermordeten und Verlorenen keine Graborte haben, an denen man sich ihrer erinnern konnte. Für viele deutsche Sinti ist das Denkmal ein symbolisches Grabmal: Sie nennen es mulno - ein unverletzlicher Ort, der dem Andenken und der Ehre ihrer Toten gewidmet ist. »Es ist das einzige, was wir haben und dafür sind wir dankbar«, versucht auch Zilli Schmidt zu erklären, warum ihr die Pläne einfach unbegreiflich sind.

Die Reaktionen auf das Bekanntwerden der Pläne der DB folgten prompt. Umgehend gründete sich Ende Mai das Aktionsbündnis »Unser Denkmal ist unantastbar!«, koordiniert von der RomnoKher gGmbH - Ein Haus für Kultur, Bildung und Antiziganismusforschung sowie der Hildegard Lagrenne Stiftung für Bildung, Inklusion und Teilhabe von Sinti und Roma in Deutschland. In deren Stiftungsrat sitzt unter anderem die ehemalige Bundestagspräsidentin Rita Süßmuth (CDU) - sie fordert auch persönlich, das Denkmal in seiner Gesamtheit zu erhalten.

Eine Petition »Das Mahnmal der ermordeten Sinti & Roma bleibt!« wurde von knapp 7500 Menschen unterschrieben. »Wie wollen Sie die Beseitigung eines Denkmals gegenüber so vielen Menschen in Europa rechtfertigen?«, fragt Verena Lehmann vom Verein Roma-Sinti-Pride, die die Unterschriftensammlung initiiert hat. Der Künstler Dani Karavan, Schöpfer des Denkmals, teilte mit, er werde »persönlich kommen und es mit meinem Körper schützen«. Karavan hatte das Mahnmal zusammen mit dem Musiker, grünen Europaabgeordneten und Sinto, Romeo Franz, entwickelt. Franz erklärt am Montag noch einmal, wie das Ensemble aus Musik, die er eingespielt hat und den architektonischen Elementen funktioniere: »Die Klanginstallation ist genau auf das Gelände abgestimmt. Man kann hier nicht einfach Bäume fällen«, empört sich Franz. Man werde nicht zulassen, dass auch nur ein Stein versetzt werde, ergänzt Verena Lehmann. »Es ist Ihre geschichtliche Verantwortung, dass dieses Denkmal nicht angetastet wird«, richtet sie sich noch einmal direkt an die verantwortlichen Unternehmen. Nicht nur habe die Vorgängerin der DB, die Deutsche Reichsbahn, mit ihren Transporten unmittelbar die millionenfache Vernichtung von Menschen durch die Nationalsozialisten unterstützt und davon profitiert, auch die Berliner Verkehrs-Aktiengesellschaft, die Vorläuferin der heutigen Verkehrsbetriebe (BVG) hätten damals Tausende Zwangsarbeiter in der Hauptstadt ausgebeutet.

Die Welle an Empörung ließ sowohl die DB als auch die BVG nicht kalt. Am Dienstag soll in einem Spitzengespräch mit dem Zentralrat der Sinti und Roma erörtert werden, ob es Alternativen für den geplanten Streckenverlauf gibt. Das heißt aber auch: Noch ist der Skandal nicht abgewendet. Die Initiative für den Erhalt des Denkmals fordert, es zu einem »Zwangspunkt« in den Bauplanungen zu erklären, so dass es, ähnlich dem Mahnmal für die ermordeten Juden und Jüdinnen in Europas nicht angetastet werden darf. »Die zwanzig Jahre Kampf um das Denkmal sind unauslöschlich in unserem Gedächtnis«, bekräftigt Romeo Franz den zu erwartenden Widerstand, sollte dies nicht eintreffen.

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